Abschied von einem Traditionshaus

Der letzte Tag im Café Kersting

Schließung eines Traditionshauses: Der letzte Tag im Café Kersting am 31. Dezember 2022.
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Schließung eines Traditionshauses: Der letzte Tag im Café Kersting.

Stammgäste und Personal bedauern das Aus. Am Silvestertag war zum letzten Mal geöffnet. Eine Reportage.

Von Jutta Schreiber-Lenz

Solingen. Rosa und Gisela Deutscher machen aus ihrer Traurigkeit keinen Hehl. Dass „ihr“ Café Kersting schließt, fühle sich richtig schlecht an, sagen die beiden wie aus einem Munde.

Seit 30 Jahren gehört für Gisela Deutscher die gemütliche Kaffeerunde zu ihrem Samstag dazu. „Früher auch der Freitag, als ich noch arbeiten ging. Da hat mich mein längst verstorbener Mann abgeholt und wir sind pünktlich um 15 Uhr hier aufgeschlagen“, erinnert sie sich. Den Genuss der leckeren Kuchen und Torten allerdings habe sie ihrem Mann überlassen. „Ich war immer diejenige, die nur ein trockenes Brötchen haben wollte“, sagt sie schmunzelnd mit vielen Erinnerungen.

Seit rund zwanzig Jahren geht ihre Schwägerin Rosa Deutscher gerne mit ins Café Kersting. Samstags um 11 Uhr war bisher immer die Dauer-Reservierung für den Ecktisch hinten rechts am Fenster. Auch am Silvestertag sitzen die beiden Seniorinnen wieder hier und plaudern eifrig, zunächst noch mit Schwiegersohn Manfred Damm, der sich aber dann schnell verabschiedet.  

„Die Lage des Cafés ist unschlagbar praktisch, weil man sozusagen aus dem haltenden Bus direkt in den Eingang fällt“, sagt die 92-Jährige, der man ihr Alter genauso wenig ansieht wie ihrer Schwägerin deren 87 Lebensjahre. „Je älter ich wurde, desto mehr habe ich diesen Vorzug schätzen gelernt.“

Hoffen auf Ersatz irgendwo in der City

Jetzt werde man Ersatz suchen müssen. „Irgendwo in der City werden wir schon unterkommen“, gibt sich Gisela Deutscher tapfer optimistisch, hat aber konkret noch keine Idee, wo das sein könnte.

Tatsächlich sind wir mit dem Kersting alt geworden. 

Gisela Deutscher

„Als wir letzte Woche von der Schließung erfahren haben, war das ein regelrechter Schock-Moment“, sagt sie ehrlich und auch spürbar wehmütig. „Wir kannten hier viele andere Stammgäste und früher sind auch gerne die Enkelkinder mitgekommen, und haben sich über Eis oder Kuchen gefreut. Da hatten wir den Tisch in der Nische, der war größer, damit alle Platz hatten.“ Das Traditionscafé gehörte quasi zur Familie: „Tatsächlich sind wir mit dem Kersting alt geworden und jetzt wird es fehlen.“

So richtig kann sie den Entschluss zur finalen Schließung noch immer nicht verstehen. „Es war immer voll, sonst hätten wir ja nicht reservieren müssen.“

Der letzte Tag im Café Kersting: Die Mitarbeiterinnen Doro Tokus und Aynur Ekmekcibasi hoffen darauf, neue Stellen zu finden.

Nicht nur die anderen Gäste werden die beiden Damen vermissen. Auch der Abschied vom Personal fällt schwer – und umgekehrt. Doro Tokus und Aynur Ekmekcibasi servieren seit 27 Jahren im Kersting. „Wir waren Ansprechperson und Gesprächspartner vieler regelmäßiger Besucher, besonders auch vieler alleinstehender Herrschaften“, sagt Ekmekcibasi. „Da hat sich ein besonderes Verhältnis entwickelt, das nun enden muss.“

Mitarbeiterinnen: Schwierige Suche nach einer Vollzeit-Stelle

Am liebsten würden die beiden ein eigenes Café in der City aufmachen, um die nun entstehende Lücke zu füllen. Leider scheitere dieser Traum an den notwendigen Mitteln, bedauern beide. In ihre persönliche berufliche Zukunft schauen sie durchaus mit Sorge: Als Vollkräfte zuverlässig unterzukommen, sei nicht so einfach, sagt Doro Tokus, die im Kersting ihre Ausbildung als Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk absolviert hatte. „Wir suchen ja keinen Aushilfsjob oder möchten als Saisonkräfte arbeiten, sondern brauchen eine regelrechte Anstellung.“

Café Kersting: Anfang und Ende

Inhaber Sebastian Wadulla übernahm 2015 das Café mit seiner Frau Sandra. Als ehemalige Auszubildene im Café, Ende der 90er Jahre, schätzten sie die familiäre Atmosphäre, mit der die Vorbesitzer den Betrieb leiteten: das Ehepaar Puchwein. Von Anfang an gab für Familie Wadulla es ein zweites eigenes Café in Herscheid im Märkischen Kreis. Dieses läuft weiter.

Das Café Kersting ist nun geschlossen. Der Verkauf an der Theke läuft voraussichtlich noch bis Ende Januar weiter.

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