Jahrhunderthochwasser in Solingen

Schwere Vorwürfe gegen Wupperverband

Das noch vor Wochen malerische Grundstück von Sarah und Benedikt Wiemer in der Hofschaft Haasenmühle gleicht einem Trümmerfeld. Erst kürzlich hatte das Paar für die Sanierung des alten Fachwerkhauses einen Denkmalschutzpreis erhalten. Fotos: Michael Schütz
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Das noch vor Wochen malerische Grundstück von Sarah und Benedikt Wiemer in der Hofschaft Haasenmühle gleicht einem Trümmerfeld. Erst kürzlich hatte das Paar für die Sanierung des alten Fachwerkhauses einen Denkmalschutzpreis erhalten.

Gefahr für Menschen und Schäden hätten laut Rechtsanwalt weitgehend vermieden werden können

Solingen. Die Vorwürfe gegen den Wupperverband wiegen schwer. Geht es nach Rechtsanwalt Frank Adolphs, der mit der Interessengemeinschaft Kohlfurth rund 50 Haushalte aus Solingen und Wuppertal gegen den Wasserwirtschaftsverband vertritt, hätten die dramatischen Ereignisse des 14. Juli teilweise vermieden werden können. Adolphs ist überzeugt: „Ohne die gravierenden Fehler des Wupperverbandes hätten vielleicht kleinere Schäden in Kauf genommen werden und ein paar Gebäude geopfert werden müssen. Es wären aber keine Menschenleben in Gefahr gewesen.“

Kürzlich hat der Jurist Strafanzeige gegen den Wupperverband gemäß Paragraf 313 des Strafgesetzbuches gestellt, der sich auf das Herbeiführen einer Überschwemmung bezieht. „Die Anzeige ist gut 15 Seiten lang“, bestätigte Oberstaatsanwalt Wolf-Tilman Baumert auf Nachfrage. Ob in der Sache ermittelt werden müsse, werde derzeit geprüft.

Sarah und Benedikt Wiemer

Adolphs Kritik zielt im Wesentlichen auf zwei Aspekte: Zum einen habe der Wupperverband die Kommunen und deren Feuerwehren deutlich zu spät alarmiert, obwohl die Wetterprognosen bereits auf ein extremes Starkregenereignis hingewiesen hätten. Auch sei kein Alarm bei der Feuerwehr und dem THW ausgelöst worden.

Rechtsanwalt: Spätestens am 12. Juli hätte der Katastrophenfall ausgerufen werden müssen

„Unseres Erachtens hätte spätestens am 12. Juli der Katastrophenfall ausgerufen werden müssen“, argumentiert Adolphs und verweist auf den Fall einer Mandantin aus Burg. Deren 19-jährige Tochter hatte versucht, sich mit einigen Nachbarn mit einem Sprung ins Wasser zu retten. Zwar sei es der jungen Frau gelungen, unverletzt ans Ufer zu gelangen, doch habe sie sich mit ihrer Aktion „in absolute Lebensgefahr“ begeben – sie wurde von der Strömung des Flusses erfasst und mitgerissen.

Sarah und Benedikt Wiemer hatten noch im Juni für die Sanierung ihres liebevoll hergerichteten Fachwerkhauses in der Hofschaft Haasenmühle einen Denkmalschutzpreis erhalten. Jetzt gleicht die untere Etage einem Rohbau. Sarah Wiemer ist sich sicher: „Das war ein Problem mit Ansage.“ Sie habe an jenem Tag den Wupperverband bezüglich der bevorstehenden Flutkatastrophe gewarnt. Daraufhin habe zwar ein Mitarbeiter die Familie zu Hause aufgesucht, sei aber, kurz bevor das Wasser kam, wieder gefahren.

Weiterhin werfen die Kläger dem Wupperverband eine falsche Regulierung der Talsperren vor. Diese seien kurz vor der Katastrophe „bis zum Anschlag gefüllt“ gewesen. „Beim ersten Anzeichen eines Niederschlags muss ich die Talsperren öffnen können“, so Adolphs. Dies sei aber nicht möglich gewesen.

Katastrophe durch Wetterprognose war angeblich nicht absehbar

In Bezug auf den Vorwurf der unzureichenden Alarmierung verweist der Wupperverband auf die Prognosen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in den drei Tagen vor dem Hochwasser und dem Tag der Katastrophe selbst. Am Vortag des Unwetters waren für den 14. Juli „schauerartige, teils gewittrige Regenfälle“ sowie „lokal extreme Regensummen“ vorausgesagt. „In der Fläche fallen 20 bis 40, gebietsweise auch 50 bis 90 Millimeter“, hieß es darin.

Susanne Fischer, Sprecherin des Wupperverbandes, erläutert die Zahlen: „Die tatsächlichen Regenfälle lagen dann flächig im gesamten Einzugsbereich der Wupper-Talsperre zwischen 120 und 160 Millimeter in 24 Stunden. „Ein solches Starkregenereignis war weder so vorhergesagt, noch ist es in der flächenmäßigen Ausprägung jemals so aufgetreten.“

Alles muss saniert werden.

Auch in Bezug auf die Regulierung der Talsperren betrachtet der Wupperverband die Ereignisse des 14. Juli im Nachhinein als nicht kalkulierbar. Durch hohe Niederschläge in den Vorwochen sei deren Füllstand am Oberlauf der Wupper für die Jahreszeit ungewöhnlich hoch gewesen. Deshalb habe man bereits am 12. Juli die Talsperren schrittweise entlastet, indem man vorsorglich Wasser abließ.

„Aufgrund der vorgenommenen Entlastungen betrug das für die Pufferung von Regenmengen verfügbare Volumen in allen Talsperren am Oberlauf der Wupper 4,33 Millionen Kubikmeter“, so Fischer. Dieser Puffer in der Talsperre wäre nach Darstellung des Wupperverbandes bei einem Zufluss von 70 Kubikmeter pro Sekunde ausreichend gewesen – der höchste, jemals gemessene Zufluss in der Wupper-Talsperre in 35 Betriebsjahren. Am fraglichen Tag habe der Wasserzulauf laut Schätzungen in der Spitze bis zu 230 Kubikmeter erreicht, also mehr als das Dreifache. Die weitere Untersuchung der technischen Rahmenbedingungen wird nun Sache von Gutachtern sein.

Schadensmeldungen

Der Gesamtschaden für die Betroffenen der IG Kohlfurth sei noch nicht bezifferbar, sagte Frank Adolphs. In der Kohlfurth befinden sich 45 Häuser, bei denen jeweils mindestens 80 000 Euro Gebäudeschaden entstanden sei.

Der Wupperverband versicherte, dass derzeit alle gemeldeten Schäden und Ansprüche detailliert geprüft würden. Man werde sich nach Abschluss der Ermittlungen zu den Sachverhalten mit den Anspruchstellern in Verbindung setzen.

Standpunkt: Aufarbeitung braucht Zeit

Kommentar von Kristin Dowe

kristin.dowe@ solinger-tageblatt.de

Wer wusste wann was und hätte welche Schlüsse daraus ziehen müssen? Und hätte das Ausmaß der Hochwasserkatastrophe zumindest im Bergischen eingedämmt werden können, wenn Alarmierungsketten schneller funktioniert, Warnungen rechtzeitig ernstgenommen worden wären? Bei der Beantwortung dieser Fragen wird es um technische Details gehen, die nur von fachkundigen Gutachtern eruiert werden können. Allein die Kalkulation der Schäden wird ihre Zeit brauchen, wobei die Menschen in Unterburg froh sein dürften, dass sie buchstäblich mit dem Leben davon gekommen sind. Einzelschicksale zeigen auf erschütternde Weise, wie knapp es teilweise war. Der Wupperverband sieht sich nun schweren Vorwürfen ausgesetzt. Pauschale Schuldzuweisungen wären ebenso falsch wie die voreilige Schutzbehauptung, dass es im Vorfeld der Katastrophe keinerlei Versäumnisse gegeben hat. Klar ist aber auch: Wenn sich die Vorwürfe auch nur in Teilen bewahrheiten sollten, muss der Wupperverband vollumfänglich die Verantwortung dafür übernehmen. Bis dahin gehören die Untersuchungen in die Hände von Experten.

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