Montagsinterview

Obermeister der Kfz-Innung: „Das erste Quartal wird heftig“

Uwe Stamm ist neuer Obermeister der Kfz-Innung. Auch viele der rund 80 Mitgliedsbetriebe leiden unter der Corona-Krise. Dazu kommt der Umbruch der Branche hin zur E-Mobilität. Foto: Christian Beier
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Uwe Stamm ist neuer Obermeister der Kfz-Innung. Auch viele der rund 80 Mitgliedsbetriebe leiden unter der Corona-Krise. Dazu kommt der Umbruch der Branche hin zur E-Mobilität.

Der neue Obermeister Uwe Stamm über die Corona-Krise, neue Formen der Mobilität und die Faszination Auto.

Das Gespräch führte Björn Boch 

Herr Stamm, Sie sagten zum Amtsantritt, dass es bei einigen Kfz-Betrieben in der Corona-Krise sehr gut laufe, bei anderen schleppend: Wie ist das zu erklären?

Uwe Stamm: Wichtig ist, nicht nur in der Krise, wenn sich ein Betrieb spezialisiert hat. Damit kommt man in den Markt und kann dort bestehen. Öl wechseln und Bremsbeläge tauschen kann jeder. Auch der Kauf von Standardautos lief im Frühjahr nicht so gut, bei unseren Trucks lief es aber so gut wie selten. Wir mussten niemanden in Kurzarbeit schicken. Dennoch: Es gibt weiter eine starke Verunsicherung im Privatkundenbereich.

Wo stehen die Solinger Betriebe im Vergleich zum Vorjahr?

Stamm: Wir haben Krise, und die werden wir noch eine Zeit lang behalten. Dazu kommt, dass die Branche allgemein stark im Umbruch ist, in Bezug auf Elektromobilität und alternative Kraftstoffe. Zudem werden uns Steine in den Weg geworfen, zum Beispiel bei den Abgasnormen. Ein massives Problem für Kunden aus anderen Städten sind auch die Straßenverkehrsämter, da dauert es teilweise sechs oder acht Wochen bis zur Anmeldung. Ganz klar positiv will ich da das Solinger Amt hervorheben, da läuft das super.

Was haben Förderprämien für E-Autos und die Mehrwertsteuersenkung gebracht?

Stamm: Leider hat die Politik auf die Abwrackprämie verzichtet, die beim ersten Mal gut funktioniert hat. Prämien für E-Autos sind ein Anreiz gewesen, ich hätte das aber nicht darauf beschränkt, sondern auf saubere Verbrenner ausgeweitet. Positiv angenommen haben die Kunden die Mehrwertsteuersenkung.

Wie blicken sie auf 2021?

Stamm: Es wird ein schwieriger Start bei den Privatkunden, einige haben den Kauf wegen der Anreize vorgezogen. Das erste Quartal wird heftig. Dazu kommt eine Kaufverschiebung im Gewerbekundenbereich – manche Firmen müssen in der Krise erstmal andere Probleme lösen.

Als neuer Obermeister wollen Sie „Unterstützung geben und sich verantwortlich fühlen“: Was können Sie in Ihrer Position tun?

Stamm: Ich habe das Amt nicht angetreten, um mir den Titel umzuhängen. Als Innung kann man Einfluss nehmen und beraten, Solinger Betriebe vertreten und die Probleme vor Ort zu lösen. Außerdem möchte ich die Vernetzung untereinander verbessern. Ein Beispiel: Wenn einer viel zu tun hat und der andere wenig, könnten wir uns Mitarbeiter ausleihen. Da würden alle profitieren – in anderen Innungen funktioniert das bereits. Die Innung vertritt Einzelkämpfer, aber auch Häuser mit mehr als 100 Mitarbeitern. Ich will alle Betriebe mitnehmen und kann mir gemeinsame Schulungen gut vorstellen: technische, aber auch kaufmännische oder betriebswirtschaftliche.

„Wir sollten den Kuchen aufteilen, statt dass jeder versucht, ihn alleine zu essen.“

Das Konkurrenzdenken in Solingen scheint mir aber eher stark ausgeprägt.

Stamm: Ich bin seit 1983 im Solinger Automarkt, ich kenne die Animositäten. Klar, man ist sich nicht in allem grün, man sollte aber zusammenarbeiten, sich gegenseitig unterstützen, statt sich Kunden abzugraben. Jeder hat seine Berechtigung und kann etwas beitragen. Wir sollten den Kuchen aufteilen, statt dass jeder versucht, ihn alleine zu essen.

Zur Technik und zum Umbruch der Branche: Was ist die realistischste Alternative zum Verbrenner?

Stamm: Es wird auch in zehn, zwanzig Jahren noch Verbrenner geben. Und das macht Sinn. Wir können nicht alles mit Elektroautos auffangen. Rechnet man Akkus, Batterien und Entsorgung mit, ist die CO2-Bilanz eines Vollstromers auch nicht so prickelnd. Das wird sich hoffentlich noch positiv verändern. E-Autos sind ein interessantes Thema für den Normalstreckenbereich. Jeder, der viel innerstädtisch unterwegs ist, ist für mich da der Paradekunde. Gas ist sauberer als Diesel oder Benzin und auch eine Alternative, Wasserstoff ist gut und interessant, aber noch viel zu teuer.

Wie sehr leiden die Verkaufszahlen an der fehlenden Infrastruktur?

Stamm: Die einen bauen keine Tankstellen, weil es zu wenig E-Autos gibt, die anderen kaufen keine E-Autos, weil es keine Infrastruktur gibt. Das wird uns wohl noch eine Zeit lang begleiten, noch länger wird es mit Sicherheit bei Wasserstoff dauern.

Inwieweit müssen sich Autohändler neben neuen Antrieben auch auf Car-Sharing-Modelle einstellen?

Stamm: Das ist eine interessante Geschichte in Großstädten und Ballungsgebieten – wo es Parkplatzmangel und viel ÖPNV gibt. Brauche ich dann doch mal ein Auto, ist das praktisch. Flächendeckend wird sich das nicht durchsetzen.

Die Bergische Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft geht davon aus, dass wir in Teilen des Bergischen Landes 2030 autonom fahren. Wie sehen Sie das?

Stamm: Wir brauchen eine gesetzliche Grundlage. Die Autos können das schon, das ist technisch gelöst, es gibt ja bereits Spurhalteassistenten oder Abstandsregler. Bei der Akzeptanz der Verbraucher bin ich aber skeptisch.

Woran liegt es eigentlich, dass sich die Kfz-Branche kaum Nachwuchssorgen machen muss?

Stamm: Das liegt an der Faszination Auto, es ist eine sehr spannende Branche und faszinierend, welche Innovationen in den Fahrzeugen Einzug halten. Andere Branchen haben es da schwerer. Wobei: Wir haben zwar eine Menge Bewerbungen, aber auch da ist es betrieblich stark unterschiedlich. Und wirklich qualifizierte Auszubildende zu finden, wird auch für uns nicht einfacher.

Was muss ein Bewerber denn können?

Stamm: Schulbildung ist sehr wichtig, auch technisches Verständnis. Es sind eben nicht nur Rad- und Ölwechsel. Die Betriebe müssen sich aber auch attraktiv darstellen, dann gibt es attraktive Bewerbungen. Der Flurfunk unter Jugendlichen funktioniert da ganz gut. Das ist ein Thema für uns als Innung: Die Faszination des Berufs, der auch kaufmännisch spannend und weitreichend ist, müssen wir herausstellen.

Was ist am Auto so faszinierend, dass es für viele ein so emotionales Thema ist?

Stamm: Das Auto bleibt der Deutschen liebstes Kind. Wir erleben sehr viele Autos mit nur geringer eigener Fahrleistung – aber das eigene Auto oder auch der Zweitwagen muss sein. Am besten in der eigenen Garage.

Zum Schluss die Gretchenfrage: Tempolimit auf Autobahnen, ja oder nein?

Stamm: Ganz klar nein. Wir brauchen Verstand bei allen, und dann können wir frei fahren. Es gibt Tempolimits in vielen Ballungsgebieten, das finde ich gut – aber kein generelles Zwangstempolimit, wo nichts unterwegs ist. Schilderbrücken, die je nach Verkehrsdichte andere Geschwindigkeiten vorschreiben können, halte ich für eine gute Lösung.

Persönlich / Innung

Uwe Stamm: Der 54-jährige Kfz-Meister hat in Solingen beim früheren Autohaus Flocke gelernt. 1994 hat er sich mit dem Auto-Treffpunkt Stamm selbstständig gemacht. Neben Seat, Skoda und Suzuki hat er sich seit 15 Jahren auf Fahrzeuge von Dodge und Ram Trucks spezialisiert.

Familie: Stamm ist seit mehr als 30 Jahren mit seiner Frau Elke verheiratet, sie haben zwei Söhne und einen Enkel. Nico ist Kfz-Meister, zweiter Geschäftsführer im Auto-Treffpunkt und Papa von Max. Sebastian ist Bankkaufmann bei der Stadt-Sparkasse.

Innung: Die Solinger Kraftfahrzeug-Innung hat rund 80 Mitglieder, die Betriebe beschäftigen etwa 1000 Mitarbeiter.

www.kfz-innung-solingen.de

Uwe Stamm ist seit ein paar Wochen neuer Kfz-Innungsobermeister.

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