Bedürftigkeit

Schlangen vor der Suppenküche werden länger

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12 000 Mahlzeiten wurden in den vergangenen 40 Wochen verteilt.

Besonders Ältere und immer mehr junge Familien brauchen in Zeiten der Pandemie Unterstützung.

Von Jutta Schreiber-Lenz

Solingen. In den vergangenen 40 Wochen hat die Solinger „Suppenküche to go“ 12 000 kostenfreie Mahlzeiten an ihre Gäste ausgegeben. Eine stramme Zahl. Eine Tendenz nach unten sei nicht in Sicht, sagt zum Beispiel Gemeindeschwester Bettina Hahmann. Sie ist eine der Organisatorinnen für die Evangelischen Kirchengemeinde Wald.

Mit St. Clemens, St. Sebastian, der evangelischen Gemeinde Ohligs und der Heilsarmee gehört der Kirchsprengel zu einem Hilfsnetzwerk, das seit Beginn der Pandemie über Stadtteil- und Konfessionsgrenzen hinweg geknüpft wurde. Als unermüdlicher Kommunikator und Multiplikator fungiert in diesem Gebilde Uli Preuss, der durch seine jahrzehntelange Tätigkeit als Fotojournalist beim Tageblatt über einen riesigen Fundus an Kontakten verfügt. Dabei hat er immer auch noch andere Organisationen wie die Tafel, die Praxis ohne Grenzen mit dem Medimobil oder Quartiere wie Zietenstraße, Fuhr oder Hasseldelle im Blick, die er in das Netzwerk flicht.

Die Krise bedeutet für viele ein deutlich schmaleres Portemonnaie.

Bettina Hahmann, Gemeindeschwester

„Zu uns kommen im Moment mehr ältere Menschen und auch Familien mit Kindern als vor der Pandemie“, sagt Bettina Hahmann, die 35 Jahre Erfahrung an dieser Stelle hat. „Die Krise bedeutet für viele Menschen verstärkt ein deutlich schmaleres Portemonnaie durch Kurzarbeit, Insolvenzen oder weggefallene Minijobs, mit denen sich mancher Senior seine Rente aufgebessert hat.“

Viele Menschen hoffen bei den Ausgabestellen der Solinger Suppenküche – wie etwa im Gemeindezentrum St. Clemens – auf etwas zu essen und manchmal auch auf Kleidung.

Eine Beobachtung, die auch Sabina Vermeegen von der Ohligser Gemeinde St. Sebastian macht. Sie hat mit ihrem Team die Taktung des sogenannten Wohlfühlmorgens erhöht. Das Angebot steht nun an jedem letzten Samstag im Monat für Interessierte bereit. Neben Frühstück und zum Beispiel einer geöffneten Kleiderkammer können die Helfer immer leckere To-go-Mahlzeiten von der Food Factory oder dem Esszimmer anbieten. Das Engagement der Inhaber Carsten Busch beziehungsweise Gerd König sei schlicht selbstlos, betont Vermeegen. „Alle wissen ja, dass die Gastronomie selbst derzeit empfindlich unter dem Lockdown leidet.“

Sie berichtet von vielen neuen Kontakten für den Wohlfühlmorgen. „Menschen, die mich hörbar verzagt anrufen und fragen, ob sie mit ihrer Familie kommen dürfen. Offensichtlich denken viele, wir seien nur für Obdachlose da, was de facto nicht so ist. Und wir fragen auch nicht nach einer von einem Amt schriftlich bestätigten Bedürftigkeit.“

Wie Bettina Hahmann berichtet Vermeegen zudem von wahrnehmbarer Unsicherheit vieler Menschen in der für sie neuen Situation – im Umgang mit Behörden. „Wie helfen gerne, sozusagen als Scout, um die Zuständigkeiten zu erklären“, sagen Hahmann und Vermeegen wie mit einer Stimme. Und beide erzählen von viel Frust bei Antragsstellern.

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In St. Clemens hält jeden Freitagmittag ein engagiertes Team leckeres Essen bereit, das jede Woche von rund 100 Personen abgeholt wird: Pulled Pork oder Eintöpfe finden dankbare Abnehmer, dazu oft frisches Obst, Joghurt- beziehungsweise Milchreis-Töpfchen oder von Helfern gebackener Kuchen. „Wir haben viele Stammgäste“, erzählt Team-Mitglied Susanne Kunze. Sie legt wie ihre Ehrenamtskollegen viel Wert auf Kommunikation auf Augenhöhe. Auch wenn die Zeit für ausführliche Gespräche oft nicht reicht. „Viele Einzelpersonen kommen immer extra mit dem Bus und nehmen immer auch für Ehemann oder Nachbarn Portionen mit, weil die selbst nicht kommen können.“ Ausgeteilt werde in mitgebrachte, saubere Gefäße oder – wenn nicht vorhanden – in bereitgestellte Einmalschalen.

Gekocht und angeliefert werden die vielen Mahlzeiten seit Frühjahr von einer Solinger Gastronomin, die nicht namentlich genannt werden möchte. In St. Clemens, wie in anderen Suppenküchen auch, werden außerdem unbürokratisch auch andere Dinge verteilt. Manchmal Masken, manchmal Kleidung, letztens sogar ein ausrangierter, aber noch funktionierender Rollator. Die Not sei vielerorts spürbar groß und die Menschen für die geleistete Unterstützung sehr dankbar, ist das Fazit quer durch die Stadtteile. Eine weitere Hilfsplattform für solche und andere Fragen ist #CoronaCareSG.

St. Clemens, Mitte (Gemeindezentrum): Essensausgabe der Suppenküche freitags von 11 bis 12 Uhr.

St. Sebastian, Ohligs: Im Gemeindehaus findet der Wohlfühlmorgen immer am letzten Samstag des Monats von 9 bis 12 Uhr statt.

Evangelische Kirche Wald: Sie lädt montags und donnerstags ab 11 Uhr ins Gemeindehaus Corinthstraße ein.

Evangelische Gemeinde Ohligs: Sie verteilt mittwochs ab 12.30 im Gemeindezentrum Wittenbergstraße Mahlzeiten to go.

Heilsarmee, Florastraße: Samstags von 11.15 bis 12 Uhr werden Lebensmittel-Tüten verteilt.

Inzidenz, Infektionszahlen und alle anderen Entwicklungen zum Thema Corona finden Sie immer aktuell im Live-Blog des ST.

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