Interview

Patienten meiden Klinik wegen Corona

Das Interview mit Prof. Dr. Marcel Dihné, Chefarzt der Neurologie an der St. Lukas Klinik, fand im Verwaltungsgebäude statt – mit dem nötigen Abstand zwischen den Gesprächspartnern. Foto: Christian Beier
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Das Interview mit Prof. Dr. Marcel Dihné, Chefarzt der Neurologie an der St. Lukas Klinik, fand im Verwaltungsgebäude statt – mit dem nötigen Abstand zwischen den Gesprächspartnern.

Sonntag ist Weltschlaganfalltag: Neurologe Prof. Dihné mahnt, akute Erkrankungen nicht zu verschleppen.

Das Gespräch führte Anja Kriskofski 

Herr Prof. Dihné, wie macht sich die Corona-Pandemie auf der Schlaganfallstation der St. Lukas Klinik bemerkbar?

Prof. Dr. Marcel Dihné: Wir spüren eine reduzierte Fallzahl in der Notaufnahme und auf der Schlaganfallstation. Das ist natürlich besorgniserregend, weil es sich um akut lebensbedrohliche Erkrankungen handelt.

Wie zeigt sich die Zurückhaltung bei den Fallzahlen?

Dihné: Die Stroke Unit, die Schlaganfallstation, ist sonst immer knapp am Limit, was die Patientenzahlen angeht. Diese steigen von Jahr zu Jahr. Aktuell sieht man aber eine gewisse Entspannung, es kommen etwa zehn Prozent weniger.

Merken Sie allgemein in der Notfallambulanz, dass weniger Patienten kommen?

Dihné: Ja, das betrifft nicht nur die Schlaganfallpatienten. Da gibt es zum Beispiel Menschen, die seit sechs Wochen immer schlechter gehen können und ihre Gehfähigkeit aufgrund eines Tumors, der aufs Rückenmark drückt, nahezu einbüßen. Wir hatten kürzlich einen Patienten, der wegen einer Entzündung des peripheren Nervensystems immer schlechter gehen konnte. Er hat gewartet, weil er Angst hatte, sich im Krankenhaus mit dem Coronavirus anzustecken. Aber wenn jemand sechs oder acht Wochen zu spät in die Klinik kommt, ist die Möglichkeit ihm zu helfen, viel geringer.

Äußern die Patienten auch, dass sie Angst vor einer Ansteckung haben?

Dihné: Ja, das tun sie. Das sind gerade Patienten, die kleinere Schlaganfallsymptome haben, sogenannte vorübergehende Durchblutungsstörungen. Sie meiden die Klinik, obwohl es ein Schlaganfall ist. Wir wissen, dass in den ersten Wochen nach dem Erstereignis bis zu 25 Prozent Rezidive auftreten können, also weitere Schlaganfälle mit noch stärkeren Folgeschäden.

Wie können Sie die Angst vor dem Krankenhaus entkräften?

Dihné: Es sind viele Menschen innerhalb kurzer Zeit an Corona gestorben. Diese Schocksituation beschreibt der Psychologe Gerd Gigerenzer als Schockrisiko. Für uns heißt das: Die Angst vor Corona ist größer als die Angst vor den Folgen eines Schlaganfalls. Dabei liegt, rational betrachtet, die Gefahr an einem Schlaganfall innerhalb eines Jahres zu sterben bei etwa 17 Prozent. Bei nicht optimaler Therapie sterben deutlich mehr Patienten oder haben mit Schäden zu rechnen. Bei Covid-19 schätzt man die Mortalitätsrate auf 1 bis 4 Prozent, vielleicht sogar noch darunter, weil die Dunkelziffer so groß ist. Es gibt somit keinen Grund, aus Angst vor einer Corona-Infektion bei einem Schlaganfall nicht in die Klinik zu gehen.

Noch dazu gibt es ja bei der Behandlung von Covid-19-Patienten auch eine strikte Trennung von Covid-19-negativen Patienten.

Dihné: In Solingen funktioniert die Aufgabenteilung sehr gut. Vor allem das Krankenhaus Bethanien hat in den vergangenen Wochen die Covid-19-Patienten behandelt und uns damit den Rücken freigehalten. Wenn wir doch Verdachtsfälle oder Covid-19-Patienten haben, werden diese in einer komplett getrennten Infektionsstation von eigenem Personal behandelt.

Wie wird die Trennung von Corona-Infizierten und anderen Patienten von Anfang an sichergestellt?

Dihné: Noch bevor Patienten die Klinik betreten, wird abgefragt, ob sie Symptome von Covid-19 haben oder Kontakt zu einem Erkrankten hatten. Infektiöse und potenziell infektiöse Patienten werden schon vor der Notaufnahme von anderen Patienten getrennt und kommen dann direkt auf eine eigene Station.

Sind Sie auf Schlaganfallpatienten vorbereitet, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben?

Dihné: Ja, wir sind darauf vorbereitet, dass wir Schlaganfallpatienten mit Covid-19 isolieren und getrennt von den anderen Patienten behandeln könnten. Das Personal ist trainiert, auch auf seltenere Symptome von Covid-19 wie Geschmacksstörungen zu achten. Wir hatten bislang nur Verdachtsfälle, die sich nicht bestätigt haben, und einen Covid-19 positiven Patienten.

Beim morgigen Weltschlaganfalltag geht es darum, über die Erkrankung zu informieren. Warum ist beim Schlaganfall schnelles Handeln so wichtig?

Dihné: In 80 Prozent der Fälle stoppt die Blutzirkulation in gewissen Arealen des Gehirns. Mit der Lyse-Therapie oder der mechanischen Thrombektomie können wir versuchen, diese wieder in Gang zu bringen. Wenn man zu lange wartet, sterben die Gehirnareale unwiderruflich ab – mit bleibenden Schäden.

An welchen Symptomen erkenne ich einen Schlaganfall?

Dihné: Bei Sprachstörungen, Halbseitenlähmungen, Sehstörungen und Schwindel sollte man trotz Covid-19 sofort die 112 wählen. Anders als beim Herzinfarkt ist beim Schlaganfall die schmerzlose Symptomatik typisch. Oft werden Angehörige darauf aufmerksam, wenn zum Beispiel die ältere Mutter am Telefon nicht mehr richtig sprechen kann.

Welche bleibenden Schäden Folgen drohen Patienten, die bei einem Schlaganfall nicht sofort die Klinik aufsuchen?

Dihné: Wir können diese Ausfälle wieder rückgängig machen, wenn wir den Schlaganfall schnell behandeln. Wenn man zu lange wartet, können diese Funktionsdefizite permanent bleiben.

Was sind Risikofaktoren für einen Schlaganfall?

Dihné: Je älter ein Patient ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für einen Schlaganfall. Nikotin gehört zu den Risikofaktoren ebenso wie der Bluthochdruck, die Zuckererkrankung und Fettstoffwechselstörungen.

Die Stroke Unit

Prof. Dr. Marcel Dihné (49) ist seit 2013 Chefarzt der Neurologie an der St. Lukas Klinik. Die Stroke Unit, die Schlaganfallstation, hat zwölf Betten und versorgt rund 1400 Patienten im Jahr. Das zertifizierte, überregionale Zentrum versorgt Solingen und den Kreis Mettmann.

„Es muss keiner mit Krankheitssymptomen zu Hause bleiben“, sagt Dr. Stephan Lenz, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Solingen. In den Arztpraxen sei die Versorgung – auch der chronisch Kranken – sichergestellt. Wer Symptome hat, muss zum Arzt gehen.

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