Energiekrise

Niedrigere Gaspreise kommen wohl nicht vor 2024

Gerlinde Steingrüber (MIT) diskutierte mit (v. l.) dem CDU-Abgeordneten Jürgen Hardt, Stefan Simmnacher (MIT NRW), Andreas Schwarberg (Stadtwerke) und Henner Pasch (IHK). Unternehmer Jörg Püttbach (BIA) stieß später zur Diskussionsrunde dazu.
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Gerlinde Steingrüber (MIT) diskutierte mit (v. l.) dem CDU-Abgeordneten Jürgen Hardt, Stefan Simmnacher (MIT NRW), Andreas Schwarberg (Stadtwerke) und Henner Pasch (IHK). Unternehmer Jörg Püttbach (BIA) stieß später zur Diskussionsrunde dazu.

Der Mittelstand schlägt Alarm und die Stadtwerke fordern einen Rettungsschirm. Werden Sparpotenziale nicht genutzt?

Von Björn Boch

Solingen. Den drastischsten Appell richtete ein Unternehmer an die Diskussionsrunde: „Vielen steht das Wasser bis zum Hals. Kommt da endlich etwas oder diskutieren wir noch monatelang?“, fragte Jörg Püttbach. Der Chef von BIA Kunststoff- und Galvanotechnik berichtete, dass seinem Unternehmen aktuell eine Stromrechnung von fast 7 Millionen Euro drohe – nach 2,5 Millionen Euro im Vorjahr. „Das hält ein Mittelständler nicht lange aus.“ Vor allem nicht, wenn er die Preise aufgrund langjähriger Verträge nicht an seine Kunden weitergeben könne – ein häufiges Phänomen bei Automobil-Zulieferern.

Beim Diskussionsabend der Solinger Mittelstandsvereinigung (MIT) der CDU begrüßte die Vorsitzende Gerlinde Steingrüber unter dem Titel „Wirtschaftskrieg gegen Europa“ neben Püttbach den Präsidenten der Bergischen Industrie- und Handelskammer (IHK) Henner Pasch, Stadtwerke-Chef Andreas Schwarberg, den CDU-Bundestagsabgeordneten Jürgen Hardt (CDU) und den Vorsitzenden von MIT-NRW, Stefan Simmnacher. Der überraschte mit der Anekdote, dass manche Unternehmer sich ihr Einsparpotenzial beim Energieverbrauch quasi aufheben würden. Falls eine Gasmangellage eintrete und der Verbrauch von der Bundesnetzagentur vorgeschrieben wird, habe man bereits Sparpotenzial und könne das dann umsetzen. Das müsse Politik mit besseren Regeln ändern.

„Das sind drastische Standortnachteile.“

IHK-Präsident Henner Pasch über die multiple Krisenlage

Für die Kammer warnte Pasch: „Die Situation ist sehr angespannt. Der Ausblick über dieses Geschäftsjahr hinaus ist der Blick in eine trübe Glaskugel“, betonte der Solinger Unternehmer (Fourtexx). Noch sei die Ausgangslage in der Industrie gut, viele Firmen hätten volle Auftragsbücher, aber auch Angst vor den Angeboten, die sie angesichts der Kostensteigerungen 2023 für Kunden schreiben müssten.

Stadtwerke heben die Gaspreise zum 1. November an

Mit Blick auf die Verbraucher sieht Pasch kritisch, dass sich neben hohen Immobilienpreisen die Zinssituation verschärfe. Gerade für junge Menschen bedeute das oft ein Ende der Pläne fürs Eigenheim. Inflation sorge für weniger Kunden im Handel, außerdem fehlten Fachkräfte: „Da kommen Themen auf uns zu, die in anderen Bereichen der Welt nicht zusammenkommen. Das sind drastische Standortnachteile. Ich weiß nicht, wie lange die Vorteile wie Qualität und Innovation das noch aufwiegen.“

Erst gar nicht ausmalen wollte sich Pasch, was passiert, wenn zwischen China und Taiwan der nächste Krieg ausbrechen sollte. Taiwan hat eine marktbeherrschende Stellung bei der Halbleiter-Produktion. „Dass wir dann keine neuen Handys oder Computer mehr kriegen, wird unser kleinstes Problem sein.“

Jürgen Hardt skizzierte die Lage entsprechend als „mehrfache Bedrohung unseres Wohlstandsmodells“. Hellhörig wurden die Zuhörer im Saal bei Ebbtron in Ohligs und online, als Hardt an ein Strategiepapier der CDU-Fraktion aus dem Jahr 2016 erinnerte. In dem sei eine Diversifizierung der Energieversorgung gefordert worden. „Das hätte aber steigende Preise bedeutet. Und wenn wir damals gesagt hätten, dass Gas teurer werden muss, hätte das sicher einen Aufschrei gegeben.“

Für einen Stadtwerke-Rettungsschirm sprach sich SWS-Geschäftsführer Andreas Schwarberg aus – und gegen eine Übergewinnsteuer. Die Solinger Stadtwerke hätten zu einem frühen Zeitpunkt in regenerative Energien investiert und sollten dafür jetzt geschröpft werden. Stattdessen müsse man die Stadtwerke stärken – auch, um die Versorgung zu sichern.

Mit dauerhaft niedrigeren Preisen rechnet er für 2024, dann sei der Umbau der Gasversorgung weit fortgeschritten. Diese Zeit gelte es zu überbrücken – irgendwie.

Passend zum Thema: Stadtwerke Solingen erhöhen Gaspreis um etwa 70 Prozent

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