Die Pandemie kostet Familien Kraft

Viele Beratungsangebote für Familien und Kinder gibt es derzeit nur online. Foto: Christian Beier
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Viele Beratungsangebote für Familien und Kinder gibt es derzeit nur online.

Langzeitfolgen des Lockdowns für Kinder sind noch unklar.

Von Susan Jörges

Solingen. Homeschooling, geschlossene Freizeiteinrichtungen, weitreichende Kontaktbeschränkungen und kurze Wintertage: Seit Dezember verbringen wir so viel Zeit wie nie zuvor in den eigenen vier Wänden. Wie geht es Familien, Kindern und Jugendlichen in der Corona-Zeit?

Was zu Beginn der Pandemie von manchen als erzwungene Entschleunigung wahrgenommen wurde, gleiche nunmehr einer zunehmenden Belastung, beobachtet Rüdiger Mann, Leiter des Stadtdienstes Jugend: „Finanzielle Probleme, Sorgen um den Arbeitsplatz, Isolation und Enge steigern die Unzufriedenheit deutlich.“ Besonders Haushalte mit Kindern, die intensiv betreut werden müssen, leiden unter den Einschränkungen des öffentlichen Lebens.

„Erst dann wissen wir, wo Kinder und Jugendliche tatsächlich stehen.“
Rüdiger Mann vom Stadtdienst Jugend, über die Folgen der Krise

Mann und die Mitarbeiter des Jugendamtes sind daher intensiv bemüht, die Kontakte zu Familien, die Hilfe im Alltag benötigen, nicht abreißen zu lassen: „Soziale Arbeit in einer Pandemie auszuüben ist eine Herausforderung, wir sind auf persönliche Kontakte angewiesen“, weiß Mann, der seit 2017 dem Jugendamt vorsteht. Diesmal profitiere man jedoch aus den Erfahrungen des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020.

Die Bereitschaft zur Unterstützung seitens des Jugendamtes sei besonders in den Wintermonaten deutlich gestärkt worden. Manche Familien entlasten die Mitarbeiter mit kleinen Ausflügen oder Spaziergängen, um Eltern eine Atempause zu verschaffen. Wo immer möglich, werden Beratungsangebote nun online und telefonisch durchgeführt. Bei Beratungen zu Themen wie Scheidungen oder häuslicher Gewalt seien die Grenzen der digitalen Möglichkeiten jedoch erreicht, müssen Mann und das Beratungsteam des Stadtdienstes feststellen. Für solche Situationen finden weiterhin Hausbesuche und persönliche Beratungen unter Einhaltung von Abstands- und Hygieneregeln statt.

Die Vorsitzende des Kinderschutzbundes Solingen, Ruth Karschewsky-Klingenberg, beobachtet eine leichte Zunahme von Anrufen, in denen Eltern, Nachbarn oder Bekannte um Hilfe bitten. Das Organisieren eines aktiven und gesunden Alltags werde immer wieder am Familientelefon als Sorgenpunkt genannt. Besondere Gedanken mache sie sich um alleinerziehende Elternteile, denen jegliche Unterstützung im Alltag weggebrochen sei: „Die Unsicherheit kostet Kraft.“

Wie Familien den Lockdown kompensieren, hänge stark von den Ressourcen der Eltern ab, sagt Jugendamtsmitarbeiter Christian Clausen: „Aufwachsen während Corona ist ein zusätzlicher Risikofaktor für Kinder. Eltern brauchen ein gewisses Handwerkszeug, um die Schwierigkeiten zu kompensieren und den Alltag zu strukturieren.“

Trotz der Belastungen verzeichnet das Jugendamt keinen Anstieg an Fällen, in denen wegen Verdacht auf Kindeswohlgefährdung aktiv eingegriffen werden muss. Auch die Polizei dokumentiert für Solingen und das Bergische Städtedreieck kein merkliches Wachstum: „Der befürchtete Anstieg der angezeigten Fälle häuslicher Gewalt ist bisher nicht eingetreten“, heißt es aus dem Polizeipräsidium Wuppertal.

Michael Scharmann von der Familien- und Erziehungsberatung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) erhält jedoch mehr Hilferufe von Eltern: „Es gibt mehr Konflikte in Familien. Insbesondere im zweiten Halbjahr 2020 haben deutlich mehr Menschen bei uns angerufen, die ihre Kinder geschlagen haben und nun bei uns Hilfe und Beratung suchen.“

Solingen: An Schulen können Probleme von Kindern beobachtet werden

Rüdiger Mann weiß, dass manche Schicksale hinter verschlossenen Türen stattfinden: „Wir sehen immer nur einen kleinen Ausschnitt des Alltags. Was in den verbleibenden Stunden des Tages passiert, wissen wir nicht.“ Besonders die Schule sei ein wichtiger Ort, an dem Verhaltensänderungen und Probleme von Kindern und Jugendlichen beobachtet werden können.

Deutschlandweit warnen Psychologen vor Langzeitfolgen. Insbesondere jene Kinder, die schon vor der Pandemie psychische Auffälligkeiten wie Zwangs- oder Essstörungen aufgewiesen haben, seien gefährdet, so Kinder- und Jugendpsychologen. Welche Konsequenzen die Einschränkungen während der Pandemie für die jüngere Generation bedeuten, werde erst später festzustellen sein, sagt Rüdiger Mann. Nach der Krise müsse Bilanz gezogen werden: „Erst dann wissen wir, wo Kinder und Jugendliche tatsächlich stehen.“

In unserem Live-Blog finden Sie alle Informationen rund um das Coronavirus in Solingen. Der Blog wird laufend aktualisiert.

Kontakt

In Solingen und landesweit gibt es viele Möglichkeiten, kostenlose, Unterstützung per Telefon zu erhalten:

Kinderschutzbund Solingen: Familienberatung, Montags bis freitags, 10 bis 12 Uhr. Tel. (02 12) 1 83 93.

Familienhilfezentrum der Caritas: Montags, 16 bis 17.30 Uhr und nach Vereinbarung. Tel. (02 12) 22 11 68-10/-24.

AWO Familien- und Erziehungsberatung: Montags bis donnerstags, 8 bis 16 Uhr; freitags, 8 bis 13 Uhr. Tel. (02 12) 7 24 60.

Hilfetelefon - Gewalt gegen Frauen: Tel. (08 00) 0 11 60 16.

Nummer gegen Kummer: Für Kinder und Jugendliche: Tel. 1 16 11.

Für Eltern: Tel. (08 00) 1 11 05 50.

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