Montagsinterview

IHK: „Die Gesellschaft braucht Veränderungen“

SG, Fourtexx GmbH, Grônewalder StraÃüe 28: Christian fotografiert IHK-Präsident Henner Pasch
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IHK-Präsident Henner Pasch (links) erwartet, dass Fachkräftemangel und Klimawandel die Wirtschaft intensiv beschäftigen werden. Um Fachkräfte gewinnen zu können, muss das Bergische attraktiv sein, ist IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Wenge überzeugt.

IHK-Präsident Henner Pasch und Hauptgeschäftsführer Michael Wenge über die Herausforderungen für die Wirtschaft.

Das Gespräch führte Manuel Böhnke

Herr Wenge, Sie haben Anfang 2021 in dieser Zeitung erklärt, dass die Entwicklung der Wirtschaft in unserer Region davon abhängt, ob wir die Pandemie in den Griff bekommen. Das ist bislang nur bedingt gelungen. Wie wirkt sich das auf die Unternehmen aus?

Michael Wenge: Die Omikron-Variante und die sprunghaften und zum Teil widersprüchlichen Entscheidungen der Politik verursachen Unsicherheit. Schauen Sie sich nur die letzten Monate an: Erst hieß es, weitere Einschränkungen werden an den Inzidenzwert geknüpft. Dann war die Hospitalisierungsrate in aller Munde – von der spricht heute niemand mehr. Stattdessen ist nun der Zusammenbruch der kritischen Infrastruktur das neue Schreckgespenst. Die Pandemie begleitet uns also weiterhin und bremst das Wachstum. Nichtsdestotrotz bin ich verhalten optimistisch, dass die Situation besser ist als vor einem Jahr.

Bleibt die Pandemie auch 2022 die größte Herausforderung für die Wirtschaft?

Henner Pasch: Es ist ganz klar, dass eine heftige Omikron-Welle mit weiteren Einschränkungen insbesondere für den Handel, die Gastronomie und die Eventbranche eine Riesenkatastrophe wäre. Anders stellt sich die Situation in der Industrie dar.

Ist das so?

Pasch: Dort ist das Thema Corona meiner Einschätzung nach nicht mehr beherrschend. Die Unternehmen im Bergischen Land haben bewiesen, wie gut sie sich auf neue Situationen einstellen können. An vielen Stellen ist mittlerweile ein Gewöhnungseffekt eingetreten, Mechanismen wie Homeoffice haben sich längst etabliert. Vielmehr ist die Industrie mit der Verfügbarkeit und den Preisen von Rohstoffen beschäftigt, die fehlenden Fachkräfte bereiten zusätzlich zunehmend Probleme. Auch wird spannend, welche Vorgaben von der neuen Bundesregierung in Sachen Klima- und Energiewende kommen. Diese Aspekte entscheiden, ob sich der zarte Aufschwung fortsetzen wird.

Lassen Sie uns bei den Lieferengpässen bleiben. Wie stellt sich die Situation aktuell im Bergischen dar?

Pasch: Die Lage ist schwierig. Erstens verteuert sich alles – zum Teil heftig. Zweitens sind die Lieferzuverlässigkeit sowie -geschwindigkeit dramatisch gesunken. Das betrifft fast alle Bereiche: von der Automobil- über die Baubranche bis hin zu metallverarbeitenden Betrieben. Auch im IT-Umfeld, in dem meine Firma tätig ist, ist es eine Katastrophe. Wenn wir heute wie im Frühjahr 2020 hunderttausende Menschen auf einmal fürs Homeoffice ausstatten müssten, könnten wir uns das abschminken.

Wann rechnen Sie mit Besserung?

Pasch: Ich fürchte, dass uns das Thema mindestens noch das ganze Jahr 2022 über beschäftigen wird. Mir sind einige Handwerks- und Industrieunternehmen bekannt, die derzeit Projekte nicht angehen können, weil ihnen schlicht Teile fehlen. Das geht irgendwann an die Substanz.

Wenge: Hinzu kommen politische Maßnahmen wie das Lieferkettengesetz und die CO2-Bepreisung, die sich selbstverständlich auch auf die Unternehmen auswirken. Genauso beunruhigt mich die Verteuerung der Strom- und Energiepreise. Das ist momentan ein Standortnachteil für Deutschland.

„Es gibt keine Alternative zum Klimaschutz.“

Henner Pasch, IHK-Präsident

Gleiches gilt für den Fachkräftemangel.

Pasch: Gibt es dafür eine andere Formulierung? Was wir sowohl qualitativ als auch quantitativ auf dem Arbeitsmarkt erleben, ist mit der Bezeichnung „Mangel“ beschönigt. Eigentlich geht es um das vollständige Fehlen von Fachkräften – und das in allen Bereichen der Wirtschaft. Dieses Thema und die Herausforderungen des Klimawandels werden uns in den kommenden fünf bis zehn Jahren mehr beschäftigen als die Corona-Pandemie in den vergangenen 24 Monaten.

Wie wird sich das bemerkbar machen?

Pasch: In den medizinischen Berufen ist es schon vielfach zu spüren. Ein Beispiel: Ein Arbeitskollege ist mit seiner Frau von Velbert nach Solingen gezogen. Für die Geburt ihres Kindes mussten sie vor kurzem aber wieder zurück nach Velbert, weil der Kreißsaal in Solingen abgemeldet war. Fälle wie diese zeigen, welche ganz praktischen Auswirkungen es gibt. Das werden wir zukünftig an ganz vielen Stellen merken – ob beim Handwerker, im Restaurant oder in öffentlichen Verwaltungen.

Welche kurzfristigen Möglichkeiten gibt es gegenzusteuern?

Pasch: Kurzfristig halte ich gezielte Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland für die einzige Lösung.

Und mittel- bis langfristig?

Pasch: Da sind verschiedene Dinge notwendig. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, ob wir derzeit das richtige Verhältnis zwischen Schulabgängern, die studieren, und denen, die eine Ausbildung machen, haben. Ich denke nicht. Wir müssen Anreize dafür schaffen, dass junge Menschen eine Ausbildung machen und dem Arbeitsmarkt damit früher zur Verfügung stehen.

An welche Anreize denken Sie? Monetäre?

Pasch: Das würde sicherlich helfen. Wobei ich Vergütung momentan für ein eher überbewertetes Thema halte.

Wenge: Wir beobachten, dass die Rahmenbedingungen, die man einer Fachkraft bietet, eine immer größere Rolle spielen. Maßnahmen, die sich positiv auf die Work-Life-Balance auswirken, sind wichtig. Dazu gehören die Möglichkeit zum Homeoffice und familienfreundliche, flexible Arbeitszeiten.

Pasch: Diese weichen Faktoren gewinnen mehr und mehr an Stellenwert. Und da muss sich der Standort Deutschland im europäischen Vergleich nicht verstecken.

Reicht das aus, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken?

Pasch: Es braucht einen Dreiklang. Wir müssen Fachkräfte aus der Region hier halten, neue aus anderen Teilen Deutschlands ins Bergische Land locken und uns auch im Ausland umschauen. Dabei denke ich auch an junge Menschen aus dem europäischen Ausland – Spanien, Italien, Griechenland. Die sind nicht schlechter qualifiziert als gleichaltrige Deutsche, sehen hier vielleicht aber eine bessere Zukunftsperspektive.

Wenge: Dafür ist es essenziell, dass das bergische Städtedreieck attraktiv bleibt und den kommenden Fachkräften etwas bieten kann.

Was ist dazu notwendig?

Pasch: Grundsätzlich können Remscheid, Solingen und Wuppertal insbesondere jungen Familien schon heute ein gutes Angebot machen. Es gibt in allen drei Städten zahlreiche Grund- und weiterführende Schulen mit unterschiedlichen pädagogischen Konzepten, um ein Beispiel zu nennen. So eine Vielfalt sucht man in Monheim und Langenfeld vergeblich. Das allein reicht aber nicht. Wenn wir Auszubildende ins Bergische locken wollen, müssen wir dafür sorgen, dass sie alleine wohnen können. Angesichts der gestiegenen Mietpreise ist das längst nicht mehr selbstverständlich. Deshalb habe ich im Umfeld meiner Firma einige Wohnungen erworben, die wir zukünftig Mitarbeitern für kleines Geld zur Verfügung stellen. Früher waren Werkssiedlungen selbstverständlich und ich könnte mir vorstellen, dass die Entwicklung wieder in diese Richtung geht. Insgesamt müssen wir die Attraktivität unserer Region und der Unternehmen vor Ort ins Schaufenster stellen – und das bedeutet ganz bestimmt auch, neuen Wohnraum zu schaffen.

Wenge: Das ist wieder ein Standortvorteil für das Bergische: Zwar steigen auch hier die Kosten fürs Wohnen. Sie liegen trotzdem weit unter dem Niveau von Düsseldorf und Köln.

Corona, Lieferengpässe, fehlende Fachkräfte – ist es der Wirtschaft vor lauter Krisen überhaupt möglich, sich anständig um Themen wie den Klimaschutz zu kümmern?

Wenge: Wir können nicht alle Probleme auf einen Schlag lösen. Die Unternehmen brauchen auch mal etwas Ruhe, um Geld zu verdienen. Dass wir die Klimaziele erreichen müssen, steht außer Frage. Zu strenge regulatorische Rahmenbedingungen wären in der aktuellen Lage allerdings Gift für die Entwicklung der Wirtschaft.

Wie unterstützt die Bergische Industrie- und Handelskammer (IHK) ihre Mitgliedsunternehmen auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit?

Wenge: Wir arbeiten daran, dass die neue Energie- und Klimaagentur des Landes eine Außenstelle bei der Bergischen IHK erhält. Das wäre eine gute Ergänzung, wenn die Landesbediensteten mit unserem neuen Referenten für Klima, Nachhaltigkeit und Energie zusammenarbeiten könnten. Diese Stelle schaffen wir aktuell.

Wie viel Klimaschutz verträgt die Wirtschaft?

Pasch: Es gibt keine Alternative zum Klimaschutz. Von daher sehe ich uns im Bergischen Land durchaus in einer guten Position: Nachhaltigkeit gehört schließlich seit jeher zur DNA der familiengeführten, mittelständischen Wirtschaft in der Region. Ökologische Nachhaltigkeit wird an Bedeutung gewinnen, aber alles muss leistbar bleiben. Vor allem brauchen die Unternehmen die Freiheit, Gewinne zu erzielen. Damit finanzieren sie das Gemeinwohl und ermöglichen Investitionen in die ökologische Transformation.

Herr Pasch, ihr Vorschlag, auf der Viehbachtalstraße einen Fahrradstreifen einzurichten, hat für erhebliche Diskussionen gesorgt. Wie steht es um das Projekt?

Pasch: Wir wollen die Idee in diesem Jahr mit Oberbürgermeister Tim Kurzbach bei der neuen NRW-Verkehrsministerin Ina Brandes vorstellen. Mir war bewusst, dass es ein geteiltes Echo auf den Vorschlag geben wird. Doch genau darum geht es: die Diskussion und das Nachdenken anzuregen. Mir fallen noch viele Themen ein, bei denen das ebenfalls nötig wäre. Ich bin davon überzeugt, dass es in unserer Gesellschaft umfassende Veränderungen braucht.

Henner Pasch

Henner Pasch ist geschäftsführender Gesellschafter beziehungsweise Geschäftsführer der IT-Beratungsunternehmen Fourtexx GmbH in Solingen sowie Alina GmbH in Bad Oeynhausen. Seit Juni 2021 ist der 40-Jährige Präsident der Bergischen Industrie- und Handelskammer. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Solingen.

Michael Wenge

Seit 2002 ist Michael Wenge Hauptgeschäftsführer der Bergischen Industrie- und Handelskammer (IHK). Zuvor war der gebürtige Kölner bei der IHK Gießen und der IHK Mittlerer Niederrhein in Krefeld tätig. Der 60-Jährige studierte Geografie mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsgeografie sowie Geschichte und Erziehungswissenschaften.

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