Preis für besondere Zivilcourage

Sie möchte die Erinnerung wachhalten

Inge Krämer möchte die Erinnerung an die NS-Zeit an kommende Generationen weitergeben. Für ihr Engagement wird sie morgen mit dem Silbernen Schuh geehrt. Foto: Christian Beier
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Inge Krämer möchte die Erinnerung an die NS-Zeit an kommende Generationen weitergeben. Für ihr Engagement wird sie morgen mit dem Silbernen Schuh geehrt.

Inge Krämer wird für ihre Bildungsarbeit an Schulen zum Thema NS-Zeit mit dem Silbernen Schuh ausgezeichnet.

Solingen. Es ist fünf Uhr morgens in einer Zechensiedlung in Herne, als Gestapo-Beamte im April 1944 laut polternd in die Wohnung einer Familie einfallen und Inge Krämers Vater, einen politisch aktiven Kommunisten, in Haft nehmen. Der Vorwurf an ihn: Gefangenenbegünstigung. Der damalige Bergmann hatte immer wieder russischen Zwangsarbeitern unter Tage heimlich Brot zugesteckt – mit einer Grubenlampe leuchtete er ihnen den Weg, wo er die Essensration deponiert hatte. Als Inge Krämer ihren Vater später gemeinsam mit ihrer Mutter im Gerichtsgefängnis in Herne besucht, zerschneidet ein Wachmann vor ihren Augen den Hemdkragen des Vaters und schlägt wutentbrannt den Kuchen zu Brei, den ihre Mutter für den Vater gebacken hatte. „Er hat darin eine verbotene Botschaft vermutet, aber natürlich nichts gefunden.“

Ich möchte keine Angst verbreiten, sondern Mut machen.

Inge Krämer

Die 84-Jährige bekommt ein wenig feuchte Augen, wenn sie diese Geschichte erzählt. Es sind Schlüsselerlebnisse wie diese, die die heutige Solingerin ein Leben lang nicht mehr loslassen werden. Und die in ihr die Überzeugung festigen: So etwas darf nie wieder passieren. Sie möchte die Erinnerung an die Tyrannei der NS-Zeit wachhalten und die Lehren daraus an kommende Generationen weitergeben. Deshalb engagiert sie sich seit Jahren unermüdlich im Kampf gegen Rechtsextremismus und besucht regelmäßig Solinger Schulen, um den Kindern und Jugendlichen von heute zu erzählen, was damals war.

Dafür erhält sie am Freitag bei der Demokratiekonferenz in der Alten Maschinenhalle den Silbernen Schuh, den Preis für besondere Zivilcourage, den das Bündnis für Toleranz und Zivilcourage verleiht. Darauf angesprochen, wirkt Inge Krämer beinahe ein wenig verlegen. „Ich weiß gar nicht, wer mich dafür vorgeschlagen hat.“ Gerechnet habe sie mit der Ehrung nicht. Überhaupt ging es ihr mit ihrem Wirken nie um ihre Person, sondern ausschließlich um die Sache.

Krämer möchte keine Angst verbreiten, sondern Mut machen

Die Schüler hängen meist gebannt an ihren Lippen, wenn Inge Krämer von ihren Erfahrungen berichtet. Eines ist ihr dabei sehr wichtig: „Ich möchte keine Angst verbreiten, sondern Mut machen.“ Und tatsächlich kann sie mit ihrer Familiengeschichte auch Hoffnung schenken: So schildert sie im Gespräch mit dem ST, wie amerikanische Soldaten kurz nach dem Ende des Krieges als Alliierte gemeinsam mit russischen Soldaten auf ihr Haus zukamen. Insbesondere ein russischer Arzt wollte der Familie einfach nur seinen Dank ausdrücken – Inge Krämers Eltern haben den Krieg beide überlebt. „ Der Russe hat meinen Vater wiedererkannt“, weiß sie noch. Vor den Amerikanern habe der Mann auf ihren Vater gedeutet – mit dem Hinweis, dass dieser ihm geholfen habe.

Nach Solingen hat es die gebürtige Ruhrgebietspflanze der Liebe wegen verschlagen. Bei der „Brüsseler Weltausstellung“ lernte sie 1958 Ehemann Horst kennen, einen Solinger. Dass sie sich so stark in der Bildung und Erinnerungskultur engagiert, hat auch mit ihrer Tochter zu tun. „Sie hat als Kind immer zu mir gesagt: ,Mama, erzähl’ doch mal eine schöne Geschichte.’ Und das konnte ich einfach nicht.“

Als wäre es erst gestern gewesen , kann sich Inge Krämer auch noch an einen Schriftzug erinnern, der nach dem Krieg an einer Hausfassade gegenüber dem Haus der Familie prangte. „Nie wieder“ stand dort in großen Lettern geschrieben. „Es waren die ersten Worte, die ich lesen konnte.“ Und sie wurden ein Credo für ihr Leben.

Auch Schreiben gehört zu Inge Krämers Leidenschaft. Für das Buch „Kinder des Widerstandes aus dem Bergischen Land“ hat sie als eine von zehn Autorinnen und Autoren einen Beitrag über ihre Kindheitserinnerungen verfasst. Das größte Glück für die meinungsstarke Solingerin? „Ab und zu treffe ich einen Jugendlichen auf einer Demo gegen Rechts wieder, in dessen Klasse ich mal einen Vortrag gehalten habe. Dann habe ich mein Ziel erreicht.“

Veranstaltung

Der „Silberne Schuh“ wird im Rahmen der Demokratiekonferenz am morgigen Freitag ab 16 Uhr verliehen. Die Veranstaltung wird aus der Alten Maschinenhalle mit einem vielfältigen Programm als digitale Live-Sendung per Zoom übertragen. Aufgrund des aktuellen Infektionsgeschehens wird auf eine Präsenzveranstaltung auch in diesem Jahr vollständig verzichtet.

wasistdalos.solingen.de

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