Montagsinterview

Der Schulstart wird ein Balanceakt

Jens Merten ist Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) in Solingen. Foto: Michael Schütz
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Jens Merten ist Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) in Solingen.

Jens Merten, Vorsitzender des Solinger VBE, zur Rückkehr in die Schulen unter Corona-Bedingungen.

Das Gespräch führte Simone Theyßen-Speich 

Herr Merten, gehen die Lehrer nach den Sommerferien entspannt zurück in die Schulen?

Jens Merten: Die Pause hat vielen Kollegen gut getan. Die meisten Lehrer sind sehr beladen in die Ferien gegangen, sie brauchten Abstand. Gerade die Schulleitungen haben seit Jahresbeginn durchgearbeitet. Jetzt kommen die Kollegen frisch motiviert, aber auch mit gewissen Bauchschmerzen zurück in die Schulen.

Ist die von Ministerin Yvonne Gebauer vorgegebene Maskenpflicht auch während des Unterrichts aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Jens Merten: Mit Blick auf die Corona-Hygienevorgaben ist es sinnvoll. Man hätte sicherlich auch andere Wege gehen können, aber die Maskenpflicht war der einfachste Weg für die Landesregierung, um viel Unterricht zu ermöglichen. Pädagogisch und medizinisch ist die Maskenpflicht aber eine Katastrophe, besonders bei dem aktuellen Wetter. Die Situation ist sehr belastend für Schüler und Lehrer. Nicht ohne Grund gehen Eltern auf die Barrikaden. Was in dem Konzept fehlt, sind gewisse Freiräume, etwa am Sitzplatz die Maske auch in den weiterführenden Schulen abnehmen zu dürfen. Sinnvoller ist die Entzerrung des Unterrichts da, wo es geht. Die Grundschulen haben versetzte Start- und Pausenzeiten. Auch die weiterführenden Schulen haben sich hinsichtlich des Schulbeginns abgestimmt. Die Koordinierung der Stadt war sehr sinnvoll.

Die Landesschülervertretung fordert auch für die Lehrer Maskenpflicht. Wie stehen Sie dazu?

Jens Merten: Grundsätzlich gilt auch für die Lehrkräfte eine Maskenpflicht. Das Problem ist aber, dass ein Lehrer, der mit Maske spricht, in den hinteren Sitzreihen nicht mehr verstanden wird. Auch die Mimik ist nicht erkennbar, das erschwert die Beziehungsarbeit mit den Kindern. Daher darf die Maske bei Einhaltung des 1,50-Meter-Abstands abgelegt werden.

Welche Alternativen sind sinnvoll, um die Abstandsregeln einzuhalten?

Jens Merten: Das rollierende System mit kleineren Gruppen wäre für die ersten zwei Wochen sinnvoll gewesen. Das wäre ein riesiger Organisationsaufwand und mit den aktuellen Personalressourcen nicht zu stemmen gewesen. Corona ist dabei ein Brennglas der Probleme, die es ohnehin gab: zu kleine Räume, zu große Klassen und zu wenig Lehrer. Der Vorschlag, im Freien zu unterrichten, kann nur für einzelne Klassen umgesetzt werden. Viele gute Ideen scheitern schnell in der Umsetzung. Mit der Entscheidung, die Schulen auf einen Schlag zu öffnen und den Hygieneschutz so hochzuhalten, nimmt man sich viele Möglichkeiten.

Ist es grundsätzlich richtig, wieder mit Präsenzunterricht für alle zu beginnen?

Jens Merten: Prinzipiell ist es der richtige Weg. Es ist für alle Beteiligten ein Schritt in eine gewisse Normalität. Politisch wird aber eine Normalität verkauft, die wir nicht haben. Die Maske ist ein Symbol dafür, dass es eben kein Regelbetrieb ist. Das Problem an den Schulen ist, dass sie eine maximale Stundenzahl anbieten und dafür alles aufbieten müssen, was sie an Personal haben. Wenn ein Lehrer ausfällt, steht eine Klasse unversorgt da. Konsequenterweise müsste die Gruppe dann ins Distanzlernen gehen. Früher konnte man im Krankheitsfall Klassen aufteilen, das geht jetzt nicht. Daher wäre es sinnvoll, wenn die Schulen nur eine Mindesttafel an Stunden anbieten würden, um noch Personalressourcen in der Hinterhand zu haben.

Wie ist die Lehrerversorgung für Präsenzunterricht?

Jens Merten: Vor den Ferien wurden über 60-Jährige, Schwangere und Kollegen mit Vorerkrankungen vom Präsenzunterricht befreit. Jetzt gibt es diese „Risikogruppen“ nicht mehr. Ein Attest erhalten Lehrer nur nach strengen Kriterien über den Arzt. Im Grundschulbereich sind geschätzt unter zehn Prozent betroffen, etwa Lehrer mit Immunsystem-Erkrankungen.

Was waren in den vergangenen Monaten die Probleme beim Digitalunterricht?

Jens Merten: Hauptproblem war, dass es sehr unterschiedliche Voraussetzungen in den Schulen gab. Einige Lehrer haben vorher schon mit digitalen Angeboten gearbeitet, für andere war das Neuland. In den Schulen und Familien fehlten teilweise technische Ausstattungen. Ein Problem war auch der Datenschutz. Es ist Schulen beispielsweise verboten, über WhatsApp und Zoom-Konferenzen zu kommunizieren. Stattdessen ist das Portal Logineo seit einigen Monaten auf dem Markt, aber längst sind noch nicht alle Solinger Schulen angeschlossen. Jede Schule hat da einen eigenen Weg gesucht. Die Grundschulen haben sich mit der Firma Codecentric über ein eigenes Netzwerk verbunden.

Was kann man Schulen und Lehrern empfehlen?

Jens Merten: Der Schulstart wird für alle ein Balanceakt, weil wir einen Spagat schaffen müssen. Teilweise kommen freitags Vorgaben, die montags umgesetzt werden müssen. Viele Eltern haben angekündigt, ihre Kinder mit Attest zu Hause zu halten und darauf zu bestehen, dass sie digital beschult werden. Lehrkräfte, die mit Attest von zu Hause arbeiten, müssen dann die digitale Beschulung übernehmen, mit dem Problem, dass die Kinder aus verschiedenen Stufen kämen. Alternativ werden sie Arbeiten korrigieren oder digitale Konzepte vorbereiten. Für all das fehlen konkrete Vorgaben. Es gibt aber jetzt eine rechtliche Sicherheit, so dass Schülerarbeiten aus dem Distanzlernen anders als vor den Sommerferien jetzt benotet werden dürfen.

Wie weit ist die angekündigte Ausstattung mit digitalen Endgeräten?

Jens Merten: Man muss die Stadt loben, weil sie hier schnell handelt. So erhält Solingen für Notebooks und Tablets 7,6 Millionen Euro für die Schüler und 1,3 Millionen für Lehrkräfte. Ein Teil der Geräte für bedürftige Schüler ist wohl schon da und muss jetzt verteilt werden. Zeitlich problematisch ist, dass die Ausschreibung europaweit erfolgt und der Markt leergefegt ist. Insgesamt hat die Stadt einen guten Job gemacht und auch bei einzelnen Covid-19-Fällen vor den Ferien mit dem Gesundheitsamt unkompliziert mit den Schulen zusammengearbeitet.

Was halten Sie von den angebotenen 14-tägigen Tests für Lehrer?

Jens Merten: Das Testangebot ist ein gutes und wichtiges Zeichen. In Solingen gibt es aber etwa 2500 Lehrer. Um die alle außerhalb der Schulzeit zu testen, werden die Kapazitäten und Termine in den Arztpraxen vermutlich nicht reichen.

Wie werden die ersten zwei Schulwochen jetzt ablaufen?

Jens Merten: Wir haben eine zwiegespaltene Gesellschaft, die einen sind sehr vorsichtig, die anderen wollen alles öffnen, das gilt auch für Eltern und Lehrer. Es ist grundsätzlich in Ordnung, jetzt erst mal für zwei Wochen die Entwicklung zu beobachten. Wichtig wäre es, den Schulen mehr Freiräume für eigene Lösungen zu geben und mehr Vertrauen in Schulen zu setzen.

Persönlich

Privat: Jens Merten (44) ist selbst Vater zweier schulpflichtiger Kinder.

Beruflich: Der Grundschullehrer ist Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) in Solingen.

Schulleitungen, Schulverwaltung, Stadtwerke und Gesundheitsamt haben in dieser Woche darüber beraten, wie auch der Weg zur Schule per Bus mit Blick auf die Pandemie-Vorschriften anders gestaltet werden kann.

Ankündigung des Schulministeriums: NRW führt Maskenpflicht im Unterricht ein - Schülern drohen harte Strafen.

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