Corona-Krise

Patienten scheuen Arztbesuche

Auch in Solingen scheuen viele Patienten Arztbesuche.
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Auch in Solingen scheuen viele Patienten Arztbesuche.

Jede zweite Zahnarztpraxis zeigt in der Corona-Krise Kurzarbeit an – auch andere Fachrichtungen betroffen.

  • Zwischen März und Mai gab es in Solingen 36 Anzeigen von Zahnarztpraxen und 33 von Allgemeinmedizin- und Facharztpraxen.
  • Durch die Winterquartale kann die Krise vermutlich abgefangen werden.
  • Im Solinger Gesundheitswesen sind 1036 Personen von Kurzarbeit betroffen.

Von Alexandra Dulinski

Solingen. Die Zahl der Arztpraxen, die in Solingen Kurzarbeit angezeigt haben, ist vergleichsweise hoch. Das geht aus einem aktuellen Arbeitsmarktbericht der Arbeitsagentur hervor. Branchenübergreifend seien von März bis Juli 1722 Anzeigen für Kurzarbeit bei der Arbeitsagentur eingegangen, von denen 128 Anzeigen aus dem Solinger Gesundheitswesen kommen. Dort sind 1036 Personen betroffen.

Zahnarzt Dr. Teut-Kristofer Rust...

Diese Zahlen belaufen sich auf die vielen Arztpraxen, die in den Sektor Gesundheitswesen fallen, erklärt Martin Klebe, Geschäftsführer der Arbeitsagentur Solingen-Wuppertal. Demnach seien in Solingen zwischen März und Mai 36 Anzeigen von Zahnarztpraxen und 33 von Allgemeinmedizin- und Facharztpraxen eingegangen. Zum Vergleich: In Solingen gibt es 70 Zahnarztpraxen und etwa 283 Allgemein- und Fachärzte, die sich zum Teil Praxen teilen. Insgesamt 479 Personen waren in diesem Zeitraum von den Anzeigen für Kurzarbeit betroffen, auf die Zahnmedizin entfallen davon 269 Personen.

...und Dr. Stephan Kochen, Internist sowie Geschäftsführer des Praxisnetzes Solimed, berichten von der aktuellen Situation in Solinger Arztpraxen.

Viele Solinger Gemeinschaftspraxen hätten zur Corona-Hochphase nur halb so viel gearbeitet, Einzelpraxen sowie Facharztpraxen hatten zum Teil komplett geschlossen, berichtet Dr. Stephan Kochen, Geschäftsführer des Praxisnetzes Solimed. In der Klingenstadt seien besonders Augen-, HNO-Ärzte und Orthopäden betroffen gewesen.

„Ich kenne kaum einen Kollegen, der nicht Kurzarbeitergeld beantragt hat.“
Dr. Teut-Kristofer Rust, Obmann der Zahnärztekammer

Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein hat über die Inanspruchnahme von Corona-Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung eine repräsentative Umfrage durchgeführt. Besonders auffallend sei dabei der Rückgang der sogenannten Fallzahlen gewesen. Ein Fall entspricht einem gesetzlich krankenversicherten Patienten, der einmal oder mehrfach pro Quartal dieselbe Arztpraxis aufsucht, erklärt Sprecher Dr. Heiko Schmitz.

Im Schnitt gingen die Fallzahlen in den Praxen im April, verglichen zum Vorjahreszeitraum, um 28 Prozent zurück. Die einzelnen Fachärzte wurden dabei unterschiedlich stark von den Auswirkungen der Corona-Krise getroffen.

Neben Augen-, HNO-Ärzten und Orthopäden fielen die Rückgänge besonders deutlich bei Kinderärzten und Chirurgen aus, die durchschnittlich zwischen 30 bis 50 Prozent ihrer Fallzahlen eingebüßt haben. Hausärzte lagen zum Vergleich bei knapp 25 Prozent weniger Patienten. Insbesondere Früherkennungs- und Vorsorgeuntersuchungen, Individuelle Gesundheitsleistungen (Igel) sowie Operationen wurden seltener durchgeführt.

12 Prozent der 1400 von der Kassenärztlichen Vereinigung befragten Praxen nahmen die Soforthilfe des Landes und weitere 11 Prozent das Kurzarbeitergeld in Anspruch. Knapp 73 Prozent mussten laut Umfrage keine Unterstützungsleistungen beantragen, berichtet Dr. Heiko Schmitz.

Auch bei Zahnärzten sind die Fallzahlen deutlich gesunken. Dort wurden Behandlungen auf das Nötigste beschränkt. „Ich vermute, dass etwa 50 Prozent der Zahnarztpraxen Kurzarbeit angezeigt haben“, berichtet Lothar Marquardt, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung. Im April seien etwa 90 Prozent aller Termine abgesagt worden. „Ich kenne kaum einen Kollegen, der nicht Kurzarbeitergeld beantragt hat“, berichtet Dr. Teut-Kristofer Rust, Obmann der Zahnärztekammer für Solingen.

Da die Krankenkassen ihre Zahlungen immer sechs Monate nach der Behandlung abrechnen, erhielten die Ärzte während der Corona-Hochphase das Geld aus dem Herbst. „Die Winterquartale sind sehr umsatzstark“, sagt Rust. Dadurch könne die Krise vermutlich finanziell gut abgefangen werden. Allerdings werde bei allen Ärzten erst im Oktober bekannt, wie die Finanzen für das zweite Quartal des Jahres aussehen, so Kochen. „Ich vermute, dass keiner pleite gehen wird, aber ich kenne viele Praxen, die in einen Engpass gekommen sind und Kredite aufnehmen mussten.“

Arbeitsmarktzahlen für Juli

Arbeitslosigkeit: Aktuell sind in Solingen 7700 Personen arbeitslos gemeldet. Im Vergleich zum Juni des Vorjahres sind dies 25,9 Prozent mehr. Die Arbeitslosenquote steigt auf 8,8 Prozent. Vor einem Jahr belief sie sich noch auf 7 Prozent. Aktuell sind 1006 Menschen unter 25 Jahren von Arbeitslosigkeit betroffen. Gegenüber dem Vorjahresmonat ist die Jugendarbeitslosigkeit um 45,6 Prozent gestiegen.

Stellenangebote: Diesen Monat wurden 257 Stellen gemeldet, das sind 49 mehr als im Vormonat. Der Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal wurden seit Jahresbeginn im Vergleich zum Vorjahr 588 neue Stellen weniger gemeldet. Das entspricht 28,6 Prozent weniger. Im Bestand befinden sich nun insgesamt 909 offene Stellen. Von den gemeldeten 714 Ausbildungsstellen sind aktuell noch 246 frei.

Kurzarbeit: Von März bis Juli sind insgesamt 1722 Anzeigen für 25 286 Beschäftigte eingegangen. Im Vorjahreszeitraum gab es 8 Anzeigen mit 73 Betroffenen.

Standpunkt

alexandra.dulinski@ solinger-tageblatt.de

Ein Kommentar von Alexandra Dulinski

Dass so viele Arztpraxen während der Corona-Krise Kurzarbeit angezeigt haben, ist wirklich überraschend. Dass so viele Patienten den Arztbesuch scheuen, dagegen unverständlich. Die Hygienestandards bei Ärzten sind ohnehin sehr hoch und wurden während der Krise noch verschärft. Die Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken, ist andernorts – in Supermärkten oder in Geschäften – deutlich größer. Gerade dringende Termine sollten daher nicht aufgeschoben werden. Wer seinen Termin dennoch nicht wahrnehmen möchte, sollte seinen Arzt in jedem Fall vorher informieren, damit dieser mit seinen Patienten planen kann und keine Lücken entstehen. 

Ohnehin bleiben die Ärzte noch bis Oktober – bis die Krankenkassen das zweite Quartal auszahlen – im Ungewissen über ihre finanziellen Verluste. Hilfreich wäre hier ein für die Ärzte transparenteres Krankenkassensystem. Es bleibt zu hoffen, dass die Solinger Arztpraxen die Krise überstehen und der Stadt kein Wegfall von medizinischem Personal droht.

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