Ängste nehmen

Solinger Schulen greifen den Krieg in der Ukraine im Unterricht auf

An der Gesamtschule Höhscheid ist der Krieg in der Ukraine nicht nur Thema im Unterricht. Lehrerin Lu Thomas (von links) hat mit Ibrahim, Eyüp, Iman und ihren Mitschülern und Mitschülerinnen für die Menschen aus der Ukraine Sachspenden gesammelt. Foto: Christian Beier
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An der Gesamtschule Höhscheid ist der Krieg in der Ukraine nicht nur Thema im Unterricht. Lehrerin Lu Thomas (von links) hat mit Ibrahim, Eyüp, Iman und ihren Mitschülern und Mitschülerinnen für die Menschen aus der Ukraine Sachspenden gesammelt.

Der Überfall Russlands auf die Ukraine beherrscht seit Tagen die Nachrichten. Dabei ist klar: Ein so beherrschendes Thema macht auch vor den Schulen nicht halt.

Von Anja Kriskofski

Solingen. Bereits in den Grundschulen sprechen die Lehrkräfte mit den Kindern über den Krieg. „Ich finde es sehr sinnvoll, das zu thematisieren. Einige Kinder sprechen es auch von sich aus an“, sagt Sabine Riffi, Rektorin der Grundschule Uhlandstraße und Mitglied im Sprecherrat der Solinger Schulen. Dabei gehe es unter anderem darum, den Mädchen und Jungen Ängste zu nehmen. Auch an den weiterführenden Schulen versuchen die Lehrkräfte, Ansprechpartner zu sein – und vor allem zu informieren.

„Es geht zunächst darum, die Faktenlage darzustellen“, erklärt Hans-Martin Rahe, Rektor der Albert-Schweitzer-Realschule. „Denn wir können nicht davon ausgehen, dass die Schüler und Schülerinnen sich korrekt informieren.“ In den Fächern Politik, Sozialwissenschaften und Religion werde das Thema aufgegriffen. Rahes Kollege Joachim Blümer von der Theodor-Heuss-Schule (THS), Sprecher der Solinger Schulleiter, spricht von einem „Halbwissen“ über den Ukraine-Krieg, das man bei vielen Jugendlichen beobachte. „Gleichzeitig ist großer Gesprächsbedarf da.“ Auf Anregung des Kollegiums hätten sich deshalb am Freitag alle Klassen mit dem militärischen Konflikt in einer Stunde beschäftigt. Zur Einführung habe Schülersprecherin Fatoumatta Drammeh, die selbst ihre Heimat einst verlassen habe, per Durchsage eine gute Ansprache zum Thema gehalten.

Auch an der Realschule Vogelsang ist der Krieg Thema. „Das belastet die Kinder sehr“, weiß Rektorin Birgit Schoel. An der Schule gebe es Schüler und Schülerinnen mit familiären Verbindungen in die Region. Andere hätten eine eigene Fluchtgeschichte. „Unser Hauptauftrag ist, den Kindern Halt zu geben. Die Ereignisse sind ja schon für Erwachsene verstörend.“ Dabei habe das Kollegium auch einen Blick darauf, dass der Konflikt sich nicht auf die Schüler überträgt und russische Kinder von anderen angegangen werden. „Das ist zum Glück bislang nicht vorgekommen.“

Viele Schüler sammeln selbst Spenden

An der Gesamtschule Höhscheid habe es jedoch bereits einen solchen Vorfall gegeben, berichtet Schulleiter Dirk Braun. So sei in einer Klasse die Bemerkung gefallen: „Russen sind doof.“ Dabei gebe es in der Gruppe auch Kinder, deren Eltern aus Russland stammen. „Wir haben daraufhin eine Streitschlichtung gemacht.“ An der Gesamtschule werde der Krieg im Unterricht besprochen. Eingesetzt werde auch Material, das das NRW-Schulministerium empfohlen hat. Die Schule hat zudem zwei aktuelle Stunden angeboten, in denen die Schülerinnen und Schüler Fragen stellen konnten: „Es kamen jeweils rund 80“, erzählt Dirk Braun.

Solingen zeigt sich solidarisch mit der Ukraine - So können Sie jetzt helfen

Auch an der Grundschule Uhlandstraße gebe es Kinder mit persönlichen Bezügen in die Ukraine oder nach Russland, berichtet Sabine Riffi. Kinder mit russischen Wurzeln müssten vor Mobbing geschützt werden. „Wir müssen im Unterricht ansprechen, wer diesen Krieg führt und dass Kinder nicht dafür verantwortlich sind.“ Gleichzeitig werde thematisiert, was die Schüler selbst tun können. In den Schulstunden gestalteten sie Bilder mit Friedenstauben.

An vielen Schulen sind bereits Aktionen angelaufen. An der Gesamtschule Höhscheid werden Sachspenden gesammelt, die an ein ukrainisches Netzwerk übergeben werden. Unter anderem an der Geschwister-Scholl-Schule und an der THS werden Waffeln gebacken, um Spenden zu sammeln. An der August-Dicke-Schule kamen kistenweise Hilfsgüter zusammen.

Hintergrund

Das NRW-Schulministerium hat in einer Schulmail Internetseiten zusammengestellt, die den Krieg in der Ukraine und seine Hintergründe erklären. Empfohlen werden zum Beispiel die Bundeszentrale für politische Bildung sowie der Elternratgeber Flimmo und die Initiative Schau hin.

www.bpb.de

www.schau-hin.info

www.flimmo.de

Standpunkt: Kinder schützen

Von Anja Kriskofski

anja.kriskofski@solinger-tageblatt.de

Der Krieg in der Ukraine beschäftigt schon Grundschüler. Sechsjährige fragen, was gerade in Osteuropa passiert. Es ist wichtig, das Thema sensibel Im Unterricht aufzugreifen: Weil manche Kinder Ängste haben. Weil es bei anderen familiäre Bindungen ins Kriegsgebiet gibt. Und auch, weil viele Schülerinnen und Schüler sich nicht über Zeitungsartikel und seriöse Nachrichtenportale informieren, sondern ihr Wissen über den Krieg in der Ukraine aus Videos auf Youtube oder TikTok beziehen. Da gilt es, im Unterricht manches gerade zu rücken. Einen Blick müssen die Lehrkräfte auch auf die Konflikte haben, die sich zwischen Schülern entwickeln können. Sie müssen Kinder mit russischen Wurzeln schützen, wenn diese zu Sündenböcken gemacht werden sollen. Es ist Putins Krieg, nicht der Krieg aller Russen und schon gar nicht der russischstämmiger Kinder. Für das Thema zu sensibilisieren, ist gleichzeitig auch eine Vorbereitung: Denn die nächste Aufgabe wird sein, aus der Ukraine geflüchtete, traumatisierte Kinder und Jugendliche in den Schulen zu integrieren.

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