Landgericht Wuppertal

Pflegemutter vor Gericht: Hinweise auf frühere Gewalt

Der Prozess wird am morgigen Donnerstag im Landgericht in Wuppertal fortgesetzt. Archivfoto: Leon Hohmann
+
Der Prozess wird am Donnerstag im Landgericht in Wuppertal fortgesetzt.

Im Strafprozess um den gewaltsamen Tod eines Kleinkinds in Solingen belasten Spuren die Angeklagte.

Update vom 5. November - von Dirk Lotze

Solingen. Im Prozess um den gewaltsamen Tod eines 21 Monate alten Pflegekindes im Stadtteil Höhscheid belasten Spuren die angeklagte frühere Pflegemutter (51) schwer. Die Frau hat zugegeben, das Mädchen so geschlagen zu haben, dass es an den Folgen starb. Einzelheiten wisse sie nicht mehr. Laut Gerichtsmedizinern gibt es deutliche Hinweise auf schwere Misshandlungen vor dem Tattag, dem 16. Juni 2017. Darüber hinaus bestünden Zweifel an der Version der Frau über einen möglichen Unfall des Kindes vier Monate zuvor.

Die Frau hatte zu Prozessbeginn am Dienstag erklärt, das Kind habe Schwierigkeiten beim Essen gemacht und „mit dem Löffel herumgeschlagen“. Ihre Gewalt habe sich geschätzt binnen Minuten gesteigert. Schließlich habe sie erkannt, dass das Mädchen Hilfe brauchte.

Sie habe den Rettungsdienst gerufen und eine Herzdruckmassage durchgeführt. Den Tod stellten Ärzte später in einem Krankenhaus fest. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Kleinkind tot war, bevor die Frau zum Telefon griff. Das Mädchen stammte aus einer Familie in Leverkusen, bei der es aber nicht bleiben konnte.

Das Landgericht Wuppertal muss die Umstände aufklären. Der vorsitzende Richter verdeutlichte der Frau: „Wenn das nun das Geschehen am 16. Juni gewesen sein soll – was war dann zum Beispiel am 12.? Oder am 20. Mai? Da wird das Kind doch im Zweifel auch Schwierigkeiten beim Essen gemacht haben. Wir wollen Sie nicht als Monster darstellen. Wir wollen das Geschehene nachvollziehbar machen.“

Für die 51-Jährige soll die Zweijährige das sechste Pflegekind gewesen sein. Das Gericht geht vorläufig davon aus, dass sie die anderen Kinder wieder abgab, weil sie sich überfordert sah. Ein Umstand, den die Angeklagte bestreitet. Es soll eine Anzeige nach einer ausgeuferten Auseinandersetzung in einem Möbelhaus mit anderen Kunden geben haben, die sich um das Kind drehte. Auch dieses Geschehen beschreibt die frühere Pflegemutter anders.

Gerichtsmediziner wiesen am Donnerstag das Gericht auf alte Verletzungen des Mädchens hin: Sie sollen Tage oder Wochen vor dem Tod entstanden sein. Das ergebe sich aus dem Heilungszustand. Narben soll das Kind sogar im Gesicht gehabt haben.

Unser Artikel vom 3. November - von Dirk Lotze

Solingen. Das Mädchen wurde nur 21 Monate alt. Es starb am 12. Juni 2017 nach schweren Misshandlungen. Zum Verhandlungsbeginn am Dienstag im Landgericht Wuppertal sagte die Angeklagte, das Kind habe am Mittag des Tattags nicht essen wollen und „mit dem Löffel herumgeschlagen“. Sie habe es bestrafen wollen. Dem vorläufigen Gutachten einer Gerichtsärztin zufolge soll die Frau voll schuldfähig sein.

Polizeifotos vom Tatort zeigen eine großzügige, lichtdurchflutete Wohnung im Stadtteil Höhscheid. Die Angeklagte ist Geschäftsfrau und arbeitete in der Firma ihres Vaters, der damals bereits erkrankt war. Die Anklage beschreibt einen Ablauf, für den es keine neutralen Zeugen gibt: Das Mädchen sei geschlagen und getreten worden. Es habe schwerste Verletzungen erlitten. Das Kind sei verstorben, noch bevor die Pflegemutter den Rettungsdienst rief.

Die 51-Jährige soll das Kind im Oktober 2016 von einer Bereitschaftspflegestelle übernommen haben. Die Angeklagte sagte, der Aufwand war größer als sie erwartet hatte, neben ihrer Arbeit. Sie habe sich damals von ihrem Freund getrennt. Laut Gericht gab es vom April 2017 eine Meldung wegen Gefährdung des Kindes – anscheinend ohne irgendwelche Konsequenzen.

Das zu Tode gekommene Mädchen stammte aus Leverkusen. Es habe nicht in seiner ursprünglichen Familie bleiben können. Die leibliche Mutter beteiligt sich an dem Landgerichtsverfahren als Nebenklägerin und verfolgt den Prozess.

Die Angeklagte sagte, sie habe das Kind zunächst am Esstisch ins Gesicht geschlagen. Durch die Wucht sei das Kind mitsamt Hochstuhl hintenüber gestürzt. Es habe an der Schläfe stark geblutet. Die Angeklagte sagte: „Ich dachte, sie ist vielleicht auf ein Spielzeug gefallen.“ Sie habe das Kind in ein anderes Zimmer gebracht und sei dort über das Mädchen gestolpert. Die Frau fügte hinzu: „Ich hab’ auf sie eingeschlagen.“

„Ich war genervt und wütend und panisch.“
Angeklagte

Die Pflegetochter habe sie mit starrem Blick angesehen. Das habe sie an ihren Vater erinnert, den sie zwei Monate zuvor hilflos gefunden habe, kurz bevor er in ein Heim umziehen musste. Die 51-Jährige sagte: „Ich habe gedacht: ,nicht schon wieder‘.“

Sie fügte hinzu: „Ich war genervt und wütend und panisch.“ Sie sei erschrocken, habe erkannt, dass das Kind Hilfe brauchte und habe den Rettungsdienst gerufen. Bis der kam habe sie noch eine Herzdruckmassage bei dem Mädchen versucht. Und sie habe Blutspuren mit Mullbinden und Klopapier weggewischt. Den Helfern soll die Frau zunächst lediglich erklärt haben, das Kind sei mit dem Stuhl umgekippt.

Die Angaben der Frau im Landgericht gründen auf einer Verständigung mit Richtern und Staatsanwaltschaft: Bei vollem Geständnis liege die Strafe je nach weiteren Umständen zwischen fünf und sieben Jahren Gefängnis. Bewährung ist bei dieser Höhe nicht möglich. Ohne Geständnis würde die Strafe höher ausfallen. Mit eingerechnet ist dabei bereits die überlange Verfahrensdauer: Der Prozess kommt erst jetzt zur Verhandlung, weil das Gericht überlastet ist. Die Angeklagte ist nicht in Haft, weil keine Flucht-, Wiederholungs- oder Verdunkelungsgefahr besteht.

Laut Gericht geht ein ärztliches Gutachten nicht davon aus, dass es eine Herzdruckmassage gab. An Spielzeug in der Nähe des Esstischs seien keine Blutspuren festgestellt worden. Die Angeklagte sagte: „Ich habe sie geliebt und als mein Kind angesehen.“

Das Landgericht will am Donnerstag, 5. November, weiter verhandeln.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Verordnung: Es gilt für Solingen wieder die Inzidenzstufe 2
Verordnung: Es gilt für Solingen wieder die Inzidenzstufe 2
Verordnung: Es gilt für Solingen wieder die Inzidenzstufe 2
Stufe 2: Diese Corona-Regeln gelten in Solingen wieder
Stufe 2: Diese Corona-Regeln gelten in Solingen wieder
Stufe 2: Diese Corona-Regeln gelten in Solingen wieder
Frau fährt gegen geparktes Auto
Frau fährt gegen geparktes Auto
Frau fährt gegen geparktes Auto
Stadt kauft die Ohligser Festhalle zurück
Stadt kauft die Ohligser Festhalle zurück
Stadt kauft die Ohligser Festhalle zurück

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare