Zuwachs bei Umsätzen und Produktion

Schneidwarenindustrie erlebt gutes Jahr

Zum bislang letzten Mal fand die Ambiente in Frankfurt im Februar 2020 statt. Archivfoto: Sven Schlickowey
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Zum bislang letzten Mal fand die Ambiente in Frankfurt im Februar 2020 statt.

Branche beschäftigt sich mit der Zukunft der für sie wichtigsten Messe.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Hinter der Schneidwarenindustrie liegt ein „ungewöhnlich gutes Jahr“. Genaue Zahlen legt der Industrieverband Schneid- und Haushaltswaren (IVSH) zwar erst in einigen Wochen vor, doch bereits jetzt sind Trends erkennbar. Geschäftsführer Jens-Heinrich Beckmann berichtet von Zuwächsen bei Umsatz und Produktion in den ersten drei Quartalen von 2021. Anlass für Euphorie gebe es jedoch nicht: Preissteigerungen lassen die Margen sinken. Beckmann rechnet damit, dass sich die Situation „frühestens in der zweiten Jahreshälfte“ normalisiert. Derweil beschäftigt sich die Branche mit der Zukunft der für sie wichtigsten Messe.

2021 und 2022 fiel die Ambiente coronabedingt aus. In der vergangenen Woche hat sich die Messe Frankfurt zur zukünftigen Ausrichtung der Veranstaltung geäußert. Vorgesehen ist, die Ambiente Anfang Februar 2023 zeitgleich mit der Christmas- sowie der Creativeworld stattfinden zu lassen. „Ich denke, dass das eine unter den aktuellen Bedingungen richtige Entscheidung ist“, betont Beckmann. Die Messewirtschaft stehe unter Druck. Um die Führungsrolle im Bereich Konsumgüter zu behalten, sei es nötig, Kräfte zu bündeln.

Gleichwohl sieht der IVSH-Geschäftsführer einige offene Fragen. Die betreffen unter anderem die Verteilung der Aussteller auf dem Gelände. Zudem gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, ob sich die Fachmesse auch für auswärtiges Publikum öffnen sollte. Beckmanns Einschätzung: Mehrheitlich lehnen die Verbandsmitglieder diesen Schritt ab, die großen Unternehmen sind allerdings dafür. In den kommenden Wochen sollen diesbezüglich Gespräche stattfinden. Die Messe müsse alles daran setzen, dass die großen Anbieter – häufig Publikumsmagneten – weiterhin nach Frankfurt kommen.

Zwilling bleibt während der Pandemie weiter vorsichtig

Jens-Heinrich Beckmann hält die Ambiente mit ihren vielen ausländischen Gästen auch zukünftig für wichtig. Insbesondere um neue Produkte einzuführen und neue Kunden zu gewinnen, sei persönlicher Kontakt unerlässlich. Diese Einschätzung teilen offensichtlich nicht alle Hersteller. Er wisse von einigen bekannten Firmen, die der diesjährigen Ambiente ferngeblieben wären, selbst wenn sie stattgefunden hätte.

Eine von ihnen ist Zwilling. „Vor dem Hintergrund der aktuellen pandemischen Lage sind wir weiterhin vorsichtig, was Kontakte und Besuche angeht“, bestätigt das Unternehmen. Zudem hätten viele Geschäftskontakte ebenfalls nicht an der Ambiente teilgenommen. Ob Zwilling 2023 wieder dabei ist, stehe noch nicht fest: „Die notwendige Transformation unserer Geschäfte, die neue Art des Zugangs zum Endkunden geht auch nicht an einer künftigen Messe-Konzeption vorbei.“

Auch die Messen werden sich für Publikum öffnen müssen

Zwilling

Zwilling gehört zu den Anbietern, die gerne fachfremdes Publikum auf der Ambiente begrüßen würden. Man baue das Geschäft auf den unmittelbaren Kontakt mit den Endkonsumenten auf – „auch die Messen werden sich weltweit für Publikum öffnen müssen“.
Zwilling erzielt Rekordumsatz in 2021

Zu einer anderen Einschätzung kommt Giselheid Herder-Scholz. Direkten Kontakt zum Kunden suche ihre Robert Herder GmbH & Co. KG mit 85 Mitarbeitern auf anderen Wegen. Der Fokus der Ambiente liege traditionell auf dem Fachpublikum. Sich zusätzlich auf auswärtige Besucher einzustellen, wäre mit hohem Aufwand verbunden.

Für Herder-Scholz steht außer Frage, dass Windmühlenmesser auf der Ambiente 2023 vertreten sein wird. Vor allem für mittelständische Unternehmen sei die Messe essenziell, um Kunden zu gewinnen: „Eigenständig einen neuen Auslandsmarkt zu bearbeiten, ist für Betriebe unserer Größe kaum zu stemmen.“ Zugleich sei die Veranstaltung eine gute Gelegenheit, die Vielfalt der Branche zu präsentieren. Der Ausfall der Ambiente in den vergangenen Jahren habe sich nicht unmittelbar ausgewirkt. Ein dauerhaftes Fernbleiben und dadurch fehlende Kundenkontakte würden sich langfristig bemerkbar machen.

Verband

Der Industrieverband Schneid- und Haushaltswaren (IVSH) vertritt die Interessen von knapp 90 Mitgliedern, darunter zahlreiche Solinger Betriebe. IVSH-Geschäftsführer ist Jens-Heinrich Beckmann, den Vorstand bilden Hartmut Gehring, Rudolf Rohe und Ralf Zimmermann.

www.ivsh.de

Standpunkt: Geschärftes Bewusstsein

Kommentar von Manuel Böhnke

manuel.böhnke@solinger-tageblatt.de

Eine Herausforderung jagt die nächste. Anfang 2020 war es die Pandemie, die die Solinger Schneidwarenhersteller in Aufruhr versetzte. Seit einigen Monaten schlagen sie sich mit Lieferengpässen und enormen Preissteigerungen herum. Da sich die angezogenen Kosten nicht vollständig an die Kunden weitergeben lassen, drückt das die Gewinne. Dementsprechend bleibt die Lage schwierig. Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die wichtigste Voraussetzung erfüllt ist: Schneidwaren aus der Klingenstadt sind gefragt. Bereits das erste Corona-Jahr verlief für viele Hersteller besser als zu Beginn der Krise befürchtet. Geld, das sie nicht in Urlaube stecken konnten, gaben die Konsumenten für ihre heimische Ausstattung aus. Dieser Trend hat sich 2021 fortgesetzt – Umsätze und Produktion sind in den ersten drei Quartalen gestiegen. Es scheint, als habe die Krise das Bewusstsein für Qualität geschärft. Für die Solinger Betriebe wäre das eine gute Nachricht.

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