Wettbewerb im Rahmen der Walder Theatertage

„Preis der jungen Poet:innen“: Wenn von Demenz nur Apfelkompott bleibt

Anna Lisa Tuczek gewann 2022 den „Preis der jungen Poet:innen“ im Rahmen der Walder Theatertage. Sie ist eine vielbeschäftigte und beachtetet Poetry Slamerin.
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Anna Lisa Tuczek gewann 2022 den „Preis der jungen Poet:innen“ im Rahmen der Walder Theatertage. Sie ist eine vielbeschäftigte und beachtetet Poetry Slamerin.

Zum Start der neuen Runde „Preis der jungen Poet:innen“ veröffentlicht das Tageblatt den Beitrag der Vorjahressiegerin. Anna Lisa Tuczek hat ein Liebesgedicht für ihren Großvater geschrieben.

Von Philipp Müller

Solingen. Anna Lisa Tuczek aus Remscheid gewann im vergangenen Jahr den Literaturpreis der Walder Theatertage. Ihr Text „Apfelkompott“ überzeugte die Jury aus verschiedenen Gründen. Junge Poesie nähert sich oft sehr persönlich den Themen, ist emotional und ungestüm. Diese Rohheit hat aber auch faszinierende Seiten, wenn sie gekonnt in den Bahnen der Sprache die Leserinnen und Leser einfängt. Natürlich will die junge Poesie die ganze Welt beschreiben, sie ändern oder zumindest aufwühlen.

Die Preisträgerin 2022 hatte sich das Zusammenleben der Generationen in der Familie zum Thema gemacht. Berührend entwickelte sich dabei ihre Beziehung zu ihrem dementen Großvater als ein Zeugnis der Liebe über alle Barrieren hinweg. Beispielgebend, welchen Qualitätsstandard junge Poesie im Bergischen Städtedreieck haben kann, veröffentlicht das ST diesen lyrischen Text heute.

Jetzt beginnt Phase um die Bewerbung für den Preis 2023

Das ist zugleich der Start für eine neue Runde des Wettbewerbs. Auch in diesem Jahr loben die Walder Theatertage wieder einen Literaturpreis aus. Mit Unterstützung der Stadtwerke Solingen winken der Gewinnerin oder dem Gewinner 500 Euro und der „Preis der jungen Poet:innen“. Vergeben wird er von einer Jury und am 3. Juni im Rahmen Walder Theatertage feierlich übergeben. Dazu wird es einen neuen Rahmen geben. Theatertage-Chef Peter Wirtz wird dazu in den kommenden Wochen noch Details mitteilen.

Die jungen, sich um den Literaturpreis Bewerbenden stehen meist schon „mitten im Leben“, wie das Beispiel Tuczek zeigt. Nicht nur in Solingen haben sie ihre Duftmarken gesetzt. Als Veranstalterin und Moderatorin organisiert die gebürtige Remscheiderin zahlreiche Poetry Slams in NRW und Rheinland-Pfalz, wo sie an Schulen und in anderen Einrichtungen auch als Workshop-Leiterin tätig ist. Als Kulturrucksackbeauftragte der Stadt Wuppertal und als Kulturmanagerin für kulturelle Bildung fördert Anna Lisa Tuczek den künstlerischen Nachwuchs im Bergischen Land und ist dort auch kulturpolitisch aktiv, wo sie sich für mehr Teilhabe einsetzt.

Der Preis 2023

Wettbewerb: Beerben können sich Autorinnen und Autoren zwischen 14 und 24 Jahren. Egal ob Prosa oder Lyrik, die texte dürfen nicht mehr als 1500 Wörter enthalten. Als Textdokument zusammen mit einer kurzen Biografie und Kontaktdaten sind sie mit dem Betreff „Preis der jungen Poet:innen“ direkt bis zum 15. April an die Walder Theatertage einzureichen unter:

wt@walder-theatertage.de

Preisträgerin 2022: Anna Lisa Azur (bürgerlich Tuczek) schnuppert seit 2018 Bühnenluft. Sie ist eine der aktivsten Slammerinnen aus der deutschsprachigen Poetry Slam Szene.

Video: Den Text „Apfelkompott“ trägt Anna Lisa Tuczek auch live vor. Ein Mittschnitt vom Sommerwerft Festival 2021 in Frankfurt am Main auf YouTube:

Apfelkompott

Von Anna Lisa Tuczek

Ich liebe dich.

An jedem Tag, jedem Ort,

jeder Stunde dieser Welt,

bis das Rot im Herbst aus den Blättern fällt.

Ich liebe dich.

Auf jedem Meter,

der zwischen Köln und Hamburg liegt.

Ich liebe dich,

bis das letzte Flugzeug vom Berliner Flughafen fliegt

Ich liebe

deine kastanienbraunen Augen, deinen immer festen
Glauben, dass alles gut wird,

und wenn nicht, es noch nicht das Ende war.
Das hast du zwar von Oscar Wilde geklaut, trotzdem immer zu mir gesagt.

Ich liebe dich,

weil du so willensstark und skeptisch

wie kein anderer bist

und deshalb,
wenn du zweifelst, dein
Lieblingssatz ist:

„Über die Brücke, oh, über die gehe ich nicht!“

Bist du mit mir dann manchmal trotzdem,

wie oft blieben wir am Rheinufer stehen und sahen die
rote Herbstsonne

ins goldgetupfte Wasser untergehen.


Und ich erinnere mich

an süßes Apfelkompott an heißen Sommertagen,

bei Oma zwischen Himbeersträuchern

und Kirschbäumen im Garten. An das Kittelschürzen-Klauen und Ins-Kartoffelfeld-Abhauen, an jeden Regenjackentanz.

Wie oft hab ich gefragt,

wie du das nur vergessen kannst?

Denn ich liebe dich.

Nur hörst du mir nicht mehr zu, ich verstehe auch nicht,

warum du das nicht mehr tust, hast mich zuletzt nicht mal mehr erkannt.

„Warum?“, hab ich dich dann immer gefragt.

„Ich weiß es nicht. . .“,
hast du zu mir gesagt.

Zwei Jahre später

komme ich dich zum ersten Mal seit Langem
wieder besuchen,

schon vom Flur aus höre ich dich in deinem Zimmer fluchen

Deine Zimmernachbarn
flüchten deshalb vor dir ständig, regelmäßig, denn sie sagen,

du seist krank, gestört und unanständig.

Dabei fühlst du dich nur einsam und unbrauchbar.

Aber das weiß ich nicht.

Juni im Jahr darauf

schließe ich zum letzten Mal deine Zimmertür auf.

Du liegst auf deinem Bett

und schweigst eisern vor dich hin, schaust mich an. . .

kannst dich aber nicht daran erinnern, wer ich bin.

Auf deinen Nachttisch

stelle ich dir deshalb zwei Ü-Eier, weil wir die, auch wenn Oma immer gemeckert hat, immer so gerne geteilt haben.

Aber auch deine Ehefrau,

hast du schon längst vergessen, kannst seit drei Jahren nichts anderes außer Flüssignahrung essen.


Du weinst, du schreist, du krampfst,

du sagst, dass dich das Vergessen fertig macht und dein Kopf so sehr verklebt.

Deine laute Stimme ist es,

die durch das große
Zimmer bebt.

Und ich möchte an diesem Tag glauben,

dass ein Mensch durch Demenz nicht alles vergisst.

Ich möchte, dass du weißt, dass du trotzdem, gerade deswegen und noch immer großartig bist.

Und ich wünsche mir,

dass alle Menschen ein Höchstmaß an Respekt, Liebe und Aufmerksamkeit kriegen,

für die, die sich kümmern,

sich sorgen und unnachgiebig lieben,

die Kissen aufschütteln und an Betten stehen,

die trotz Katheter und Maschinen noch die Zuversicht
sehen.

Ich wünsche mir mehr Anerkennung für die Menschen, die die Hoffnung nicht aufgeben, Windeln wechseln, Schichten schieben

und dafür fast nichts verdienen.

Aber sie sind es, die die Würde der Menschen

wirklich unantastbar
machen.

Und so sitze ich an deinem Bett und streichle deine lederweiche Hand.

Die Frau, die dich pflegt, hat mich seit meinem dritten Besuch beim Vornamen
genannt.

Aber immer, wenn ich meine Augen schließe,

dann kann ich dich lachen hören, sehe ich, wie wir Omas Apfelkompott mampfen,

ihre Kittelschürzen klauen

und durch Sommerregen stampfen.

Lieber Opa,

das hier ist für dich,

mein erstes und einziges Liebesgedicht.

Und ich will, dass du weißt,

dass ich dich nie vergessen habe, dich immer tief im Herzen trage und ich weiß,
ich war viel zu lange nicht mehr an deinem Grab.

Aber immer,

wenn mir ein warmer Schauer über den Rücken läuft,

dann möchte ich glauben,

dass du dich gerade zu mir herunterbeugst.

Und auch wenn wir heute nicht mehr zusammen in Omas Garten sind,

möchte ich, dass du weißt:


Ich liebe dich,

dein Enkelkind

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