Gegen Rassismus

Schüler am Humboldtgymnasium lernen, Antisemitismus zu erkennen

In einem Einführungsvortrag vermittelte Sebastian Werner, Koordinator der Bildungsprojekte der Kölnischen Gesellschaft, erste Anhaltspunkte zu Geschichte und Geist des Antisemitismus. Foto: Michael Schütz
+
In einem Einführungsvortrag vermittelte Sebastian Werner, Koordinator der Bildungsprojekte der Kölnischen Gesellschaft, erste Anhaltspunkte zu Geschichte und Geist des Antisemitismus.

Die Kölnische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit entwickelte Bildungsangebote.

Von Renate Bernhard

Solingen. „Du Jude!“ – bald 90 Jahre nach der Machtergreifung der Nazis eine beliebte Beschimpfung auf deutschen Schulhöfen. Am Solinger Humboldtgymnasium wollte man das nicht mehr weiter so hinnehmen. Da man „Schule mit Courage und gegen Rassismus“ sein wolle, erklärt Schülersprecher Hendrik Röhr, habe die Schülerversammlung (SV) bestimmt: „Unsere Schule soll ein Ort des Wohlfühlens und des Miteinanders sein“. Schüler müssten Schülern helfen und es sei wichtig, dass ein kritisches Bewusstsein entstehe zum Hintergrund solcher Beschimpfungen.

Angeregt durch Anna Bathe, Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Sozialwissenschaften, beschloss die SV, die Ausstellung „Du Jude!“ an die Schule zu holen. Diese wurde von der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit entwickelt. Der Verein hat dazu auch Bildungsmaterialien erarbeitet. Damit können Multiplikatoren ausgebildet werden. 15 Schüler und Schülerinnen aus Mittel- und Oberstufe mit vier Lehrern und Lehrerinnen im Hintergrund besuchten einen vierstündigen Workshop zur Ausstellung, wurden dort in Moderation geschult. Ihre Mission: nach und nach alle Klassen der Schule in jeweils zweistündigen Workshops durch die Ausstellung zu führen, Selbstreflexion durch Arbeitsmaterialien und Fragen anzuregen, die daraus folgenden Gruppengespräche moderieren.

Carl Becker, 8. Klasse und Hendrik Röhr, 11. Klasse waren ein Leiterteam, in denen jeweils Mittel- und der Oberstufenschüler gemeinsam agierten. Das Ergebnis des vierwöchigen Projektes an ihrer Schule haben die beiden jetzt bei der Auftaktveranstaltung „Bildung gegen Antisemitismus“ in der alten Maschinenhalle im Gründer- und Technologiezentrum an der Grünewalder Straße vorgestellt. Fazit der beiden: Die Arbeitsmaterialien für die Reflexionsphasen seien sehr wichtig gewesen, um das nötige Hintergrundwissen vermitteln zu können.

Wie Solingen Antisemitismus begegnet

Dass sie sich das nicht selbst erarbeiten mussten, fanden die Schüler sehr hilfreich. „Der ganzen Schulgemeinschaft hat das Projekt viel Spaß gemacht“ sagt der 13-jährige Carl Becker. Es hätten sich dann auch Schüler geöffnet und gestanden: „Da habe ich blöde Witze gemacht.“ Man wolle unbedingt weiter an dem Thema arbeiten, da waren sich die beiden einig. „Am besten wäre jedes Jahr so eine Aktion, denn jedes Jahr kommen in der 5. Klasse ja Schüler nach, sonst ist das irgendwann wieder weg“, meint Carl Becker. Auch Lehrerin Anna Bathe zeigte sich sehr zufrieden: „Es war so schön, die Schüler in der Referentenrolle zu erleben und ihre Moderationsfähigkeiten zu beobachten.“ Rassismus wird das nächste Projekt sein. Das Schüler-Lehrer-Team will auch dafür den Input der Kölnischen Gesellschaft nutzen.

„Du Jude“ ist eine chronologisch aufgebaute Ausstellung, die die Wurzeln des Antisemitismus beleuchtet und ihre Weiterentwicklung bis heute verfolgt. Dazu gibt es Arbeitsmaterialien für Workshops, in denen man sich zum Beispiel auch mit Rollenspielen in die Position der Betroffenen einfühlen kann.

In einem Einführungsvortrag vor rund 40 Interessierten vermittelte Sebastian Werner, Koordinator der Bildungsprojekte der Kölnischen Gesellschaft, erste Anhaltspunkte zu Geschichte und Geist des Antisemitismus. Er zeigte Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Rassismus auf und machte vor allem eins deutlich: Beides sind trennende Arten zu denken, Erzählungen über „uns“ und „die anderen“, eine Welthaltung, die Menschen nach Kriterien sortiert, die auf Ausgrenzung basieren und ungleiche Machtverhältnisse behaupten und betonen. Mit Wohlfühlen und einem Ort des Miteinanders, so wie die Schüler ihre Welt gestalten wollen, hat das nichts zu tun.

Programme

Die verschiedenen Bildungsprogramme für Jugendliche und auch Erwachsene, die die Kölnische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit entwickelt hat, können kostenlos abgerufen werden. Diese Möglichkeit wurde von Michael Roden, Stadtdienst Integration gemeinsam mit dem Xenia Westpfahl, Caritasverband Wuppertal/Solingen erarbeitet. Gefördert wird das Angebot vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ Kontakt: Tel. (02 12) 23 13 49 22, Xenia.westpfahl@caritas-wsg.de.

Antisemitismus in Stichworten 

Ein Jahrtausende altes Phänomen; der Jude Christus wird Religionsstifter. Seine Anhänger teilen die Welt in „wir“ und „die“: Juden, die bei ihrem Glauben bleiben, sich nicht zur neuen Religion bekennen wollten, werden als starrsinnig und bedrohlich erlebt. Im Mittelalter bauen die erstarkten Christen auf MIssionierungs- und Eroberungsfeldzüge im „Gelobten Land“ ihre Feindseligkeit mit Verschwörungserzählungen aus. Mittelalterliche Holzschnitte machten Juden zu bluttrinkende Kindsmördern, Brunnenvergiftern und Wucherern. Bilder, die bis heute - von den Nazis wieder aufgelegt - in unseren Köpfen spuken. Die Folge: Berufsverbote, Stigmatisierung, Ghettoisierung, Pogrome, 6 Millionen von den Nazis ermordete Menschen im Holocaust - mittelalterliches Denken im 20. und 21. Jahrhundert, so alt wie die Hexenverbrennung, heute zum Teil subtil kaschiert, z.B. als Israelfeindlichkeit, über die sozialen Medien nun erneut verbreitet und befeuert.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Unbekannte Frauenleiche war Solingerin - Mordkommission übernimmt Ermittlungen
Unbekannte Frauenleiche war Solingerin - Mordkommission übernimmt Ermittlungen
Unbekannte Frauenleiche war Solingerin - Mordkommission übernimmt Ermittlungen
Makler sucht jetzt Käufer für den Walder Stadtsaal
Makler sucht jetzt Käufer für den Walder Stadtsaal
Makler sucht jetzt Käufer für den Walder Stadtsaal
26-Jähriger verursacht hohen Sachschaden bei Alleinunfall
26-Jähriger verursacht hohen Sachschaden bei Alleinunfall
26-Jähriger verursacht hohen Sachschaden bei Alleinunfall
Große Nachfrage nach 9-Euro-Ticket in Solingen
Große Nachfrage nach 9-Euro-Ticket in Solingen
Große Nachfrage nach 9-Euro-Ticket in Solingen

Kommentare