Universitätsprofessor macht Entdeckung

Der große Schwindel um die Müngstener Brücke

Die Müngstener Brücke wurde vor 125 Jahren gebaut. Die große Frage ist nur: von wem?
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Die Müngstener Brücke wurde vor 125 Jahren gebaut. Die große Frage ist nur: von wem?

Obwohl zweifelsfrei feststeht, dass die Müngstener Brücke die unverkennbare „Bilfinger-Handschrift“ trägt, ist in den perfekt gepflegten Firmenarchiven der MAN nichts von einem Ingenieur Bilfinger zu finden.

Von Stefan M. Kob

Solingen. Er gilt als der Erbauer der Müngstener Brücke: MAN-Direktor Anton von Rieppel (1852-1926). Doch steht ihm diese Ehre tatsächlich zu? Durch einen unglaublichen Zufall ist der Aachener Universitätsprofessor Martin Trautz (59) auf Ungereimtheiten und bewusste Verfälschungen der Geschichte gestoßen, die nur einen Schluss zulassen: Maßgebend war ein anderer Ingenieur, der während des Baus vor 125 Jahren in Ungnade fiel und dessen Existenz förmlich ausgelöscht wurde. Und: In der Legende, nach der sich der leitende Ingenieur von „seiner“ Müngstener Brücke gestürzt haben soll, weil er ein Bauwerksversagen befürchtete, steckt ein Körnchen Wahrheit.

„Vielleicht gelingt es ja zum 125. Jubiläum und im Rahmen des Welterbe-Prozesses, Bilfinger zu rehabilitieren.“

Prof. Dr.-Ing. Martin Trautz

Auf die Spur des großen Schwindels kam der gebürtige Pforzheimer und Inhaber des Lehrstuhls für Tragkonstruktionen an der RWTH Aachen durch sein Interesse an bauhistorischen Themen. Der Wissenschaftler war dadurch auf den Namen der Pforzheimer Firma Benckiser gestoßen, die Mitte des 19. Jahrhunderts den Eisenbahnbrückenbau mit Stahlgitterträgern revolutionierte.

Seine Nachforschungen liefen aber ins Leere – bis zu dem Tag, als ein Benckiser-Nachfahre auf dem Speicher seines Hauses alte Folianten zur Firmengeschichte fand und dem Pforzheimer Stadtarchiv übergab. Die Archivarin, die vom Interesse des Wissenschaftlers wusste, meldete den Sensationsfund.

Prof. Dr. Ing. Martin Trautz lehrt in Aachen.

In den Wälzern stieß Trautz dann auf den Namen des Ingenieurs Bernhard Rudolf Bilfinger, dem Benckiser den Erfolg verdankte. Er und sein Sohn Karl, ebenfalls ein brillanter Ingenieur, waren dann 1887 und 1888 als Chefingenieure zu den MAN-Werkstätten nach Gustavsburg gewechselt, wo sie dem Stahlbrückenbau zur neuen Blüte verhalfen. In der Folge baute MAN unter seiner Leitung diverse spektakuläre Projekte – und als Krönung die Kaiser-Wilhelm-Brücke in Müngsten. Doch obwohl zweifelsfrei feststeht, dass auch die Talbrücke von Müngsten die unverkennbare „Bilfinger-Handschrift“ trägt, ist in den perfekt gepflegten Firmenarchiven der MAN nichts von einem Ingenieur Bilfinger zu finden – außer einer seltsamen Todesanzeige, in der nicht einmal der vollständige Name des ehemaligen technischen Direktors erwähnt wurde.

Das Interesse von Prof. Trautz war endgültig geweckt. Denn der Bauingenieur ist ein intimer Kenner der Müngstener Brücke. Unter anderem war sein Rat gefragt sowohl als Experte im Welterbe-Verfahren als auch in der Phase der Renovierungsplanung. Dass der Plan der Deutschen Bahn, den maroden Stahlkoloss durch einen modernen Betonbau zu ersetzen, gottlob nicht umgesetzt wurde, ist auch seiner Fürsprache zu verdanken.

Folgte man den Ergebnissen seiner jahrelangen detektivischen Arbeit, muss die Geschichte der Brücke umgeschrieben werden. Nur der MAN-Ingenieur Bernhard Rudolf Bilfinger war überhaupt in der Lage, ein solches anspruchsvolles Prestigeprojekt umzusetzen. Aber aufgrund eines kapitaler Berechnungsfehlers mussten erhebliche Teile des Brückenbogens zurückgebaut, die Eröffnung samt Kaiserbesuch um mehr als ein Jahr verschoben werden. Der Fehler, der sowohl das neuartige Bauverfahren diskreditiert hätte als auch eine Blamage für das nationale Prestigeprojekt gewesen wäre, sollte ganz offensichtlich vertuscht und aus der Firmenchronik getilgt werden – und damit gleichzeitig die Existenz Bilfingers. Dieser starb kurz nach Eröffnung der Brücke plötzlich im Alter von 68, angeblich an einem Schlaganfall – daher vermutlich die Legende vom Brückensturz.

Die jahrelange Recherche von Prof. Martin Trautz blieb bisher ohne Widerhall. Die Ergebnisse fasste er in einem wissenschafts-historischen Aufsatz „Der verschwundene Ingenieur“ zusammen. Zum 120. Brückengeburtstag wurde dieser als Sonderdruck an Politiker im Bergischen Städtedreieck verschickt – das war’s. Die Hoffnung des Aachener Brückenexperten: „Vielleicht gelingt es ja zum 125. Jubiläum und im Rahmen des Welterbe-Prozesses, Bilfinger zu rehabilitieren: als einen der bedeutendsten Stahlbrückeningenieure des 19. Jahrhunderts.“

Die ganze Geschichte: Wer erbaute die Müngstener Brücke wirklich?

Zur Person

Der gebürtige Pforzheimer Univ.-Prof. Dr.-Ing. Martin Trautz (59) lehrt an der RWTH Aachen (Lehrstuhl für Tragkonstruktionen). Von Beginn an interessierte er sich für das Thema „Eiserne Brücken in Deutschland im 19. Jahrhundert“, worüber er auch seine Diplomarbeit verfasste. Er war auch als Gutachter für die Müngstener Brücke tätig.

Standpunkt von Björn Boch: Damals und heute

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Aufgrund eines Berechnungsfehlers verzögerte sich der Bau der Müngstener Brücke einst um mehr als ein Jahr. Dies und mehr zeigt die spektakuläre wissenschaftliche Entdeckung, die heute im Tageblatt erstmals für die breite Öffentlichkeit aufgearbeitet wird.

Heutzutage könnte dieser Rechenfehler vielleicht vermieden werden – auch wenn sich die Bahn noch 2011 blamabel verrechnete und ihre Fahrgäste vergaß, weshalb Züge leer über die Brücke fuhren (was übrigens auch durchs ST ans Licht kam).

Allerdings stünden die Verantwortlichen heute vor ganz anderen Herausforderungen. Der Stahl für den Koloss könnte nicht oder nur mit großer Verzögerung geliefert werden, von den Kosten und der energieintensiven Herstellung ganz zu schweigen. Und wenn der Stahl dann da wäre: Wer könnte die Brücke bauen angesichts fehlender Kräfte im Handwerk? Dessen Fachleute raten im Hier und Jetzt zu Besonnenheit und Geduld – darin war man früher vielleicht wirklich besser.

Die Zeit, in der damals eine Brücke trotz aller Widrigkeiten gebaut wurde, ginge heutzutage bei der Suche nach einem Verhandlungstermin für die erste Klage gegen das Projekt drauf.

Lesen Sie dazu auch: Bahn räumt Fehler ein - „Müngstener“ ohne Pendler

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