Ausstellung in Ohligs

NS-Terror zerstörte Händler-Existenzen

Sie haben die Ausstellung an der Düsseldorfer Straße umgesetzt (v. l.): Daniela Tobias, Vorsitzende des Vereins Max-Leven-Zentrum, Gloria Göllmann, ISG-Geschäftsführerin, und der Historiker Armin Schulte. Foto: Christian Beier
+
Sie haben die Ausstellung an der Düsseldorfer Straße umgesetzt (v. l.): Daniela Tobias, Vorsitzende des Vereins Max-Leven-Zentrum, Gloria Göllmann, ISG-Geschäftsführerin, und der Historiker Armin Schulte.

Ausstellung in Ohligs würdigt Schicksale jüdischer Geschäftsleute.

Von Jutta Schreiber-Lenz

Solingen. Neun Banner erinnern an Ohligser Geschäftsleute, die wegen ihres jüdischen Glaubens vom NS-Regime verfolgt wurden. Alte Ansichtspostkarten, Familienanzeigen oder im „Ohligser Anzeiger“ geschaltete Werbung für „Herren- und Knabenkleidung“ und „Dauer-Wäsche“ geben den Schicksalen der Familien zwar kein Gesicht, holen aber dennoch abstrakte Geschichtsdaten ins Persönliche, ins Begreifbare.

Manche der Verfolgten, die nach der Reichspogromnacht endgültig erkannt hatten, dass sie in Deutschland um Leib und Leben fürchten mussten, erreichten wohlbehalten eine neue Heimat in Birmingham oder New York. Manche aber gerieten auf ihrer Flucht erneut in die Fänge brauner Schergen und ließen ihr Leben im Vernichtungslager Auschwitz.

„Von Ohligs nach Auschwitz“ ist die Schaufenster-Ausstellung überschrieben, die Designerin Daniela Tobias, Vorsitzende des Vereins Max-Leven-Zentrum zusammen mit Armin Schulte vom Stadtarchiv gestaltet und organisiert hat. Passenderweise konnte Gloria Göllmann, Geschäftsführerin der Ohligser Immobilien- und Standortgemeinschaft (ISG) dafür die Schaufensterfronten des Eckhauses Düsseldorfer Straße / Forststraße vermitteln.

Das derzeit leerstehende Ladenlokal wurde bis 1938 von dem jüdischen Ehepaar Georg und Jenny Davids betrieben, im 1907 selbst gebauten Haus. Hier, im öffentlichen Raum, buchstäblich im Vorübergehen zu betrachten, erreicht dieses Stück Solinger Geschichte nun viele Bürger: Die jüdischen Kaufleute an der Düsseldorfer Straße – wie etwa die Familien Steeg, Rosenbaum, Marx oder Zürndorfer – waren seit Beginn des 20. Jahrhunderts fester Bestandteil des aufstrebenden Ohligser Zentrums. Ihre Manufakturwaren, Weißwaren, Spielwaren, Herren- und Damenmode sowie Stahlwaren zogen viele Kunden in ihre Läden.

Wir wollten mehr zeigen, als man das mit Stolpersteinen kann

Daniela Tobias, Vorsitzende Max- Leven-Zentrum

„Alle waren nach dem Bau des Bahnhofs von außerhalb nach Ohligs gezogen und läuteten hier sozusagen als ‚Macher‘ und ‚Gründer‘ für den Stadtteil eine moderne, lebhafte Zeit ein“, erläuterte Armin Schulte. Für Gloria Göllmann schließt sich damit der Kreis zum Hier und Jetzt: Denn „aktuell brauchen wir ja in dem Stadtteil auch wieder mutige Pioniere unter den Geschäftsleuten, die Neues wagen und mit der Zeit gehen“.

Ein Aspekt, der Daniela Tobias und Armin Schulte in ihrem Konzept sehr wichtig war. „Wir wollten mehr zeigen, als man das mit Stolpersteinen kann, die ja nur Namen nennen“, sagt sie. „Die Schaufensterausstellung wirft einen Lichtstrahl in die reale Lebenswirklichkeit damals in Ohligs.“

Fehlen würden leider nach wie vor Fotos der Kaufleute. „Die wenigen, die wir haben, stammen von Einwanderungspapieren und sind eine seltene Ausnahme“, sagt Tobias, die sich mehr Gesichter wünscht. Auch Ladenansichten gebe es kaum. „Alles was wir haben, sind fotografische Blicke in die Straßenflucht, auf denen man die jeweiligen Geschäfte oft nur am Rande erkennen oder erahnen kann.“ Ihr Appell also an alle geschichtsinteressierten Solinger: „Sollte jemand Fotos von damals haben, bitte bei uns melden.“

Das Thema jüdische Geschäftsleute in Ohligs sei übrigens noch lange nicht abgehandelt. „Wir sammeln stets weitere Wissensbausteine, immer wieder schließen sich Lücken im historischen Puzzle – durch entdeckte Querverbindungen in Archivmaterial“, sagt Schulte, der sich vom Standort der Ausstellung mitten in der Fußgängerzone eine große Reichweite verspricht und dadurch eine Chance auf weitere Informationen durch Betrachter.

Hintergrund

Die Ausstellung hat ihren Ursprung in einem Online-Vortrag, den Daniela Tobias am 27. Januar zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus für den Verein Max-Leven-Zentrum Solingen e. V. und das Stadtarchiv Solingen mitgehalten hatte. Ein nächster Schritt soll nun sein, gemeinsam mit der Firma Excit3D die Ausstellung in 360-Grad- Optik auf der Stadtteilseite Ohligs zu verlinken.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Solingen bleibt in Inzidenzstufe 2
Solingen bleibt in Inzidenzstufe 2
Solingen bleibt in Inzidenzstufe 2
Fahren trotz Verbot: Autofahrer ignorieren Absperrungen
Fahren trotz Verbot: Autofahrer ignorieren Absperrungen
Fahren trotz Verbot: Autofahrer ignorieren Absperrungen
Frau fährt gegen geparktes Auto
Frau fährt gegen geparktes Auto
Frau fährt gegen geparktes Auto
Corona: Ab heute gelten strengere Regeln - Weiter höchster Wert im Bund - Impfmobil unterwegs
Corona: Ab heute gelten strengere Regeln - Weiter höchster Wert im Bund - Impfmobil unterwegs
Corona: Ab heute gelten strengere Regeln - Weiter höchster Wert im Bund - Impfmobil unterwegs

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare