ÖPNV

Wie viel Auto verträgt der Nahverkehr?

30 Prozent Anteil am Gesamtverkehr in Solingen soll der ÖPNV künftig erreichen. Dazu braucht es mehr Busse – und mehr Menschen müssen ihr Auto stehenlassen. Wie das gelingen kann, berät derzeit die Politik auf Grundlage eines Gutachtens.
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30 Prozent Anteil am Gesamtverkehr in Solingen soll der ÖPNV künftig erreichen. Dazu braucht es mehr Busse – und mehr Menschen müssen ihr Auto stehenlassen. Wie das gelingen kann, berät derzeit die Politik auf Grundlage eines Gutachtens.

Um die Ziele im ÖPNV erreichen zu können, braucht es freie Fahrt. Graf-Wilhelm-Platz ohne Kfz wird geprüft

Von Björn Boch

Solingen. 60.000 pro Tag: So viele Fahrten der Solingerinnen und Solinger müssen in den Öffentlichen Nahverkehr verlagert werden, um die selbst gesetzten Klimaziele zu erreichen. Möglich ist das nur mit einem Paket aus Maßnahmen: Taktverdichtung, größere Busse, neue Querverbindungen und Entlastungslinien sowie eine „ÖPNV-Beschleunigung“, wie es Verkehrsexperte Mathias Schmechtig von der Firma Nahverkehrs-Consult formuliert. Konsequent müssten dafür „Störungen durch den Individualverkehr“ abgebaut werden – vor allem an Nadelöhren wie dem Graf-Wilhelm-Platz. Hieße: Keine Autos mehr rund um den Neumarkt.

Schmechtig wurde von der Stadt Solingen mit einem Entwicklungskonzept für den Nahverkehrsplan beauftragt. Er erklärt, dass an einem durchschnittlichen Werktag drei Viertel aller Fahrten in Solingen beginnen und enden. Diese Mobilität könne die Stadt komplett beeinflussen – um das Ziel von 30 Prozent Anteil des ÖPNV am Gesamtverkehr bis 2030 zu erreichen, brauche es nun aber viele Schritte. Und das in hoher Geschwindigkeit.

Passend dazu: Hierhin pendeln die meisten Solinger

Infrastruktur: Diese Maßnahmen sind erforderlich

Ein Hauptproblem sieht der Experte bei den Kapazitäten auf den Straßen. Mehrere Infrastruktur-Maßnahmen seien absolut notwendig, um überhaupt etwas zu erreichen. „Der Graf-Wilhelm-Platz ist so ausgelastet, dass kaum noch eine Maus zusätzlich durchkommt“, betont Schmechtig. Daher müsse geprüft werden, wie dort weitere Bussteige entstehen könnten. Das geht wohl nur, wenn die Autos herausgenommen werden.

Zentraler Gedanke ist der Ausbau der Linien 681 und 682 zu Hochleistungsbuslinien: Wie berichtet sollen dort künftig größere Fahrzeuge fahren, die in engerer Taktung unterwegs sein sollen – möglichst im 24-Stunden-Betrieb. Dazu müsste – neben dem Graf-Wilhelm-Platz – der Knotenpunkt am Hauptbahnhof ausgebaut werden sowie der Betriebshof der Stadtwerke an der Weidenstraße, der bereits jetzt aus allen Nähten platze.

Dies seien unverzichtbare Kernmaßnahmen, um 30 Prozent ÖPNV-Anteil bis 2030 zu erreichen. „Unser Konzept zeigt, wie das geht. Es berücksichtigt ausdrücklich nicht, ob Finanzierung und Machbarkeit in so kurzer Zeit realistisch sind“, erklärt Verkehrsexperte Schmechtig. Klar sei: Das Konzept müsste vollständig, zeitnah und stringent umgesetzt werden.

Nahverkehr: Politik stimmt für Umbau der Infrastruktur

Im Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität und Wohnungswesen stimmten am Donnerstagabend alle Fraktionen dafür, auf Grundlage dieses Entwurfs den Nahverkehrsplan fortzuschreiben. Lediglich ein Einzelvertreter des AfD-Ablegers „Rationale Demokraten“ stimmte dagegen. Nun startet ein Beteiligungsverfahren. Eine Entscheidung über Einzelmaßnahmen wurde nicht getroffen, wie der zuständige Dezernent Andreas Budde (parteilos) betonte. „Wenn wir Infrastruktur umbauen, brauchen wir politische Beschlussfassungen samt Finanzierung.“

Leon Kröck sprach für die Grünen von einem „sehr guten Plan“, auch wenn viele Fragen offen seien. Die Straße rund um den Graf-Wilhelm-Platz sei für Autos die „unnützeste Straße in ganz Solingen“. Carsten Raupach (FDP) rief dazu auf, erst das Mobilitätskonzept abzuwarten. Derzeit seien Aussagen darüber, ob es Individualverkehr an bestimmten Stellen brauche oder nicht, nicht sinnvoll. Rainer Knecht (SPD) sah in der Mobilitätswende „eine zentrale Aufgabe dieser Legislatur“ mit dem Ziel, den ÖPNV-Anteil „signifikant“ zu erhöhen.

Für die CDU übte Jonathan Bürger Kritik. Die richte sich nicht gegen das Gutachten. Er müsse aber leider feststellen, dass die Pläne nicht weiter entfernt sein könnten von der Realität. „Wir kommen aus einer langen Phase des Notbetriebs wegen Fahrermangel. Die Bussteigsanierungen laufen schleppend und wir haben ein extremes haushalterisches Problem.“ Er forderte Oberbürgermeister und Kämmerer auf, zu zeigen, wie das finanziert werden solle. Einig waren sich alle Parteien darin, dass es so oder so viel Geld von Bund und Land benötige.

Verkehrsdezernent Budde betonte, dass es der richtige Weg sei, zunächst aufzuzeigen, wie das 30-Prozent-Ziel erreicht werden könne. „Wir haben früh gefragt, ob wir noch mal über das Ziel reden sollen. Da war die klare politische Linie: Nein.“

Der Nahverkehrsplan wird neu aufgestellt, um eine rechtssichere Vergabe an den Verkehrsbetrieb der Stadtwerke 2024 zu gewährleisten. Die Stadt ist verpflichtet, diesen Plan aufzustellen, in regelmäßigen Abständen zu prüfen und bei Bedarf fortzuschreiben.

Standpunkt von Björn Boch: Was Hoffnung macht

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Mehr Fahrer, mehr Busse, massive Eingriffe in die Infrastruktur und den Verkehrsfluss: Nur so werden mehr Menschen ihr Auto stehen lassen. 2030, das haben alle Fraktionen in der vorherigen Ratsperiode beschlossen, soll fast jeder dritte Weg mit dem ÖPNV zurückgelegt werden. Momentan ist es nur etwas mehr als jeder zehnte Weg.

Viel Zeit ist verstrichen, bis 2030 werden die Veränderungen nicht zu schaffen sein. Das ist ein offenes Geheimnis. Dennoch wäre es falsch, das Ziel jetzt zu verwerfen. Dies würde automatisch dazu führen, dass die Anstrengungen nachlassen. Wichtig ist, zunächst weiter groß zu denken.

Natürlich muss geklärt werden, ob Autos auch in Zukunft rund um den Graf-Wilhelm-Platz fahren können – oder wie die Alternative aussieht. Aber noch ist es dafür zu früh. Was Hoffnung macht: Manche Städte fangen fast bei null an und stecken Hunderte Millionen Euro etwa in ein komplett neues Straßenbahnnetz. Verglichen damit ist Solingen mit seinem Stangentaxi schon recht weit.

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