Stolperstein-Führung

Was Ohligser Geschäftsfrauen in der NS-Zeit erlitten

Das frühere Kaufhaus Steeg in Ohligs: Emma Steeg und weitere Familienmitglieder wurden in Auschwitz ermordet.
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Das frühere Kaufhaus Steeg in Ohligs: Einige Familienmitglieder wurden in einem Konzentrationslager ermordet.

Katholische Frauen Deutschland (kfd) – Aktionswoche ist Anlass einer Stolperstein-Führung durch Ohligs

Von Jutta Schreiber-Lenz

Solingen. Starke Frauen waren es, von denen Daniela Tobias am Dienstagnachmittag erzählte. Die Vorsitzende des Vereins Max-Leven-Zentrum machte in Ohligs eine Führung zu Stolpersteinen vor den ehemaligen Häusern jüdischer Geschäftsfrauen, die dort mit ihren Familien gelebt und gewirkt hatten. Der Blick richtete sich dabei speziell auf vier Frauen und deren Töchter, die unter der Nazi-Herrschaft gelitten hatten. Die Mütter verloren alle ihr Leben, einige der Töchter konnten schließlich entkommen und in die USA ausreisen.

„Wir entdecken immer noch neue spannende Aspekte.“

Daniela Tobias, Vorsitzende des Vereins Max-Leven-Zentrum

Gut 30, überwiegend weibliche Teilnehmer, scharten sich bei den jeweiligen Stationen auf der Düsseldorfer Straße um Daniela Tobias, hörten aufmerksam ihren fachkundigen Ausführungen zu und schauten sich aus Archivmaterial herauskopierte alte Zeitungsannoncen an. Eine mobile Verstärkungsanlage erleichterte die Sache, so dass die Abstandsregeln eingehalten werden konnten. Wichtig war es Tobias, auf das jeweils eigene Profil der Frauen hinzuweisen, die ganz und gar nicht nur Anhängsel ihrer Männer waren, wie es in der damaligen Zeit oft üblich war, sondern gut ausgebildete Mitarbeiterinnen in den jeweiligen eigenen Läden oder Kaufhäusern.

Daniela Tobias, Vorsitzende des Vereins Max-Leven-Zentrum, führte rund 30 Teilnehmer - überwiegend Frauen - durch Ohligs.

Henriette Marx etwa, die als alleinerziehende Mutter selbstständig einen Laden führte und später mit ihrem Mann Simon Meyerhoff als Geschäftsduo neu durchstartete, war ein Beispiel dafür. Hilde Wallach, deren Tochter Margot den Holocaust überlebte und durch ein Shoah-Foundation-Interview eine interessante Quelle für Geschichtsforscher hinterließ, zeigte während ihrer Flucht mehrfach Einfallsreichtum, um ihrer intelligenten Tochter allen Widrigkeiten zum Trotz dennoch das Abitur zu ermöglichen.

„Wir hatten im letzten Januar begonnen, die Geschichte der jüdischen Geschäftswelt in Ohligs aufzuarbeiten, und entdecken immer noch neue spannende Aspekte“, erzählte Daniela Tobias über das noch offene Projekt, an dem sie mit ihrem Kollegen Armin Schulte vom Solinger Stadtarchiv nach wie vor arbeitet. „Wir entdecken immer mehr Querverbindungen dadurch, dass immer mehr Archivquellen über das Internet zugänglich sind.“

Vor dem Haus, in dem Familie Rosenbaum bis in die 1930er Jahre lebte, wird bald ein Stolperstein für Cilly Rosenbaum verlegt.

So war zunächst beispielsweise nicht klar, was mit Cilly Rosenbaum geschehen war, die mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter Lia nach allerlei Fluchtirrfahrten schließlich in Nizza gelandet war bevor die Nazi-Schergen zugriffen. Ihr Name ließ sich auf allen verfügbaren Listen, die ihren Tod im Konzentrationslager Auschwitz hätten beweisen können, nicht finden. „Schließlich konnten wir recherchieren, dass sie unter dem Namen ‚Cecile‘ geführt wurde und dass ihr Geburtsdatum falsch eingetragen war“, erklärte Daniela Tobias. Noch gebe es deshalb keinen Stolperstein im Pflaster der Ohligser Fußgängerzone vor ihrem ehemaligen Haus, in dem heute ein Drogeriemarkt Mieter ist. „Aber wenn der neu geplante Belag hier verlegt wird, kann und wird das nachgeholt.“ Die Zuhörer waren sichtlich betroffen über das, was sie hörten.

Auch die jüdische Familie Wallach hatte ihr Zuhause an der Düsseldorfer Straße. Tochter Margot überlebte den Holocaust.

Alle jüdischen Familie waren Ende des 19. Jahrhundert aus dem Umland nach Ohligs gekommen und hatten die durch den Bahnhof aufstrebende kleine Stadt mit ihren Geschäften zu einer lebendigen Meile gemacht. Sie alle spürten mit der Machtübernahme durch die NSDAP und Hitler den immer lauter werdenden Antisemitismus und erlebten die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938.

Teilnehmer bringt alten Porzellanteller mit

Ein Zuhörer, Bernhard Erkelenz, zeigte einen von zu Hause mitgebrachten alten Porzellanteller mit der verschnörkelten Aufschrift „25 Jahre Kaufhaus Steeg“, das von den Betreibern „Central-Basar“ genannt wurde und damals bei den Kunden sehr beliebt war.

Unmittelbar nach dem Pogrom erlag der Seniorchef Paul Steeg, einem Leiden. Seiner Ehefrau Emma gelang es, mit ihrer Tochter und dem Schwiegersohn zu emigrieren.

Ziele

Die Katholischen Frauen Deutschland (kfd) setzen den Fokus auf die Gleichstellung von Frauen und Männern in Gesellschaft und Politik. Die kfd-Aktionswoche ist eine Gelegenheit, um neue Frauen als Mitstreiterinnen zu gewinnen.

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