Negativpreis soll für Marken- und Produktpiraterie sensibilisieren

Plagiarius: Museum prangert dreiste Fälschungen an

„Sthil“ statt „Stihl“: Diese abgekupferte Motorsäge landete beim Negativpreis Plagiarius in diesem Jahr auf dem ersten Platz. Im Südpark präsentiert Christine Lacroix auch die übrigen Preisträger. Foto: Christian Beier
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„Sthil“ statt „Stihl“: Diese abgekupferte Motorsäge landete beim Negativpreis Plagiarius in diesem Jahr auf dem ersten Platz. Im Südpark präsentiert Christine Lacroix auch die übrigen Preisträger.

Ob Prof. Andreas Kalweits Urgroßvater damit gerechnet hätte? In den 1940er Jahren entwickelte Walter Janssen einen Gebäckformer.

Von Manuel Böhnke

Solingen. 2009 legte die Niederrheinische Formenfabrik Janssen GmbH mit Sitz in Krefeld den „Formfix“ neu auf. „Das ist ein absolutes Nischenprodukt, das wir weltweit an Fachkunden verkaufen“, sagt Kalweit. Umso überraschter waren der Inhaber und seine Kollgen, als ein Kunde sie auf einen Anbieter mit Sitz in der türkischen Stadt Trabzon aufmerksam machte. Die Firma hat den Formfix eins zu eins kopiert: von Design und Konstruktion über die grammgenauen Rezepte bis hin zu den Youtube-Werbevideos.

„Nicht nur Luxusgüter sind für Plagiatoren interessant.“

Christine Lacroix, Aktion Plagiarius

Die Niederrheinische Formenfabrik ist eines der zehn geschädigten Unternehmen beim diesjährigen Negativpreis Plagiarius. Bereits im April wurde die gefürchtete Auszeichnung bei einer virtuellen Pressekonferenz verliehen. Ab sofort sind die Fälschungen und Originale im Museum Plagiarius im Solinger Südpark zu sehen.

„Nicht nur Luxusgüter sind für Plagiatoren interessant“, macht Christine Lacroix von der Aktion Plagiarius deutlich. Seit 1977 vergibt der Verein den Schmähpreis jährlich. „Damit wollen wir die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren“, betont Lacroix. Denn einerseits schadet Produkt- und Markenpiraterie den Originalherstellern, die häufig viel Zeit und Geld in die Entwicklung gesteckt haben. Die Plagiatoren nutzen diese Vorarbeit aus und kupfern die Produkte – häufig in minderwertiger Qualität – ab. Wenn die Nachahmung nicht den Sicherheitsstandards entspricht, ergeben sich dadurch wiederum Gefahren für die Verbraucher. „Auf den ersten Blick sehen sich die Produkte oft sehr ähnlich. Wenn man genauer hinschaut, fallen allerdings die erheblichen Qualitätsunterschiede auf“, erklärt Lacroix.

Noch immer kommen laut dem Branchenverband VDMA mehr als 60 Prozent der Plagiate aus China. Doch auch innerhalb Europas und Deutschlands sind Produktfälscher aktiv. „Häufig sind es ehemalige Vertriebspartner oder Kunden, die Produkte und Märkte kennen“, erklärt Lacroix.

Zur dreistesten Fälschung hat die sechsköpfige Jury in diesem Jahr die Motorsäge eines chinesischen Herstellers gewählt. Sie sieht dem Original der Waiblinger Firma Stihl zum Verwechseln ähnlich – der Buchstabendreher „Sthil“ fällt erst auf den zweiten Blick auf. Das Treppchen vervollständigen die chinesische Nachahmung eines Bremsentlüftungsgeräts sowie das Schlaf-Sofa „Up-Lift“. Ein britischer Anbieter hat das Möbelstück eines kroatischen Herstellers abgekupfert und deutlich günstiger verkauft.

„Wir schreiben alle Plagiatoren an und bitten um eine Stellungnahme“, sagt Christine Lacroix. In manchen Fällen zeigt das Wirkung: Die Anbieter nehmen Restbestände vom Markt und unterzeichnen eine Unterlassungserklärung. Die zweite Variante: Der Vorwurf wird bestritten. So wie im Beispiel von Aldi Süd. Der Discounter hat eine Hybrid-Kapuzenstrickjacke verkauft, bei der nahezu alle Designmerkmale einem Modell der Firma Engelbert Strauss gleichen. Auf Nachfrage erklärte Aldi, keine Designverletzung feststellen zu können, berichtet Lacroix.

Die dritte Möglichkeit: Der Plagiator reagiert überhaupt nicht. Diese Erfahrung musste Andreas Kalweit machen. Das türkische Plagiat der Erfindung seines Urgroßvaters steht bis heute im Internet zum Verkauf.

Museum

Das Museum Plagiarius im Südpark hat wieder geöffnet. Die Öffnungszeiten sind freitags von 9.30 bis 13 Uhr sowie von 13.30 bis 17 Uhr. Samstags und sonntags kann die Ausstellung von 13 bis 17 Uhr besucht werden. Der Zutritt ist derzeit nur mit medizinischer Maske erlaubt.

www.museum-plagiarius.de

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