Engagement

Ortsverein des Blauen Kreuzes feiert 120-jähriges Bestehen

Stehen für das Blaue Kreuz Solingen (v. l.): Michael Liebmann (Beisitzer, Lokalfunk), Uwe Drath (Beisitzer, Redakteur der Vereinszeitschrift), 2. Vorsitzender Bernd Klapper, 1. Vorsitzender Willi Klapper, Monika Sersch (Beisitzerin, Leiterin der Frauengruppe), Frank Benscheid (Beisitzer, Öffentlichkeitsarbeit).
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Stehen für das Blaue Kreuz Solingen (v. l.): Michael Liebmann (Beisitzer, Lokalfunk), Uwe Drath (Beisitzer, Redakteur der Vereinszeitschrift), 2. Vorsitzender Bernd Klapper, 1. Vorsitzender Willi Klapper, Monika Sersch (Beisitzerin, Leiterin der Frauengruppe), Frank Benscheid (Beisitzer, Öffentlichkeitsarbeit).

In diesem Sommer blickt der Solinger Ortsverein des Blauen Kreuzes auf sein 120-jähriges Bestehen zurück.

Von Andreas Erdmann

Solingen. Gefeiert wird dies am kommenden Wochenende mit einem Konzert und einem großen Jubiläumsgottesdienst im Saal der Stadtmission an der Brühler Straße (siehe unten).

Es war am 25. August 1902, als der Solinger Pastor Wilhelm Nitsch zum ersten öffentlichen Treffen für die Gründung eines Vereins zur Hilfe von Alkoholabhängigen einlud. Versammlungsort war das evangelische Gemeindehaus an der Birkerstraße. Nitsch hatte das Blaue Kreuz und die Problematik des „Trinkerdaseins“, wie man die Alkoholabhängigkeit damals nannte, ein Jahr zuvor in Saarbrücken kennengelernt. Dabei war der weltweit erste Blaukreuz-Verein 1877 durch Pfarrer Louis-Lucien Rochat in Genf gegründet worden – dies in Anlehnung an das kurz zuvor entstandene Rote Kreuz. Die Farbe Blau war seit jeher die Farbe der Abstinenzbewegungen in England.

„Über Erwarten groß war der Besuch, eine ganze Anzahl war von Anfang an willig, bei dieser neuen wichtigen Aufgabe mitzuhelfen, so war der Ortsverein geboren“, berichtete Nitsch 1927 in einer Festschrift zum 25-Jahre-Jubiläum. Immer mehr Solinger schlossen sich der Blaukreuz-Bewegung an, „so dass wir nach etwa zwei Jahren in das nordstädtische Gemeindehaus Kaiserstraße (heute: Burgstraße) umziehen mussten. Der Verein wurde immer größer und stärker.“ 1912, unter dem Vorsitzenden Otto Winterhagen, stellte man einen „Berufsarbeiter“ ein, der bis zum Ersten Weltkrieg tätig war. Nach dem Krieg beschlagnahmten englische Truppen für zwei Jahre das Vereinsheim. Man wich in andere Räume aus. „Alles war weg, sogar das Vereinsvermögen. Wir mussten wieder bei null anfangen. In all dem Elend der letzten Tage ist die Alkoholflut ständig gestiegen, und die Trinkerarbeit wurde umso wichtiger“, erinnerte sich Nitsch. 1926 gründete sich ein zweiter Blaukreuz-Verein in Gräfrath. Ergänzt wurden die Angebote durch Jugend- und Chorarbeit. Als 1968 die Alkoholabhängigkeit durch eine Entscheidung des Bundessozialgerichts in Kassel offiziell als Krankheit anerkannt wurde, veränderte dies die Arbeit entscheidend und führte zur fachlichen Ausrichtung in der Suchtkrankenhilfe.

Praktische Selbsthilfe und konkrete Lebensbewältigung

1988 schlossen sich beide Solinger Ortsvereine zusammen. „Im gleichen Jahr gründete sich die erste Sucht-Selbsthilfegruppe innerhalb des Vereins“, berichtet Willi Klapper, der erste Vorsitzende des Solinger Blauen Kreuzes seit 1994. Danach habe sich die Arbeit an den Alkoholkranken immer mehr zu Formen der Gruppenarbeit hin geändert. In den Selbsthilfegruppen besprechen die Mitglieder nicht nur Fragen des Alltags, sondern erleben vor allem auch unmittelbar „Gemeinschaft und Freundschaft“, beschreibt Erika Jansen, ehemaliges Mitglied und langjährige ehrenamtliche Mitarbeiterin. „Eine solche Gruppe ist sozusagen wie eine große Familie.“ Die Arbeit darin sei „Beziehungsarbeit, die auf gegenseitiges Vertrauen gründet. Mitglieder suchen auch immer wieder Zweiergespräche über ganz persönliche Probleme.“ Es gehe aber nicht nur um Fragen der Sucht und praktischen Selbsthilfe, sondern vorrangig auch um konkrete Lebensbewältigung und Lebensgestaltung. So werden Freizeitaktivitäten in alkoholfreien Umfeldern angeboten wie gemeinsames Wandern, Ausflüge, Feiern und Sport. Eine Bogenschießgruppe trifft sich regelmäßig.

„Aktuell haben wir fünf Selbsthilfegruppen. Darunter befinden sich drei gemischte Gruppen für Betroffene und Angehörige, eine Gruppe nur für Abhängige und eine reine Frauengruppe“, informiert Willi Klapper. „14 Mitarbeiter mit oder in der Ausbildung zum Suchtkrankenhelfer betreuen die Gruppen. Sie arbeiten allesamt ehrenamtlich.“ Zudem bestehe seit September 2021 eine Online-Gruppe, die sich zweimal im Monat trifft. Jeder könne daran teilnehmen. „Unsere Sucht-Selbsthilfegruppen sind aber nicht nur auf Alkoholabhängigkeit fixiert. Immer mehr müssen wir uns auch auf andere Süchte wie Medikamenten- und Cannabisabhängigkeit oder Spielsucht einstellen und umstellen.“ Oft gebe es Mehrfachabhängigkeiten.

Seit den 1990er Jahren seien Blaukreuzler auch mehr in der Öffentlichkeit präsent, um sich für Vorbeugung und Aufklärung über Alkoholismus einzusetzen, betont Klapper. „Wir gehen zum Beispiel mit Betroffenen in Schulklassen“. Darüber hinaus nehme man regelmäßig mit Infoständen an Stadtfesten teil. Und neben der eigenen Vereinszeitung „Apropos“ produziere man auch eine eigene Radiosendung – „Die Blaue Welle“ – im Solinger Lokalfunk. Ausbildungen und Weiterbildungen der Mitarbeiter runden die Tätigkeiten des Vereins ab.

Programm

Feiern: Zu den Feiern findet am Samstag, 27. August, 19 Uhr, ein Konzert mit dem Gospelchor Good News statt. Eintritt frei, Spenden erbeten. Am Sonntag, 28. August, folgt ab 10.15 Uhr ein großer Jubiläumsgottesdienst des Solinger Blaukreuz-Teams. Als Gast erwartet wird Jürgen Paschke, der Bundesvorsitzende des Blauen Kreuzes in Deutschland. Veranstaltungsort ist jeweils die Stadtmission an der Brühler Straße 60.

Kontakt: Tel. 2 30 75 75, Info@BlauesKreuz-Solingen.de, www.blaueskreuz-solingen.de

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