Die Woche in Solingen

Nichts ist gruseliger als ein verödetes und einsames Zentrum

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Man muss wieder gerne in die Innenstädte kommen können, einen Mehrwert an Lebensqualität verspüren. Und das nicht unbedingt nur zum Bummeln, meint ST-Chefredakteur Stefan M. Kob, und denkt dabei auch an Orte der Begegnung wie Sportstätten und Grünanlagen. Der Weg, der gerade in Solingen eingeschlagen wird, macht ihm Hoffnung.

Solingen. Noch ist es eine kleine Besonderheit, wenn im frisch herausgeputzten C & A eine kleine Espresso-Bar integriert ist. Gut möglich, dass es in den Geschäften der Zukunft bald genau umgekehrt ist: ein cooles Café, in dem man auch Klamotten, Deko- oder Sportartikel aussuchen und ausprobieren kann. „Erlebnisstadt“ statt „Einkaufsstadt“ ist der Trend, den Fachleute als Überlebensstrategie für den City-Einzelhandel propagieren.

Ob die Strategie funktioniert, steht nicht fest. Fest steht aber, dass die bisherigen Konzepte nicht mehr lange tragen. In Solingen lässt sich diese Gewissheit auf schmerzvolle Weise mitverfolgen. Doch der Abwärtstrend gilt bundesweit: Bis zu 50 000 Geschäfte könnten nach Corona dauerhaft schließen, befürchtet der Einzelhandelsverband. Das Virus wirkt dabei nur als Beschleuniger einer Entwicklung, die aufgrund des unaufhaltsam wachsenden Onlinehandels ohnehin schon im vollen Gange war. 

Es ist wichtig, dass Vermieter, Interessenten und Stadt an einem Tisch sitzen

Da ist es eine gute Nachricht, dass sich Solingen längst schon auf den Weg gemacht hat, gegen diesen Abwärtssog zu kämpfen. Mit millionenschweren Stadtteil-Entwicklungskonzepten wollen Stadt und Handel genau diesen Weg beschreiten: den Handel konzentrieren und damit attraktiver machen - und gleichzeitig mehr arbeitende und wohnende Menschen in die City integrieren. Denn nichts ist gruseliger als ein Zentrum, das verödet und vereinsamt. 

Bei der Umwidmung der leerstehenden Flächen sind der Fantasie eigentlich keine Grenzen gesetzt. Warum nicht auch neue Kindertagesstätten dort einrichten? Am Fronhof gibt es das ja schon. Handwerker, die ihre Leistungen auch dort vor Ort anbieten. Büros, aber auch offene Sportstätten, Brunnen, Grünanlagen und natürlich interessante Gastronomie tragen zum Wohlfühlgefühl bei. Man muss wieder gerne in die Innenstädte kommen können, einen Mehrwert an Lebensqualität verspüren. Und das nicht unbedingt nur zum Bummeln - aber vielleicht, um ein im Webshop geordertes Kleidungsstück vor Ort im Laden auspacken und anprobieren zu können.

Allen Solinger Unkenrufen zum Trotz ist vieles schon auf dem richtigen Weg: Mit Hilfe des Landesfonds WIN ist es gelungen, die ersten drei von 40 Leerständen in der City mit Leben zu füllen - auch wenn es nur ein erster kleiner Erfolg sein mag. Der Fonds, der im Übrigen auf Solinger Initiative hin geschaffen wurde, wirkt dabei als Katalysator. Dabei ist das Geld genauso wichtig wie die Tatsache, dass Vermieter, Interessenten und Stadt an einem Tisch sitzen, um im Sinne des großen Ganzen eine passende Lösung zu finden.  

Kühl kalkulierende Konzerne glauben durch aus an Solingens bevorstehende Metamorphose

Ein Weg übrigens, den eine andere, ebenfalls nicht unbekannte Stadt aus denselben Gründen schon eingeschlagen hat, als man in Solingen noch von blühenden Einzelhandelslandschaften träumte: Paris. Dort kämpfen die Verantwortlichen bereits seit 2004 mit einem ehrgeizigen Revitalisierungsplan gegen die Verödung der Innenstadt, indem verlassene Geschäfte aufgekauft und zu günstigeren Konditionen vermietet und Einzelhändler mit digitalen Start-ups zusammengebracht werden. 

Vielleicht wird das Potenzial von „City 2030“ noch deutlicher, wenn die vielbeschworene Gläserne Werkstatt als Symbol der Erneuerung im ehemaligen Appelrath-Cüpper endlich an den Start ginge. Doch im Gegensatz zum notorisch pessimistischen Solinger glauben kühl kalkulierende Konzerne durchaus an die bevorstehende Metamorphose: Woolworth gab in dieser Woche bekannt, dass das Warenhaus mit zwei Filialen im Hofgarten und in Ohligs in der Klingenstadt vertreten bleibt. Beileibe keine Selbstverständlichkeit, wie man aus anderen, durchaus vergleichbaren Städten weiß. 

Ein weiterer Baustein für attraktive Zentren sind Events und Aktionen - in Coronazeiten verständlicherweise ein Totalausfall. Doch so langsam kehrt auch an dieser Stelle Leben in die Stadt zurück. Die Schachaktion im Hofgarten zahlt ebenso wie die Planung von Weihnachtsmärkten in Verbindung mit verkaufsoffenen Sonntagen auf das Konto “Lebenswerte City” ein. Hoffentlich tritt Verdi mit Hilfe von Gerichten diese zarten Pflänzchen der Hoffnung nicht direkt wieder platt. 

WebID passt haargenau zur Strategie des gewollten Strukturwandels

In die Kategorie Aufbruch gehört auch die nicht mehr zu übersehende Bautätigkeit für die neue Sparkassenzentrale am Neumarkt - auch wenn die notwendigen Straßensperrungen und Verkehrsumleitungen erst einmal zu jeder Menge Frust führen. Immerhin wartet man mit der erneuten Schließung der Peter-Knecht-Straße ab, bis die Kirschbaumer Straße wieder offen ist. Sage einer, die Stadt sei nicht lernfähig. 

Einen seltsamen Widerspruch dagegen birgt der Fall WebID. Das stark wachsende Digital-Unternehmen in Ohligs, das jüngst Schlagzeilen aufgrund des Einstiegs eines kapitalstarken Investors machte, plant den Aufstieg als globales Unternehmen. Doch in der Aufmerksamkeit der Stadt steht es im Schatten der IT-Stars codecentric und Instana. Während die beiden Erfolgsunternehmen gerne stolz als Vorzeigeobjekte einer Möchtegern-Digitalstadt genannt werden, können sich die WebID-Chefs nicht gerade damit rühmen, übermäßig hofiert zu werden. Warum eigentlich nicht? Auch und gerade WebID passt doch haargenau zu der Strategie des gewollten Strukturwandels. Ein Besuch der Rathausverantwortlichen an der Kieler Straße könnte helfen, dass das auch so bleibt. Denn dass Solingen bei der geplanten globalen WebID-Expansionsstrategie als Firmen-Hauptquartier gesetzt bleibt, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. 

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