Energiekosten

Nicht nur Gas-Kunden leiden unter Krise

Im Müllheizkraftwerk an der Sandstraße wird die Energie für das Solinger Fernwärmenetz erzeugt.
+
Im Müllheizkraftwerk an der Sandstraße wird die Energie für das Solinger Fernwärmenetz erzeugt.

Ein Experte fordert auch eine Entlastung für andere Energieträger wie etwa Öl und Holzpellets.

Von Manuel Böhnke

Solingen. In der vergangenen Woche haben sich Bund und Länder auf Maßnahmen verständigt, um die Folgen der Energiekrise einzudämmen. Das Paket mit einem Volumen von 200 Milliarden Euro sieht nicht nur eine Gas- und Strompreisbremse vor. Menschen, die mit Fernwärme heizen, sollen ebenfalls entlastet werden. Davon profitieren auch Haushalte in der Klingenstadt.

Die Fernwärme stammt aus dem Müllheizkraftwerk (MHKW) an der Sandstraße. Von dort aus verlaufen zwei Trassen. Die eine führt in nördliche Richtung bis zur Walder Feuer- und Rettungswache III und den Technischen Betrieben (TBS) an der Dültgenstaler Straße. Daran ist auch das Familienbad Vogelsang angeschlossen. Die Südtrasse reicht laut Angaben der städtischen Pressestelle bis zum alten Rathaus sowie zur Klingenhalle.

Jährlich erzeugt das MHKW etwa 55 000 Megawattstunden durch das Verbrennen von Abfall. Davon profitieren vor allem städtische Gebäude. Laut Rathaus-Angaben sind das unter anderem das Müllheizkraftwerk, die TBS, die benachbarte Feuerwache, Klinikum, Schulzentrum Vogelsang, Familienbad, Theater und Konzerthaus, Rathaus, Sportbad sowie Klingenhalle.

Hinzu kommen private Wohnanlagen, etwa an Cheruskerstraße, Sachsenstraße und Ubierweg. „Angeschlossen wurde bereits vor einigen Jahrzehnten im Zuge der Versorgung von städtischen Gebäuden, die sich in der direkten Umgebung befinden“, führt die Verwaltung aus.

„Viele Menschen sind gefrustet.“

Florian Bublies, Energieberater

Grundsätzlich seien die Technischen Betriebe daran interessiert, weitere Haushalte mit Energie aus dem MHKW zu versorgen. Die Kapazitäten seien jedoch endlich, die der Südtrasse nahezu ausgeschöpft, wenn die neue Hauptstelle der Stadt-Sparkasse daran angeschlossen wurde. Auch die Nordtrasse könne „nur noch im begrenzten Umfang erweitert werden“. Vor einem Neuanschluss müsse man „technische und kaufmännische Details klären“. Dabei geht es neben verfügbaren Reserven auch um eine Kostenbeteiligung der Antragsteller.

Spätestens ab März 2023 möchten Bund und Länder den Preis für Fernwärme für ein Grundkontingent in Höhe von 80 Prozent des Vorjahresverbrauchs auf 9,5 Cent pro Kilowattstunde deckeln. Doch wie kommt es in diesem Segment überhaupt zu finanziellem Mehraufwand für die Verbraucher? Die durch die Energiekrise bedingten Kostensteigerungen im MHKW seien nicht ausschlaggebend, erklärt die Verwaltung auf Nachfrage.

Die Preisgestaltung richte sich nach der „Verordnung über Allgemeine Bedingungen für die Versorgung mit Fernwärme“. Die Preisgleitklausel sei „im Wesentlichen an den Erzeugerpreisindex für leichtes Heizöl gekoppelt“. Deshalb steigen die Kosten.

Das wiederum wirft die Frage auf, warum es keine finanzielle Entlastung für Heizölkunden gibt. Dieser Punkt begegnet Florian Bublies häufig. „Viele Menschen sind gefrustet“, sagt der Energieberater der Solinger Verbraucherzentrale. Einerseits könne er verstehen, dass der politische Fokus lange auf Gas lag. Dort waren die Preissteigerungen am höchsten, zudem hängen große Teile der Wirtschaft an diesem Energieträger.

Niedrigere Gaspreise kommen wohl nicht vor 2024

Doch auch der Ölpreis habe sich nahezu verdoppelt, bei Holzpellets sei eine Verdreifachung im Vergleich zu 2021 feststellbar. „Das macht sich deutlich bemerkbar“, betont Bublies. Er wünscht sich, dass von Preissteigerungen betroffene Haushalte unabhängig vom Energieträger entlastet werden. Wer etwa vor wenigen Jahren Geld für eine Pelletheizung in die Hand genommen habe, sei auf günstigen Brennstoff angewiesen, damit sich die klimaschonende Investition amortisiert. „Diese Menschen darf man jetzt nicht bestrafen“, findet Florian Bublies.

Ob Gas, Öl, Fernwärme oder Holzpellets – die Energieberatung der Verbraucherzentrale bleibt stark nachgefragt. Der Bedarf liege 80 bis 90 Prozent höher als vor der Energiekrise. Ein Gebäude energetisch zu sanieren, sei teuer, räumt Bublies ein. Oftmals sei es ein guter Anfang, die Heizungen auf das tatsächliche Nutzerprofil anzupassen. „Das ist ein großer Hebel.“

Energieberatung

Aufgrund der hohen Nachfrage kann es bei der Energieberatung der Verbraucherzentrale derzeit zu längeren Wartezeiten kommen. Es ist möglich, online Termine zu buchen sowie sich für digitale Veranstaltungen anzumelden.

verbraucherzentrale.nrw/termin-vereinbaren-68144

Standpunkt von Manuel Böhnke: Nicht gerecht

manuel.boehnke@solinger-tageblatt.de

Tankrabatt, Neun-Euro-Ticket, Gas- und Strompreisbremse – der Staat geht in dieser Krise nicht zimperlich mit Entlastungen für Bürgerinnen und Bürger um. Doch nach der Ankündigung jedes milliardenschweren Hilfspakets melden sich Gruppen zu Wort, die sich übergangen fühlen. Zuletzt waren es beispielsweise Studierende, Auszubildende und Rentner, die von der Gießkanne der öffentlichen Hand vernachlässig wurden. Sie äußerten berechtigte Kritik, die die Bundesregierung mit dem dritten Entlastungspaket ausräumen möchte.

Hoffnung dürfte diese Korrektur wohl Menschen machen, die nicht mit Gas, sondern zum Beispiel Öl oder Holzpellets heizen. Zwar mag der Preis für diese Brennstoffe weniger stark gestiegen sein als für Gas. Und doch macht sich das Plus im Portemonnaie der Betroffenen deutlich bemerkbar.

Wer einmal mit den massiven staatlichen Hilfen begonnen hat, darf diese Gruppen nicht aussparen. Diese Ungleichbehandlung wäre nicht gerecht und würde Missgunst Vorschub leisten.

Stadt und Stadtwerke beantworten wichtige Fragen zur Energiekrise

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Borbet schließt Standort in Solingen
Borbet schließt Standort in Solingen
Borbet schließt Standort in Solingen
St. Lukas Klinik: „Abriss ist wohl die einzige Alternative“
St. Lukas Klinik: „Abriss ist wohl die einzige Alternative“
St. Lukas Klinik: „Abriss ist wohl die einzige Alternative“
Schlägerei auf Feier: 17-Jähriger schwer verletzt
Schlägerei auf Feier: 17-Jähriger schwer verletzt
Schlägerei auf Feier: 17-Jähriger schwer verletzt
Praxen und Kinderklinik in Solingen sind voll
Praxen und Kinderklinik in Solingen sind voll
Praxen und Kinderklinik in Solingen sind voll

Kommentare