Montagsinterview

Ab Samstag gelten neue Abfall-Regeln - das steckt dahinter

Umweltberaterin Julia Ogiermann erklärt, was Einwegkunststoff-Verbotsverordnung jetzt für den Alltag bedeutet. Foto: Tim Oelbermann
+
Umweltberaterin Julia Ogiermann erklärt, was Einwegkunststoff-Verbotsverordnung jetzt für den Alltag bedeutet.

Ab 3. Juli gibt es keine Wattestäbchen mit Plastikstab mehr, keine Plastik-Trinkhalme oder Styroporbecher mehr. Es gelten zwei neue Verordnungen zu Einwegprodukten. Umweltberaterin Julia Ogiermann erklärt, was es damit auf sich hat und was das Ganze etwa für den Kindergeburtstag oder die Gastronomie in Solingen bedeutet.

Kommende Woche treten zum Thema Plastik und Müll zwei Verordnungen in Kraft. Worum geht es dabei?
Julia Ogiermann: Das eine ist die Einwegkunststoff-Verbotsverordnung und die andere nennt sich Einwegkunststoff-Kennzeichnungsverordnung. Beide Verordnungen, die ab dem 3. Juli gelten, sollen dabei helfen, dass zukünftig weniger Kunststoffabfälle als wilder Müll in der Umwelt landen oder falsch entsorgt werden. Entstanden ist das aus einer EU-Richtlinie. Anlass ist, dass sich an den europäischen Stränden immer mehr Plastikteile finden. Solche Verpackungen und Produkte, die dort am häufigsten gefunden worden waren, sollen durch die neue Regelung aus dem Handel verbannt werden.
Was bedeutet das konkret für die Solinger Verbraucherinnen und Verbraucher?
Ogiermann: Zunächst merken wir das alle ab dem 3. Juli in den Geschäften. Denn ab dann dürfen beispielsweise Bestecke aus Plastik, kosmetische Wattestäbchen, Luftballonstäbe, Kunststoff-Rührstäbchen – zum Beispiel für Heißgetränke – und auch Teller, Schalen und Trinkhalme aus Plastik nicht mehr verkauft und abgegeben werden. Dazu gehören auch die Lebensmittelbehälter und Behälter für Getränke, die aus Styropor, genauer gesagt aus expandiertem Polystyrol, hergestellt wurden.

„Wir wollen weniger Kunststoffmüll“

Julia Ogiermann, Umweltberaterin
Das heißt, für Kindergeburtstage oder auch die eine oder andere Feier zur Fußballeuropameisterschaft braucht man schnell Alternativen?
Ogiermann: Genau, aber es gibt einen Haken bei der Sache: Durch das Verbot von gängigen Einwegplastik-Produkten sind die Verbraucherinnen und Verbraucher in Solingen mit zahlreichen Alternativen konfrontiert, die nicht unbedingt nachhaltiger sind. Ich nenne mal ein Beispiel: Plastikteller durch solche zu ersetzen, die aus Bio-Kunststoffen hergestellt wurden.
Ist das der Königsweg?
Ogiermann: Nein, denn das kann zum Problem werden. Die Materialien sind zwar aus pflanzlichen Rohstoffen statt aus Erdöl hergestellt worden. Aber sie können von Kompostieranlagen in der Regel nicht gut abgebaut werden. Anderes Einweg-Material hat auch Tücken. Mehr Papier bedeutet mehr Druck auf die Wälder, weil Papier aus Holz produziert wird.
Der Markt bietet aber auch anderen Ersatz an, taugt der nichts?
Ogiermann: Leider eben nicht immer. Es kann zum Beispiel sein, dass Einweggeschirr aus Pappe, Palmenblättern oder Zuckerrohr gesundheitsgefährdende Stoffe enthält. Auch das gilt: Aluminiumschalen sollten aufgrund des hohen Energieverbrauchs schon aus dem Prinzip der Nachhaltigkeit vermieden werden.

„Die Lösung liegt in der Benutzung von Mehrweg- Produkten.“

Julia Ogiermann, Umweltberaterin
Aber die Verbraucherzentrale will jetzt nicht das Feiern verbieten?
Ogiermann. Nein, überhaupt nicht. Denn die Lösung liegt in der Benutzung von Mehrwegprodukten, so haben wir das früher auch schon gemacht. Wir sollten auch in Solingenden Grundsatz „Grundsätzlich ist der Verzicht auf Einwegplastik immer am besten“ beherzigen. Daher gilt auch für den ganz normalen Alltag: Eine Trinkflasche, einen Becher oder eine Mehrwegdose kann man leicht unterwegs dabeihaben und befüllen lassen.
Damit spielen Sie auf die Gastronomie an. Gilt für das To-Go-Geschäft auch das Verbot ab dem 3. Juli?
Ogiermann: Ja, aber da haben die Verordnungsgeber ein Schlupfloch gelassen. Gastronomen dürfen ihre Restbestände für eine noch nicht festgelegte Übergangszeit vorerst weiter ausgegeben.
Verschwindet jetzt alles auf einmal für die privaten Haushalte vom Markt?
Ogiermann: Nicht ganz. Denn da greift die zweite Verordnung. Auf anderen Einweg-Produkten muss laut der neuen Kennzeichnungsverordnung auf der Verpackung aber darauf hingewiesen werden, dass sie Kunststoffe enthalten und wie sie deshalb zu entsorgen sind.
Können Sie dafür ein paar Beispiele aus der Praxis nennen?
Ogiermann: Einweggetränkebecher aus Papier mit Kunststoffbeschichtung gehören zu den weiter erlaubten Produkten. Auch Damenhygieneartikel wie Binden und Slipeinlagen oder Tampons und deren Applikatoren bleiben erlaubt. Wir werden weiter Feuchttücher und ähnliche Tücher, Tabakfilter und -produkte mit Filtern kaufen können.
Das ist sehr viel auf einmal, was sich da ändert. Wie wollen Sie Verbraucher darüber informieren?
Ogiermann: In Solingen gehen wir als Umweltberatung jetzt auf die Wochenmärkte. Am Donnerstag, 1. Juli, starten wir auf dem Wochenmarkt auf dem Neumarkt. Dort sind wir von 8 bis 13 Uhr bei gutem Wetter vor Ort. Danach noch am 2. Juli in Wald und am 3. Juli in Ohligs. Am 6. Juli gibt es noch einen Online-Vortrag zum Thema. Anmeldungen bitte unter solingen.umwelt@verbraucherzentrale.nrw oder Tel. 22 65 76 07.
Sind Sie auch mit der Gastronomie in Kontakt?
Ogiermann: Mehr als das. Da führen wir gerade eine Umfrage durch und haben dazu ausgewählt Betriebe angeschrieben. Wir wollen wissen, wer bereits Mehrweg-Systeme für To-Go anbietet oder mitgebrachte Kundenbehältnisse befüllt. Solche Betriebe wollen wir auf unserer Homepage veröffentlichen, damit die Solinger eine Orientierung erhalten. Wenn Gastronomen dazu Fragen haben oder sich in die Liste eintragen lassen möchten, können sie sich gerne an mich wenden (| Kasten). Das passt auch zu unserer Beteiligung an der bundesweiten Kampagne „Essen in Mehrweg“. Diese hat zum Ziel, den Trend zum Außer-Haus-Konsum beim Essen klimafreundlich und abfallarm zu gestalten.

Zur Person: Julia Ogiermann

Julia Ogiermann ist Ökotrophologin. Studiert hat sie dies in Mönchengladbach an der Hochschule Niederrhein. Sie arbeit seit Juli 1993 in Solingen als Umweltberaterin für die Verbraucherzentrale am Werwolf. Am besten ist Sie per E-Mail zu erreichen, so auch für die Fragen zur Gastronomie-Umfrage: solingen.umwelt@verbraucherzentrale.nrw

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Solingerin Ricarda will bei Pro-7-Show 25.000 Euro gewinnen
Solingerin Ricarda will bei Pro-7-Show 25.000 Euro gewinnen
Solingerin Ricarda will bei Pro-7-Show 25.000 Euro gewinnen
Kegelbruder sucht Kegelschwester aus Solingen
Kegelbruder sucht Kegelschwester aus Solingen
Kegelbruder sucht Kegelschwester aus Solingen
Corona: Landesweit höchster Wert - 7-Tage-Inzidenz wieder über 50
Corona: Landesweit höchster Wert - 7-Tage-Inzidenz wieder über 50
Corona: Landesweit höchster Wert - 7-Tage-Inzidenz wieder über 50
Corona-Zahlen steigen in Solingen durch Reiserückkehrer
Corona-Zahlen steigen in Solingen durch Reiserückkehrer
Corona-Zahlen steigen in Solingen durch Reiserückkehrer

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare