Mein Blick auf die Woche in Solingen

Pandemie beweist: Die Kommunen sind keine unmündigen Kinder 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
+
stefan.kob@solinger-tageblatt.de

Deutschlands Impfturbo gerät mal wieder ins Stottern. Fehler werden wiederholt. Warum es in Solingen besser läuft als im Bund, das verrät Chefredakteur Stefan M. Kob im Wochenkommentar.

Das läuft ja mal wieder prima mit Deutschlands Impfturbo. Weil der Holperstart zu Beginn der Spritzenkur so schön war, machen wir dieselben Fehler dann gerne jetzt noch einmal: mühsamer Aufbau der Impf-Infrastruktur, fehlender Impfstoff-Nachschub, Schlafwagen-Prüfverfahren der Ständigen Impfkommission. Und bei allem stellt sich wieder einmal heraus, dass die kleinen Lichter vor Ort am hellsten strahlen: Während der Bund die Impfzentren genau in dem Moment dichtmachte, als in Israel das Boostern anlief, kämpften Städte wie Solingen darum, mit umgewidmeten kleinen Impfstellen und mobilen Angeboten zumindest ein bisschen präsent zu bleiben.

Das Hochfahren eines neuen Impfzentrums ein Haus weiter im ehemaligen Peek & Cloppenburg-Gebäude gelang daher aus dem Stand. Die Ministerialbürokratie im Land NRW kippte ausgerechnet in dem Moment die Maskenpflicht in den Schulen, als andere Länder angesichts der sich auftürmenden vierten Welle sie wieder einführten - dort durften die gepeinigten Schüler wenigstens im Sommer bei niedrigsten Inzidenzen ungefilterte Luft atmen, während NRW stoisch beim Maskengebot blieb. Fast schon subversiv behielten die meisten Schüler in Solinger Klassen dennoch die Maske auf, weil jedes Kind die drohende Gefahr wohl besser einschätzte als die Experten im NRW-Schulministerium.

Auch beim Testen in Schulen und Kitas preschte die Stadt schon im Februar vor, um mit eigenfinanzierten Massen-Lolli-Tests die Sicherheit in den Klassenräumen zu verbessern. Lange Zeit hielt das Land an der Überzeugung fest, dass Corona sozusagen einen großen Bogen um Schulen und Kitas schlägt und die Kinder nicht zum Infektionsgeschehen beitragen. Doch die Wirklichkeit vor Ort sieht nun einmal anders aus: Bereits in der vergangenen Woche rief die erste Solinger Grundschule aufgrund eines Massenausbruchs des Virus den Notstand aus und machte die Masken wieder verpflichtend, bevor sich das Land zu diesem Schritt durchringen konnte. Der monatelange Streit zwischen Kommunen und Land über den “Solinger Weg” beim Wechselunterricht, bei den die Stadt letztendlich Recht behielt, sei hier nur am Rande erwähnt.

Was die Pandemie insbesondere bei unseren Kindern und ihren Eltern anrichtet, ist ohnehin heute nur zu erahnen. Der Ausnahmezustand ist nach fast zwei Jahren zum Alltag geworden. Doch die Spuren, die Kontaktverbote, Maskenpflicht, Distanzunterricht und Unterrichtsausfall in einer ganzen Schülergeneration hinterlässt, sind sichtbar. Im ST-Interview weist Jens Merten, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung, zu Recht darauf hin, dass es in der Zukunft nicht nur darum gehen muss, das verlorene Wissen nachzuholen. Sondern die geschundene Seele vieler Kinder zu heilen, die massiv unter den Folgen der Pandemie leiden.

Wenn irgendwann einmal der Zeitpunkt gekommen ist, die Lehren aus einer solchen Mega-Krise zu ziehen, dann sollte eine auf der 1000-Punkte-Liste ganz weit oben stehen: dass die Kommunen keine unmündigen kleinen Kinder sind, die von Vater Bund und Mutter Land am Händchen durchs Dunkel geführt werden müssen. Sie haben oft den besseren Durchblick als Berlin und Düsseldorf. Nicht, weil hier vor Ort die schlaueren Verantwortlichen sitzen. Sondern ganz einfach, weil die Kommunalpolitik viel näher dran ist an den Menschen mit ihren Sorgen und Nöten und den Notwendigkeiten. Sie kann viel besser beurteilen, was jetzt wo zu tun ist als diejenigen, die vielleicht von Horden an hochbegabten Expertenstäben umringt sind, aber in ihrer Berliner Blase weitab von der Realität agieren. Wie schnell sich der Blickwinkel in einem Büro an der Spree verändert, zeigt schon das ST-Interview mit dem neuen SPD-Bundestagsabgeordneten Ingo Schäfer. Er unterstützt zwar nach wie vor die Forderung der Städte nach einem Altschuldenfonds. Aber es klingt schon an, dass er dafür auch die Länder in der Verantwortung sieht. Schauen wir mal, wie sich das Thema entwickelt, denn immerhin ließ sich Kanzler in spe, Olaf Scholz, während des Wahlkampfs im Gespräch mit dem Tageblatt festlegen: „Mit mir als Kanzler wird es eine Entlastung von den Altschulden geben“. Zu diesem Zeitpunkt lag er allerdings mit 15 Prozent Zustimmungswerten in den Umfragen noch auf Platz 3 der Kandidaten

TOP: Der Fahrplan hin zu einer Eventarena am Weyersberg nimmt Fahrt auf.

Flop: 644 Jobs bedroht: Solinger Standort von Borbet in Schieflage.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Impfpflicht für Personal wirft in Solingen Fragen auf
Impfpflicht für Personal wirft in Solingen Fragen auf
Impfpflicht für Personal wirft in Solingen Fragen auf
Das Laser-Duell im Dunkeln kann beginnen
Das Laser-Duell im Dunkeln kann beginnen
Das Laser-Duell im Dunkeln kann beginnen
Corona: Inzidenz steigt auf 1138,9
Corona: Inzidenz steigt auf 1138,9
Corona: Inzidenz steigt auf 1138,9
Die Eschbachstraße wird wieder zur Baustelle
Die Eschbachstraße wird wieder zur Baustelle
Die Eschbachstraße wird wieder zur Baustelle

Kommentare