Zehn Prozent zeigen britische Virus-Variante

Solingen prüft umfangreich auf Mutationen

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Um Mutationen des Sars-CoV-2-Virus herauszufiltern, ist jetzt bundesweit vorgeschrieben, fünf Prozent der Positiv-Tests der sogenannten Sequenzierung zu unterziehen.

Etwa zehn Prozent der Positiv-Tests zeigen die britische Virus-Variante.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Der Corona-Inzidenzwert in Solingen sinkt, von über 290 Mitte Dezember auf jetzt etwa 90. Aber die positive Entwicklung der Ansteckungszahl bezogen auf 100 000 Einwohner und sieben Tage ist längst nicht mehr das einzige Kriterium, auf das bei der Pandemie-Entwicklung geschaut wird.

Noch mehr Sorge machen Medizinern und den Verantwortlichen des Corona-Krisenstabs der Stadt die mutierten Coronaviren, die etwa aus Großbritannien, Südafrika oder Brasilien auch in Deutschland angekommen sind. Die ersten drei Fälle der britischen Mutation B.1.1.7 waren bereits Anfang des Jahres in Solingen nachgewiesen worden.

Schnell fassten Stadtspitze und Gesundheitsamt den Entschluss, positive Tests zusätzlich auf diese Veränderung hin überprüfen zu lassen. „Wir hatten zunächst geplant, 100 Positiv-Tests, die in Bethanien abgestrichen und in dem Leverkusener Labor Synlab untersucht worden sind, zusätzlich in der Virologie der Uniklinik Köln überprüfen zu lassen“, erklärt Dr. Annette Heibges, Leiterin des Solinger Gesundheitsamtes.

Solingen: 15 weitere Fälle des britischen mutierten Virus

Mittlerweile sind schon 123 Positiv-Proben dort getestet worden, 103 Befunde liegen schon vor, darunter gab es jetzt 15 weitere Fälle des britischen mutierten Virus. Die Gesamtzahl stieg somit in Solingen auf 18 Fälle. „Wir gehen deshalb davon aus, dass etwa zehn Prozent der Infizierten in Solingen schon auf diese Mutation zurückzuführen sind“, so Dr. Heibges. Um noch konkretere Ergebnisse zu erhalten, sollen auch weiterhin – über die 100 zunächst geplanten Tests hinaus – Befunde in Köln untersucht werden. „Wir werden zudem auch weitere Labore, die Solinger Abstriche untersuchen, mit in die Studie einbeziehen.“

Um eine exakte Aussage für die Stadt Solingen treffen zu können, werden allerdings nur Tests von Solinger Bürgern eingeschickt. „Zudem nehmen wir, wenn in einer Familie mehrere Personen infiziert sind, immer nur den Test eines Familienmitglieds für die Spezialuntersuchung, da davon auszugehen ist, dass in einer Familie alle den gleichen Virustyp haben“, erklärt Dr. Heibges.

Um Mutationen des Sars-CoV-2-Virus herauszufiltern, ist jetzt bundesweit vorgeschrieben, fünf Prozent der Positiv-Tests der sogenannten Sequenzierung zu unterziehen. Den Solinger Weg, eine weitaus größere Zahl zu untersuchen, hält Prof. Dr. Winfried Randerath, Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien, an die das Solinger Corona-Testzentrum angeschlossen ist, für richtig.

Solingen: Erster Patient mit Mutation in Bethanien behandelt

„Die zehn Prozent an Mutationen, von denen wir derzeit in Solingen ausgehen müssen, sind eine sehr hohe Zahl“, so Prof. Randerath. Und er kritisiert: „Wenn derzeit bundesweit von nur 120 Fällen gesprochen wird, zeigt das, dass viel zu wenig untersucht wird. Diese Zahlen, die bundesweit angegeben werden, sind absolut unglaubwürdig.“ Es gebe vielmehr deutliche Indizien dafür, dass die Mutation angekommen und schon verbreitet ist.

Ein Patient mit der britischen Mutation B.1.1.7 sei in den vergangenen Tagen auch schon stationär in Bethanien behandelt worden. „Auffällig ist, dass bei manchen Betroffenen mit Mutationen erst nach mehreren Tests ein Positiv-Ergebnis festgestellt wurde“, schildert Randerath eine erste Beobachtung. Bei dem ursprünglichen Sars-CoV-2-Virus gebe es ein Positiv-Ergebnis fünf Tage nach dem Kontakt, bei der Mutation sei das teilweise erst 10 bis 14 Tage nach Kontakt der Fall.

Die zurückgehenden Zahlen an Infizierten wertet auch Randerath als „gutes Signal“. Andererseits verliere man durch die mittlerweile weit verbreiteten Corona-Schnelltests, beispielsweise in Altenheimen und auch bei privaten Anbietern, ein Stück weit den kompletten Überblick. „Diese Ergebnisse werden nämlich nicht offiziell erfasst.“ Die zurückgehende Zahl von Patienten in Krankenhäusern sei hingegen eine valide Größenordnung. 

Warnung

Todeszahlen: Prof. Dr. Winfried Randerath warnt angesichts der weiterhin großen Zahl von Toten vor Entwarnungen.

Lockerung: Er nennt als Beispiel für verfrühte Lockerung Irland, das am 23. Dezember die niedrigsten Zahlen weltweit und jetzt nach der Lockerung eine Inzidenz von 900 habe.

Standpunkt: Licht am Ende des Tunnels

Von Simone Theyßen-Speich

Eine sinkende Inzidenzzahl steht der wachsenden Bedrohung durch die Mutationen gegenüber. Die notwendigen Corona-Maßnahmen müssen abgewogen werden gegen die verzweifelten Hilferufe von Händlern, Friseuren oder Gastronomen, denen das Wasser bis zum Hals steht.

simone.theyssen-speich@solinger-tageblatt.de

Und irgendwo dazwischen die Kita- und Schulkinder, die dringend wieder feste Strukturen brauchen, und ein Impfsystem, bei dem es nur noch besser werden kann. Abzuwägen, das ist die Aufgabe, die Politiker jetzt meistern müssen. Und sie müssen vor allen Dingen ihre dann getroffenen Entscheidungen begründen und transparent darlegen. 

Noch wichtiger ist es zudem, eine Perspektive zu zeigen. Einen verlässlichen Ausblick darauf, wann und wie es mit dem Impfen weitergeht, welche Konzepte es für die Schulen gibt und wann die Krankenhäuser, die Restaurants, die Künstler und andere endlich die zugesagte Ausgleichszahlungen erhalten. Ohne diese Perspektive, ohne das sprichwörtliche „Licht am Ende des Tunnels“ wird es schwieriger, Verständnis für die notwendigen Maßnahmen aufrechtzuerhalten und Geduld, diese zu ertragen.

Welche Beschränkungen wegen des Coronavirus gelten aktuell in Solingen? Das haben wir für Sie in einem Artikel zusammengefasst, den Sie hier finden: Ein Überblick über die Corona-Regeln in Solingen.

Aktuelle Informationen zur Corona-Situation in Solingen erhalten Sie in unserem Corona-Blog.

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