Krieg in der Ukraine

Psychologin erklärt: So spreche ich mit Kindern über Krieg

Katrin Aydeniz leitet die Psychologischen Dienste bei der Stadt. Foto: Christian Beier
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Katrin Aydeniz leitet die Psychologischen Dienste bei der Stadt.

Bei der Wahrheit bleiben: Psychologin Katrin Aydeniz schildert, wie wir mit Kindern über den Krieg in der Ukraine sprechen können.

Von Kristin Dowe

Frau Aydeniz, wie können wir mit Kindern über den Krieg in der Ukraine ins Gespräch kommen?
Katrin Aydeniz: Zunächst macht es einen Unterschied, wie alt die Kinder sind. Als Faustregel würde ich sagen: Wenn die Kinder nicht von sich aus Fragen zu dem Thema stellen, sollte man es erst mal dabei belassen und ihnen kein Gespräch dazu aufzwingen. Wenn die Kinder aber ohnehin schon oft mit den Bildern konfrontiert waren und in der Grundschule oder Kita darüber gesprochen wird, sollten die Eltern auch das Gespräch aufnehmen und Antworten in kindgerechter Sprache auf die Fragen finden. Anders als bei den kleineren Kindern kann man bei den Größeren sicherlich auch schon die politischen Hintergründe thematisieren. Das dürfen wir ihnen ruhig zutrauen.

In Watte packen sollte man die Kinder aber nicht.

Psychologin Katrin Aydeniz
Wie sollten Eltern konkret reagieren, wenn Kinder Fragen stellen?
Aydeniz: Sie sollten auf jeden Fall bei der Wahrheit bleiben und ihren Kindern die Dinge sagen, wie sie sind. Das Alter der Kinder sollte natürlich berücksichtigt werden. Wenn sie beispielsweise Ängste äußern, dass der Krieg nun zu uns rüberkommt, könnten Eltern erklären, dass wir uns mit vielen anderen Ländern bemühen, dass genau das nicht passiert. In Watte packen sollte man die Kinder aber nicht.
Wie stark belastet Kinder und Jugendliche das Thema aktuell überhaupt?
Aydeniz: Das ist sehr unterschiedlich. Eine Gruppe, die die Situation sicherlich sehr betroffen macht, sind Kinder und Jugendliche, die 2015 selbst mit ihren Familien vor dem Krieg geflohen sind. Bei ihnen können die Nachrichten aus der Ukraine gravierende Auswirkungen haben, die Bilder des Krieges können sie triggern. Deshalb finde ich es wichtig, dass Eltern nicht rund um die Uhr beispielsweise den Fernseher laufenlassen.
Aber auch andere Kinder und Jugendliche können besonders sensibel auf die Berichterstattung reagieren, wenn sie zum Beispiel einen Verlust zu verzeichnen hatten, emotional instabil oder allgemein gerade größeren Veränderungen in ihrem Leben ausgesetzt sind. Auf der anderen Seite wird es auch Kinder und Jugendliche geben, die in einem sicher gebundenen Elternhaus aufwachsen und die Ereignisse zwar auch schlimm finden, diese zeitweise aber auch wieder beiseiteschieben können.
Viele Solinger Schulen greifen die Ukraine-Krise bereits im Unterricht auf.
Aydeniz: Ja, und das machen die Lehrerinnen und Lehrer ganz hervorragend. Aus unserer guten Zusammenarbeit mit den Solinger Schulen bin ich immer sehr beeindruckt, wie gut sie auch solche Krisenthemen bearbeiten.
Nun sitzen in Solinger Schulklassen vermutlich auch Kinder mit ukrainischen oder russischen Wurzeln. Sehen Sie da Konfliktpotenzial – und wie sollten Lehrkräfte dem begegnen?
Aydeniz: Das muss nicht zu Konflikten führen, für möglich halte ich es aber schon. Diese Probleme kennen die Solinger Lehrer auch aus anderen Bereichen, wenn es etwa um Rassismus, Ausgrenzung oder Mobbing geht. Sie wissen, damit umzugehen und verfügen über Instrumente, solche Probleme zu thematisieren und zu besprechen.
Die Lage in der Ukraine ist nicht nur für Kinder und Jugendliche belastend, sondern auch für Erwachsene. Welche Strategien gibt es für sie?
Aydeniz: Auch Erwachsene sollten ein gesundes Maß für sich finden, wie viel Krieg sie verarbeiten und in ihr Leben integrieren können. Ich finde es absolut nachvollziehbar und auch ratsam, sich nicht rund um die Uhr dem Nachrichtengeschehen auszusetzen. Und auch bei Erwachsenen gibt es immer individuelle Unterschiede – wir sind unterschiedlich gestrickt.
Was ist Ihre ganz persönliche Strategie, mit den Ereignissen zurechtzukommen?
Aydeniz: Mir hilft es, in Resonanz zu treten. Zum einen meine ich damit, mich mit Menschen auszutauschen und zu reflektieren. Zum anderen hilft es mir, mit der Natur in Resonanz zu treten – und einfach rauszugehen und mich zu bewegen.
Manchen Menschen sammeln Spenden für die ukrainischen Geflüchteten oder beteiligen sich an Demonstrationen. Kann das auch ein Mittel gegen die Hilflosigkeit sein?
Aydeniz: Es gibt sicherlich Menschen, denen das hilft. Auf einer psychologischen Ebene haben sie das Bedürfnis, ganz praktisch etwas zu tun. Eine Strategie für jeden ist es aber nicht.
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Wie sollten wir geflüchteten Menschen begegnen, die gerade bei uns angekommen, um ihnen so gut wie möglich zu helfen?
Aydeniz: Das haben wir ja schon gut geübt mit unserer Willkommenskultur 2015. Das Wichtigste für die ankommenden Menschen ist, dass sie erst mal eine Basis haben – dazu gehört zum Beispiel ein Dach über dem Kopf, eine medizinische Versorgung, der Schulbesuch der Kinder und eine Struktur in ihrem Leben. Wichtig ist es, mit den Flüchtlingen ganz natürlich in Beziehung zu treten. Dazu gehört für mich, neugierig zu sein, aufrichtiges Interesse zu zeigen und die Neuankömmlinge nicht nur auf ihre Flucht reduzieren. Menschen sind komplex.
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Hintergrund

Katrin Aydeniz ist Psychologin und leitet die Psychologischen Dienste bei der Stadt, die in vier Bereiche unterteilt sind: Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung, Familien- und Erziehungsberatungsstelle, Schulpsychologischer Dienst und Schulsozialarbeit. Alle vier Bereiche arbeiten unter dem Dach des Coppelstifts an der Wupperstraße.

Nach ihrem Studium der Psychologie in Münster, Aachen und Köln lebte sie zehn Jahre in Türkei. Später war sie unter anderem als verkehrspsychologische Gutachterin und Therapeutin tätig.

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