Reise in die Vergangenheit

Rathaus Höhscheid war mal ein Jugendheim

Jörg Föste (links) empfing Friedhelm Götze im ehemaligen Höhscheider Rathaus. Dort verbrachte Götze sechs Jahre, als das Gebäude ein Jugendheim war. Die Fotos entstanden im ehemaligen Speisesaal der Jugendeinrichtung.
+
Jörg Föste (links) empfing Friedhelm Götze im ehemaligen Höhscheider Rathaus. Dort verbrachte Götze sechs Jahre, als das Gebäude ein Jugendheim war.

Friedhelm Götze verbrachte sechs Jahre in dem alten Bau aus der Gründerzeit. Er führt uns durch seine Erinnerungen.

Von Philipp Müller

Solingen. Jörg Föste dreht im Keller des früheren Rathauses Höhscheid eine Dusche auf. Friedhelm Götze nickt und sagt: „Ja, hier haben wir früher geduscht.“ Föste hatte das Gebäude 2005 gekauft und empfing den 82-Jährigen, weil dieser von 1955 bis 1961 in dem Haus gelebt hatte. Damals war es ein Jugendheim für 30 Heranwachsende, die noch zur Schule gingen, in der Ausbildung waren oder als nicht Volljährige arbeiten gingen.

Auf der Rundtour durch das Haus aus der Gründerzeit entwickelte sich eine spannende Zeitreise. So auch in Föstes Büro, er ist Geschäftsführer der Marketing GmbH des Bergischen Handballbundesligisten BHC 06. Dort blüht Götze richtig auf. „Da stand ein Doppelbett, ich schlief unten. Dort ein zweites Doppelbett und noch zwei Einzelbetten.“ Zimmer für zwei bis sechs Jugendliche habe es in dem Haus gegeben. Die Regie hatte Herbert Müller-Lüneschloß, der zusammen mit seiner Frau, Küchenpersonal und Helfern die Jugendlichen betreute.

Auch interessant: Goldenes Buch aus NS-Zeit ist zurück in Solingen

Götze kam in das Heim, weil er schon als Kind kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Familie genommen worden war. Er kam mit seinem Stiefvater nicht klar, der gewalttätig war. Da spricht er nicht gerne drüber, aber man merkt, er ist mit sich im Reinen und zeigt deshalb wach und aufmerksam jedes Detail im Haus.

Der ehemalige Speisesaal der Jugendeinrichtung.

Im Keller gab es einen Bastelraum, dort hatte er ein Telefon für eine Theateraufführung im Jugendheim gebaut. Theater spielte er später 52 Jahre lang bei den Bühnenspielen Höhscheid. Das Telefon ist auch auf einem Foto zu sehen. Im Gesellschaftszimmer der heutigen BHC-Zentrale packt er die Bilder aus. „Früher war das unser Speisesaal“, erzählt Götze. Schräg gegenüber gab es eine Küche. Um 18.30 Uhr wurde gemeinsam das Abendessen eingenommen, morgens ab 6 Uhr wurde gefrühstückt, bevor es zur Schule oder Arbeit ging.

Die Jugendlichen waren nicht nur aus Solingen. Götze erzählt, dass sie aus vielen Gegenden Deutschlands kamen und dort eine Unterkunft während ihrer Ausbildung erhielten.

Wurde es abends spät, die Türe wurde um 22 Uhr bereits geschlossen, halfen sich die Jugendlichen: „Da haben wir ein Steinchen ans Fenster geworfen, um reinzukommen.“ Und dann ging es an einer Regenrinne in den ersten Stock durch ein Fenster. Götze, der später 30 Jahre bei der Stadt Müllwagen fuhr, fasziniert beim Rundgang nicht nur mit Detailtreue, wo was gestanden hatte, wer für was verantwortlich war. Er kennt scheinbar noch jeden Namen seiner Zimmergenossen und die der anderen Bewohner. Föste fragt: „Wie machen Sie das mit ihrem Namengedächtnis, das ist phänomenal?“ Friedhelm Götze lächelt und sagt, heute vergesse er Namen leichter und schon nach ein paar Tagen.

Im Heim gab es ein TV, 1958 fuhren sie zur Weltausstellung

Was er nicht vergessen hat, ist, dass es im Gemeinschaftsraum in der ersten Etage auch einen Fernseher gab – in den 1950er Jahren noch purer Luxus. Auf die Tatsache angesprochen, dass es in der damaligen Zeit oft sehr rau in den Heimen zuging, erwidert er, dass er das in Solingen weder im Kinder- noch später im Jugendheim persönlich erlebt hat. Es habe einen guten Zusammenhalt gegeben. Und dann erzählt er noch von einer gemeinsamen Busreise 1958. Da ging es zur Weltausstellung nach Brüssel. Ach, und dann folgt noch die Geschichte mit der neuen, erst 25-jährigen Küchenhilfe. „Da arbeiteten sonst nur ältere Damen“, erinnert er sich. Die junge Frau sei zwar eine Sensation gewesen, aber alle hätten sie respektvoll behandelt.

Zum Schluss ist ihm noch wichtig zu sagen, warum er das alles erzählt. In der ST-Rubrik „Historisches Foto“ war das Haus Gegenstand. Da er im Urlaub war, konnte er seine Erinnerungen nicht einbringen. „Es soll aber nicht vergessen werden, dass das Rathaus auch mal Jugendheim war.“

Geschichte des Rathaues Höhscheid

1891 legte der Solinger Architekt Ernst G. Weber die Baupläne für das Rathaus im Stil der Gründerzeit vor. Nach der Gründung von Groß-Solingen 1929 blieb es Außenstelle der Verwaltung. In der NS-Zeit nutze die Volkswohlfarth das Gebäude. Seit den 1960er Jahren war es lange wieder Sitz für Ämter.

Lesen Sie auch: Grossmann-Bau soll Denkmal werden

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Hier soll ein Platz für die Ohligser entstehen
Hier soll ein Platz für die Ohligser entstehen
Hier soll ein Platz für die Ohligser entstehen
Hölzerne Liëwerfrau begrüßt Wanderer
Hölzerne Liëwerfrau begrüßt Wanderer
Hölzerne Liëwerfrau begrüßt Wanderer
 Jan und Jascha sind die besten Songwriter 2022
 Jan und Jascha sind die besten Songwriter 2022
 Jan und Jascha sind die besten Songwriter 2022
Ringen um Lidl-Erweiterung in nächster Runde
Ringen um Lidl-Erweiterung in nächster Runde
Ringen um Lidl-Erweiterung in nächster Runde

Kommentare