Nachhaltigkeit

ÖPNV: Stadt braucht 90 neue Busse

Ein Bus der Stadtwerke am Theater und Konzerthaus: Politik und Verwaltung wollen den Anteil des Nahverkehrs am Verkehrsmix in der Stadt bis 2030 verdoppeln. Dafür sind allerdings hohe Investitionen notwendig.
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Ein Bus der Stadtwerke am Theater und Konzerthaus: Politik und Verwaltung wollen den Anteil des Nahverkehrs am Verkehrsmix in der Stadt bis 2030 verdoppeln. Dafür sind allerdings hohe Investitionen notwendig.

Der Anteil der Busse und Bahnen am Verkehrsmix soll bis 2030 auf 30 Prozent steigen. Kommen damit Restriktionen für Autofahrer?

Von Björn Boch

Solingen. Die Stadt steht vor einem massiven Ausbau des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs. Um den Anteil der ÖPNV-Nutzer am Gesamtverkehr auf 30 Prozent zu verdoppeln, müsse das ÖPNV-System in Solingen „mindestens auf 250 Prozent der heutigen Beförderungskapazitäten ausgebaut werden“, heißt es in einer Vorlage für den Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität und Wohnungswesen (AKUMW). Und weiter: Dieser Ausbau erfordere „eine zusätzliche Finanzierung in bisher in Solingen nicht gekannter Größenordnung.“

Hintergrund: In der Nachhaltigkeitsstrategie der Stadt – einstimmig 2018 vom Rat verabschiedet – ist als Ziel definiert, den Anteil des ÖPNV am Gesamtverkehr (Fachbegriff: „Modal Split“) zunächst auf 20 Prozent im Jahr 2025 und dann auf 30 Prozent im Jahr 2030 zu steigern. 2015 hatte der Anteil lediglich rund 15 Prozent betragen.
Die Solinger BOBs sparen zudem 385 Tonnen CO2 ein

Das Problem: Aktuell sind durch die Pandemie sogar Fahrgäste verloren gegangen – und zwar in wesentlichem Ausmaß. 2020 habe es 23 Prozent weniger Fahrgäste als im Vorjahr gegeben, 2021 sogar 32 Prozent weniger im Vergleich zu 2019. „Die Strategie muss daher zunächst sein, diese Fahrgäste zurückzugewinnen. Anschließend müssen dann neue Fahrgäste hinzugewonnen werden“, heißt es in der Vorlage weiter.

Da für die Züge der VRR zuständig sei und sich ein geplanter Umbau des S-Bahn-Netzes erst deutlich nach 2030 auswirke, müsse der beschlossene ÖPNV-Zuwachs fast ausschließlich über den Solinger Stadtverkehr erreicht werden – also über die Busse des Verkehrsbetriebs der Stadtwerke (SWS). Der für Verkehr zuständige Beigeordnete Andreas Budde (parteilos) und sein Team erstellen derzeit einen neuen Nahverkehrsplan. Dieses Konzept müsse im ersten Sitzungsblock 2023 vorliegen, um den Betrieb ab 2024 zu sichern. „Das Ziel, den Modal Split auf 30 Prozent zu erhöhen, ist sehr, sehr ehrgeizig“, sagte Budde in der AKUMW-Sitzung am Montagabend.

Zahlen: Das muss Solingen für einen besseren ÖPNV tun

Die von ihm verantwortete Vorlage spricht von einer „erkennbaren Diskrepanz zwischen den ambitionierten Zielen auf der einen Seite und den Grenzen aktuell genutzter Finanzierungsquellen auf der anderen Seite“. Carsten Knoch, Leiter der Abteilung Mobilität und generelle Planung, nannte diese geschätzten Zahlen als Grundlage für die kommenden Jahre: 90 weitere Fahrzeuge, 180 neue Fahrerinnen und Fahrer, eine Verdopplung der Kapazität des Betriebshofs und 10 Stellen im Bereich Planung. „Es muss zwingend auch Veränderungen im Individualverkehr geben“, ergänzte er. Zahlreiche Projekte in anderen Städten hätten gezeigt, dass mehr Gäste im ÖPNV nur mit zwei parallelen Maßnahmen zu erreichen seien: einem besseren Angebot bei gleichzeitigen Restriktionen für Autofahrer in bestimmten Bereichen.

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An einer Online-Umfrage zur Zukunft des Nahverkehrs in Solingen haben – Stand Montag – bislang rund 850 Personen teilgenommen. Die Grünen hatten in einem Antrag gefordert, kurzfristig bis zu drei weitere Beteiligungsmaßnahmen durchzuführen und Fahrgäste am Graf-Wilhelm-Platz oder dem Hauptbahnhof direkt zu befragen. „Die Zahl der Teilnehmer reicht nicht aus, auch wenn der Gutachter sagt, dass die Zahl passabel ist“, erklärte Grünen-Ratsmitglied Leon Kröck.

Dem Antrag der Grünen schloss sich nur die BfS an, die CDU stimmte dagegen, SPD und FDP enthielten sich, weshalb der Antrag keine Mehrheit fand. Die Verwaltung habe klargemacht, dass die Zeit dränge, außerdem habe es bereits ausreichend Bürgerbeteiligung gegeben, so CDU-Ausschusssprecher Jonathan Bürger. „Die Ideen liegen auf dem Tisch, wir wissen, wo die Bedarfe sind. Wir müssen jetzt sehen, was wir sinnvoll umsetzen können und was nicht.“

Mit den Bezirksvertretungen hatte es bereits Workshops gegeben, ein weiterer ist seitens der Verwaltung noch im Juni mit den Mitgliedern des Fahrgastbeirates geplant. Der hat bereits Ideen eingebracht, darunter Verbesserungen im Frühverkehr und mehrere neue Kleinbuslinien. Fachleute der Verwaltung raten, sich auf die Stärkung der Hauptverkehrsachsen zu konzentrieren. Kleinbuslinien seien teuer – und der Effekt auf die Nutzerzahlen eher gering.

Beteiligung

Bis Freitag, 24. Juni, bleibt das Online-Portal zum städtischen Busnetz noch geöffnet. Bürger können dort angeben, welche Busverbindungen sie sich wünschen und wo Haltestellen fehlen. Wer Probleme habe, den Fragebogen online auszufüllen, könne ihn sich auch ausdrucken lassen und im Rathaus abgeben, erklärte der Beigeordnete Andreas Budde.

Standpunkt von Björn Boch: Das wird teuer

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Ob die Zahl auf den Bus genau stimmt oder nicht: Die Vorlage der Planer zeigt, wie dringend der Nachholbedarf im Solinger Busverkehr ist, wenn mehr Menschen ihn nutzen sollen. 30 Prozent Anteil am Gesamtverkehr sind einstimmiges politisches Ziel. Einigen wird vielleicht erst jetzt klar, was sie da beschlossen haben – und welche Ausmaße die Investitionen annehmen könnten. Ein O-Bus mit moderner Batterietechnik kostet bis zu 900 000 Euro. Sinnvoll für die Verkehrswende? Sicher.

Der Erfolg ist aber keineswegs gewiss. Individualverkehr wird immer bequemer sein als „die Öffentlichen“ – zumal in Solingen, wo für eine Großstadt relativ wenige Menschen auf viel Raum leben. Die Planer haben deshalb Recht, wenn sie klarmachen, dass es ohne Einschränkungen für Autos kaum gehen wird. Proteste sind programmiert. Nicht nur deshalb muss das gesamtstädtische Mobilitätskonzept schnell kommen. Bevor Millionen ausgegeben werden.  

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