Letzter Gottesdienst

Jutta Degen feiert am Sonntag Abschied

Jutta Degen in der Stadtkirche am Fronhof. Dort wird sie am Sonntag ihren letzten offiziellen Gottesdienst feiern und lädt alle dazu ein. Welche Beziehung sie zu dieser Kirche hat und was die 1000 Jahre alte Rosette bedeutet, erklärt sie auch in einem Video, zu sehen auf www.solinger-tageblatt.de.
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Jutta Degen in der Stadtkirche am Fronhof. Dort wird sie am Sonntag ihren letzten offiziellen Gottesdienst feiern und lädt alle dazu ein. Welche Beziehung sie zu dieser Kirche hat und was die 1000 Jahre alte Rosette bedeutet, erklärt sie auch in einem Video.

Die 65-jährige Pfarrerin lädt zum letzten offiziellen Gottesdienst ein. Die Stelle wird nicht 1:1 wieder besetzt.

Von Björn Boch

Solingen. Hoffnung, sagt Jutta Degen, ist das Wichtigste. Hoffnung haben und sie nie aufgeben. Auch wenn Zweifel oder Verzweiflung überwiegen. Die 65-Jährige, die Ende des Monats nach 37 Jahren des Wirkens für die Evangelische Kirche in Solingen in Rente geht, kennt Verzweiflung. Elf Jahre lang habe sie vor der Rosette in der früheren Stadtkirche geheult, erzählt sie. 1,6 Millionen Euro betrug damals der Reparaturstau, alles war verbleit oder voller Asbest, und die Wahrscheinlichkeit, dass statt einer Kirche bald ein Parkhaus oder eine Markthalle entstehen könnte, war groß. Aber Jutta Degen behielt die Hoffnung. Auf ihren Gott. Und auf ein Wunder.

Keine Reden und keine Lobhudeleien. Das sollen sie machen, wenn ich gestorben bin.

Jutta Degen, Pfarrerin, lädt alle herzlich zu ihrem Abschied ein – stellt aber, mit einem Augenzwinkern, auch Bedingungen

Das kam in Form einer Postkarte. „Sie kam von der Stadt und darauf stand, dass sich melden soll, wer Ideen hat, Plätze in der Stadt wieder zu beleben“, erinnert sich die Pfarrerin. Noch heute kommen ihr Tränen vor Glück, wenn sie diese Geschichte erzählt. Denn sie hatte Ideen: Die Kirche zum Fronhof hin öffnen, die Rosette, die 1000 Jahre Kirchengeschichte an diesem Ort bezeugt, in den Mittelpunkt eines hellen, freundlichen Gotteshauses stellen. Licht schaffen statt der dunklen Atmosphäre mit alten Holzböden. Eine Fachzeitschrift für Architektur berichtete über die Pläne – und am Ende standen 2,2 Millionen Euro Fördermittel für die Stadtkirche. „Gott hat einen Weg gebahnt, wo kein Weg war“, sagt Jutta Degen glücklich.

Noch heute blicke sie fast täglich auf die Rosette, auf das Labyrinth um sie herum – und die wunderschönen Fenster der Stadtkirche. Und entdecke immer noch etwas Neues: „Jeder sieht etwas anderes, jedem ist etwas anderes wichtig. Genau wie beim Glauben.“ Neben der stadtbildprägenden Kirche ist auch der Kindergarten direkt nebenan ein Zeugnis ihres Wirkens. Früher war dort das Pfarr- und Küsterhaus, erzählt Jutta Degen. „Aber es stand für mich fest, dass direkt neben der Kirche ein Kindergarten sein muss.“ Mehr als 600 Kinder haben ihn seither besucht.

Am Sonntag, 29. Mai, um 10 Uhr wird Jutta Degen ihren letzten offiziellen Gottesdienst in der Stadtkirche halten. „Es sollen bitte alle kommen, danach gibt es einen Empfang im Großen Saal“, sagt sie und hat eine Bedingung: „Keine Reden und keine Lobhudeleien. Das sollen sie machen, wenn ich gestorben bin.“ Sagt sie. Und lacht herzlich. Wer ein Instrument hat, soll es mitbringen. Sie freue sich auf Musik und Gesang, auf Lustiges, auf Nachdenkliches.

Rente hin oder her, Pfarrerin ist man ohnehin auf Lebenszeit – und die 65-Jährige wird nicht ganz aus dem Alltag der Gemeinde verschwinden. Für die Kultur will sie sich weiter engagieren, außerdem Studienreisen begleiten, wie sie es seit 35 Jahren tut. „Fünf harte Seelsorgefälle“ will sie weiterhin betreuen. Und sich an der Margaretenstraße engagieren, wo ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt entsteht, für das sie zwölf Jahre lang gekämpft hat. „Mit so viel Kraft, wie der Herrgott mir schenkt, setze ich mich ein. Ich habe einen langen Atem“, sagt sie, wieder mit einem Lachen.

Von dieser Kraft hat unter anderem ein Dorf in Afrika profitiert, in dem sie gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern die Wasserversorgung organisiert und für bessere hygienische Verhältnisse gesorgt hat. Auf Suaheli heißt sie seither: „Die Frau, die das Wasser abkocht.“

Jutta Degen möchte gerne ihre Nachfolgerinnen unterstützen

Auch Taufen und Trauungen bis Ende des Jahres, die sie schon zugesagt hat, wird sie noch begleiten. Und sicher auch, wenn Not an der Frau ist, noch die eine oder andere Predigt übernehmen. Kirche muss bei den Menschen sein, ist Jutta Degen überzeugt. Und findet es deshalb schade, dass ihre Stelle nicht 1:1 wiederbesetzt wird. Ihre Nachfolgerin, Friederike Schmid, wird eine halbe Stelle für Solingen und eine halbe für Wuppertal haben. Gemeinsam mit Friederike Höroldt stehen dann 1,25 Stellen für die Stadtkirche zur Verfügung. Auch deshalb ist Jutta Degen zukünftig gerne noch zur Unterstützung da.

Sie habe ohnehin den besten Beruf der Welt. „Ich darf Menschen begleiten, von der Wiege bis zur Bahre. Ich taufe jetzt die Kinder von Menschen, die ich schon selbst damals getauft, konfirmiert und vermählt habe. Das ist wunderschön“. Und es sei auch das, was Kirche sein soll und muss, sagt Jutta Degen noch. „Kirche soll nicht Institution sein. Kirche ist Beziehungsarbeit. Und wir müssen eine Beziehung zu den Menschen haben.“

Persönlich

Vita: Jutta Degen wurde in Iphofen bei Würzburg geboren, kam aber bereits als junges Mädchen mit ihren Eltern und ihrer Schwester nach Nordrhein-Westfalen. Sie studierte Pädagogik, Psychologie und Theologie. Sie ist verheiratet „mit einem wunderbaren Rheinländer“, hat zwei Söhne und drei Enkelkinder – und freut sich auf mehr Zeit mit ihrer Familie.

Abschied: Am Sonntag, 29. Mai, 10 Uhr, wird Pfarrerin Jutta Degen ihren Abschiedsgottesdienst in der Stadtkirche am Fronhof halten. Im Anschluss wird es einen Empfang im Großen Saal geben.

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