Interview

Prof. Dr. Winfried J. Randerath zu Covid-19: „Viele Menschen quält das über Monate“

Prof. Dr. Winfried J. Randerath ist Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien und in der Pandemie ein gefragter Mann. Für das ST nimmt er sich trotzdem häufig Zeit. Der 59-Jährige ist überzeugt: Die Öffentlichkeit muss gut informiert werden, Transparenz und Akzeptanz sind wichtig für die Virus-Bekämpfung. Foto:
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Prof. Dr. Winfried J. Randerath ist Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien und in der Pandemie ein gefragter Mann. Für das ST nimmt er sich trotzdem häufig Zeit. Der 59-Jährige ist überzeugt: Die Öffentlichkeit muss gut informiert werden, Transparenz und Akzeptanz sind wichtig für die Virus-Bekämpfung.

Prof. Winfried Randerath über Corona-Langzeitfolgen, steigende Infektionszahlen und Erwartungen an die Politik.

Herr Randerath, das Land hat die Impfungen mit Astra-Zeneca erneut ausgesetzt, diesmal für Unter-60-Jährige. Was bedeutet das für die Impfstoff-Akzeptanz?
Prof. Winfried J. Randerath: Das ist fatal, ein großes Problem. Hier geht es einerseits um die größtmögliche Sicherheit – zu vermeiden, dass Menschen zu Schaden kommen. Das ist gut. Andererseits ist die Gefahr durch Covid-19 aber nach wie vor viel größer als die möglicher Nebenwirkungen. Der Vertrauensverlust ist da und wird weiter befeuert.
Was Folgen für die Impfbereitschaft haben könnte.
Randerath: Genau, und zwar auch bei den Menschen, für die es keine Hinweise auf ein Risiko gibt. Impfungen sind das Einzige, das helfen wird, die Pandemie zu überstehen. Das Testen ist sinnvoll, führt aber nur zu Quarantäne und zum Durchbrechen von Infektionsketten. Wir müssen aber das Virus stoppen, und das geht nur mit Impfungen.
Die britische Mutation ist offenbar ansteckender, trifft Jüngere häufiger und hat schwerere Verläufe. Beobachten Sie das auch?
Randerath: Ansteckender ist sie, das kann man sicher sagen. Sie breitet sich stärker aus, der Anteil der britischen Mutationen liegt in Solingen mittlerweile zwischen 70 und 90 Prozent, jede andere Form wird verdrängt. Menschen, die jetzt erkranken, sind im Schnitt etwa ein Jahrzehnt jünger als in der zweiten Welle. Es gibt ganz junge Patienten, aber der Schwerpunkt derer, die sehr schwer erkranken, liegt in der zweiten Lebenshälfte. Teilweise ist auch unser Eindruck, dass die Schwere der Krankheitsverläufe zunimmt.
Zeigen die seltener gewordenen Fälle bei Menschen über 80 Jahren also, dass die Impfungen wirken?
Randerath: Ja, ganz bestimmt. Die meisten Geimpften infizieren sich gar nicht mehr. Falls es doch einmal passiert, verläuft die Krankheit viel milder. Wir hatten einen Ausbruch bei Geimpften in einem Heim, das war die britische Mutation. Diese mit Biontech geimpften Menschen hatten einen sehr milden Verlauf. Wir wissen das auch von Astra-Zeneca. Es kann zu Infektionen mit der Mutation kommen, aber nicht mehr zu schweren Krankheitssymptomen.
Ist die Impf-Priorisierung noch sinnvoll?
Randerath: Grundsätzlich ist das sinnvoll. Aber es ist ethisch verwerflich, Impfdosen stehenzulassen oder wegzuwerfen, weil man gerade keinen aus der richtigen Gruppe findet. Dann lieber eine Person impfen, die noch nicht dran ist. Jede Impfung hilft. Da braucht es mehr Flexibilität.
Das Phänomen „Long Covid“ nimmt zu: Menschen haben sehr lange mit den Nachwirkungen zu kämpfen. Erleben Sie das auch in Bethanien?
Randerath: Wir haben eine ganze Reihe von Patienten, auch ambulant. Gerade erst war eine Frau unter 30 da, die im Dezember Covid-19 durchlitten hat. Sie klagt über Abgeschlagenheit und Konzentrationsdefizite, über Luftnot bei Belastung und eine generelle Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Es braucht Reha-Maßnahmen, die beides umfassen: neurologisch-psychische Probleme, aber auch physische wie Entzündungsveränderungen und Vernarbungen in der Lunge, die noch Monate oder sogar dauerhaft da sind. Auch Herzschwäche als Folge von Herzmuskelentzündungen sehen wir. Das ist ein ernstes Problem. Viele Menschen quält das über Monate.
Wie viele Patienten sind davon betroffen?
Randerath: Nach allem, was wir wissen, könnte der Anteil der Betroffenen bei mindestens 10 Prozent liegen. Manche Studien zeigen Symptome nach mehr als 3 Monaten sogar bei 20 bis 40 Prozent. Wie lange das Patienten betrifft, können wir noch nicht wissen, es gibt die Krankheit ja erst seit einem Jahr. Aber wir behandeln mehrere Menschen aus der zweiten Welle, die seit dem Sommer Probleme haben.
Wie blicken Sie auf die derzeitigen Regeln in NRW? Die Notbremse wurde ja nicht wie verabredet gezogen.
Randerath: Lassen Sie mich so beginnen: Ich bin auch Schlafmediziner. Die großen Katastrophen früherer Jahrzehnte, von Tschernobyl bis Exxon Valdez, nahmen ihren Anfang nachts. Da macht die Aufmerksamkeit Probleme. Entscheidungen, die man nachts trifft, sollte man am nächsten Tag noch einmal gut überdenken.
Sie spielen auf die später abgesagte Osterruhe an.
Randerath: Unter dem Strich gilt: Wir hatten bislang Erfolg. Doch die jetzige Situation ist vom Ruf nach Öffnungen geprägt. Politik muss sich klar positionieren und sagen, in welcher Situation wir sind. Keiner kann ein Ende absehen oder einen Zeitplan angeben. Ich sehe mit großer Sorge und Skepsis, dass Entscheidungen getrieben werden von Druck. Damit dienen wir am Ende keinem. Wir haben es in Solingen lange geschafft, durch offene und gute Zusammenarbeit aller Beteiligen, verhältnismäßig gut dazustehen. Durch die verwirrenden Entscheidungen in der übergeordneten Politik wird das erschwert.
Wie bewerten Sie die Öffnungen? Niemand hat Solingen gezwungen, diese mit negativem Test weiter zu erlauben.
Randerath: Wir können – in sehr vorsichtigem Maße – solche Dinge zulassen. Die Kirchen haben sehr strenge Hygienekonzepte und lassen wenige Besucher zu, da hören wir nur von Ausbrüchen, wenn sich Gemeinden nicht an die Regeln halten. Das gilt sicher auch für Kinos, Theater und andere. Aber es braucht eine bundesweit einheitliche Linie. Dauernd verschiedene Regeln und Ankündigungen, das ist für keinen verständlich.
Das könnte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einer Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes erreichen.
Randerath: Da wäre ich sehr dafür, da kämen wir einen großen Schritt weiter bei Transparenz und Akzeptanz. Es muss nicht der komplette Lockdown sein. Aber klar, einheitlich und verständlich. Schlimm finde ich auch Versprechungen. Wer Lockerungen vorhersagt, läuft in die gleiche Situation wie vor Weihnachten.
Wir haben gelernt: Das Ausmaß des Virus zeigt sich mit Verzögerung. Wo stehen wir in zwei, drei Wochen?
Randerath: Wir sind in der exponentiellen Phase, es geht schnell aufwärts mit den Infektionszahlen. Zu durchbrechen ist das nur durch sehr restriktive Maßnahmen. Es heißt ja oft: Diese Lockdowns bringen nichts. Das Gegenteil ist der Fall. Die erste und die zweite Welle wurden so gebrochen. Ich rechne mit deutlich weiter steigenden Zahlen und regional großen Ausbrüchen. Ich hoffe, dass wir bei den Todesfällen nicht mehr ganz so schlimme Zahlen sehen wie Ende 2020. Auch wenn wir leider wieder mit einem Anstieg rechnen müssen. Jeder Tote ist einer zu viel, es betrifft immer auch Angehörige und Freunde. Es lohnt, sich immer wieder vor Augen zu führen: „Was wäre, wenn in meinem Umfeld plötzlich jemand fehlt?“
Welche Belastung erwarten Sie nach Ostern – insbesondere auf der Intensivstation?
Randerath: Es ist ein gutes Ziel, dass Intensivstationen nicht überlastet werden. Aber das Ziel muss sein, dass möglichst wenige überhaupt dort hinkommen. Die Überlebenschancen sind dort nicht sehr gestiegen. Wir haben gelernt und wissen mehr, aber wir können nur helfen, Zeit zu gewinnen, bis ein Körper das Virus selbst besiegt hat. Das ist für jeden eine lebensbedrohliche Situation. Heilen können wir nicht.
Was macht Ihnen aktuell trotz allem Hoffnung?
Randerath: Eine vielversprechende Antikörpertherapie, deren Nutzung wir beantragt haben. Und dass die Schnelltests noch nicht so zunehmen, wie wir das erwartet haben. Das zeigt: Viele sind eher zurückhaltend, begrenzen ihre Kontakte. Auch die hohe Impffreudigkeit macht mir Hoffnung, viele Menschen fiebern ihrem Termin entgegen. Das ist eine gute Grundlage.

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