Die Woche in Solingen

Riskantes Spiel der CDU im Kleingartenstreit

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Die Diskussionen um den Skywalk über die Müngstener Brücke und die Kleingartenanlage am Bussche-Kessel-Weg zeigen, dass die Solinger Christdemokraten manchmal grüner als die Grünen selbst sind. Man hat das Gefühl, dass man sich in Solingen schon mal für eine schwarz-grüne Zukunft warmläuft, meint ST-Chefredakteur Stefan M. Kob.

Solingen. Der neue Dezernent für Planung, Bauen, Verkehr und Umwelt, Andreas Budde, hat sich gerade als Nachfolger des langjährigen Amtsinhabers Hartmut Hoferichter in Solingen vorgestellt, da bekommt er bereits einen Vorgeschmack darauf, welche verhärteten Fronten ihn bei seinem Amtsantritt im Januar erwarten. Das aktuelle Beispiel ist eine grüne Oase im Westen der Stadt. Wenn es in Deutschland ein Synonym für „Idylle“ gibt, dann heißt dieses „Kleingarten“. In den Laubenkolonien gedeihen nicht nur Buschbohnen und Blumenbeete, sondern auch die ganz großen Emotionen: Heimatgefühl und Gemeinschaft. Weil man das weiß, ist es umso unverständlicher, dass die Stadt bisher offensichtlich nicht viel unternommen hat, um eine Schneise in das wuchernde Dickicht des Zorns am Bussche-Kessel-Weg zu schlagen: Seit mindestens vier Jahren ist bekannt, dass die Bahn das Kleingartenareal in Ohligs für eine gewerbliche Nutzung veräußern will.

Ein Plan, der - außer für die Betroffenen - per se zunächst einmal nicht unvernünftig klingt: Wo hat die Stadt denn sonst noch eine drei Fußballfelder große Fläche in unmittelbarer Nähe eines Verkehrsknotenpunktes wie dem Hildener Kreuz, das eine Autobahnverbindung in alle vier Himmelsrichtungen bietet, zudem einen Gleisanschluss und eine direkt erreichbare S-Bahn-Station? Zumal die Nähe zum Solinger Hauptbahnhof noch wertvoller wird: Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr hat die Mittel freigegeben, um ab 2022 zusätzliche Bahnverbindungen als Direktzüge nach Düsseldorf zu schaffen.

Man würde daher meinen, dass das jetzt angelaufene Bahn-Bieterverfahren für den Verkauf der Kleingartenanlage mindestens den Beifall einer als wirtschaftsfreundlich geltenden Partei, wie der CDU findet, die ansonsten nimmermüde den Oberbürgermeister mahnt, mehr Vorsorge für Gewerbeflächen zu betreiben. Doch vielmehr hat die Union zu Recht erkannt, dass es die Rathausmanager versäumt haben, die tickende Zeitbombe am Bahngelände rechtzeitig zu entschärfen. Etwa, indem man mit den Kleingärtnern ein konkretes attraktives Ausgleichsquartier geschaffen hätte, wenn man wirklich fest plant, dass sich an dieser Stelle Firmen ansiedeln. Ein Gebiet für Gemüse und Gemütlichkeit lässt sich sicher leichter im grünen Solingen finden als eine adäquate Gewerbefläche. Zumal die Kleingärtner eine optimale überregionale Verkehrsanbindung nicht als wichtigste Voraussetzung einer Laubenkolonie ansehen würden – auch wenn jeder Umzug verständlicherweise mit viel Wehmut und Aufwand verbunden wäre.

Solingen: Beim Skywalk stellen sich die Christdemokraten mit Naturschutz-Argumenten quer

Mit seinem vergifteten Angebot an die Grünen, einen Pakt gegen das Rathaus und damit den SPD-Oberbürgermeister Tim Kurzbach zu schmieden, um die Kleingartenanlage zu retten, geht CDU-Chef Daniel Flemm allerdings ein hohes Risiko ein. Denn die Aussage, „Gewerbegebiet ja, aber doch nicht hier“, wird der CDU in der Zukunft um die Ohren fliegen. Denn das ist selbstverständlich immer das Totschlagargument gegen jede neue Fläche für Firmen, die keiner vor seiner Haustür haben möchte. Und jetzt, nach der Flutkatastrophe, wird jeder Einsatz pro Arbeitsplätze nicht gerade leichter.

Dass die Solinger Christdemokraten manchmal grüner als die Grünen selbst sind, ist ohnehin in der Klingenstadt ein langjähriges Phänomen und jetzt wieder in der Diskussion zu bestaunen über den geplanten Fuß- und Radweg in der Müngstener Brücke, werbetechnisch hochtrabend Skywalk genannt. Auch bei diesem Projekt, das unter wirtschaftlichen Aspekten sicherlich einen Schub für die darbende Tourismusregion bedeuten und nicht zuletzt die gewünschte Verkehrswende voranbringen würde, stellen sich vor allem die Christdemokraten mit Naturschutz-Argumenten quer.

Man hat das Gefühl, dass man sich in Solingen schon mal warmläuft in Sachen schwarz-grüner Zukunft. Zumindest solange es dem SPD-Oberbürgermeister schadet. Und man fragt sich noch im Nachhinein umso mehr, wie zur Hölle es die Jungs von Deepwood geschafft haben, still und ohne riesige Debatten in der Riesenbrücke einen professionellen Klettersteig anzulegen, den seit August schon tausende begeisterte Besucher erklommen haben.

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