Natürlich nachhaltig

Waldpflege ist aktiver Klimaschutz

Das Fällen toter Fichten hat in Gräfrath Freiflächen entstehen lassen. Dort setzt sich Georg Meyer mit der Aktion „Blauer Wald“ für die Wiederaufforstung ein. Fotos: Christian Beier
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Das Fällen toter Fichten hat in Gräfrath Freiflächen entstehen lassen. Dort setzt sich Georg Meyer mit der Aktion „Blauer Wald“ für die Wiederaufforstung ein.

Den Wäldern in Nordrhein-Westfalen geht es nicht gut. Viele Hektar Wald müssen so aufgeforstet werden, dass sie dem Klimawandel trotzen können. Denn Bäume erbringen eine ganze Reihe an Ökosystemleistungen und sind ein wichtiger Klimaregulator. Was macht die Stadt Solingen, um einen nachhaltigen Wald zu schaffen? Und sind in den Wäldern Wirtschaft, Erholung und Naturschutz vereinbar?

Solingen. Die Fläche der Stadt Solingen besteht zu 28 Prozent aus Wald. Auch die Fläche Deutschlands ist zu rund einem Drittel mit Wald bedeckt. Darin sind circa 2,5 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gebunden, sagt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Das CO2 wandeln die Bäume in Sauerstoff um. So sind sie wichtige Klimaregulatoren. Doch wegen Hitze, Trockenheit und Schädlingsbefall der Jahre 2017 bis 2020 starben sehr viele Bäume. Die Stadt musste viele Bäume fällen.

Natürlich nachhaltig

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Laut dem Waldmonitor der Naturwald Akademie ist der Waldverlust in Nordrhein-Westfalen am größten. Hier sind seit 2018 rund 10,3 Prozent der Nadelwaldfläche und 1,3 Prozent der Laubwaldfläche verlorengegangen. So muss in NRW mit knapp 60.000 Hektar von deutschlandweiten 277.000 Hektar am meisten aufgeforstet werden.

Wald in NRW

Laut dem Umweltzustandsbericht Nordrhein-Westfalens von 2020 sind rund 27 Prozent der Fläche von NRW bewaldet. Die Fichte ist mit 30 Prozent noch immer die häufigste Baumart, gefolgt von der Buche (19 Prozent), der Eiche (17 Prozent) und der Kiefer (8 Prozent). Innerhalb von 30 Jahren stieg der Laubbaumanteil von 48 auf 59 Prozent beziehungsweise auf 503.000 Hektar wegen Sturm- und Dürreereignissen und aktivem Waldumbau zu Mischwald. 

Hierbei sollen eine nachhaltige Waldbewirtschaftung und Holzverwendung laut der „Waldstrategie 2050“ des BMEL zum Erreichen der Klimaschutzziele der Bundesregierung beitragen. Statt Monokulturen sollen Mischwälder entstehen, die ökologisch stabiler, artenreicher und forstwirtschaftlich risikoärmer sind. Auch die Stadt Solingen möchte nachhaltige Mischwälder schaffen.

Waldpflege kostet Geld, ist aber ein Beitrag zum aktiven Klimaschutz.

Markus Schlösser, Revierförster

So sollen in Solingen Mischwälder entstehen

Dazu müssen die Förster aber auch Bäume fällen. „Abholzen ist alternativlos bei abgestorbenen Bäumen“, sagt Solingens Revierförster Markus Schlösser. Denn die Verkehrssicherungspflicht entlang von Wegen mit Bänken müsse beachtet werden. Die Stadt Solingen macht dafür eine Auslesedurchforstung. „Das heißt, wir suchen uns die besten, schönsten, vitalsten, ökologisch wertvollsten Bäume und schauen, wie wir sie fördern können, indem wir andere Bäume, die sie bedrängen, entnehmen“, erklärt der Förster.

Das Fällen gibt dem Wald die Möglichkeit, sich mit eigenen Samen zu verjüngen. Wenn nicht gepflanzt werden muss, werde keine fremde Genetik eingebracht. Die jungen Bäume wachsen im Schatten der Altbäume, wodurch sie feinastiger und schöner in ihrer Gestalt werden, als jene, die auf Freiflächen gepflanzt werden, sagt Markus Schlösser. „Und wir haben dauerhaft Wald auf dieser Fläche“, weshalb diese Methode Dauerwaldprinzip genannt wird.

Durch das Entnehmen einzelner Bäume wollen die Förster Fehlentwicklungen verhindern. Zum Beispiel zu viele Fichten, die im Bergischen keine Zukunft mehr hat. Vereinzelt darf sie aber im Mischwald stehen bleiben, um zu schauen, wie sie sich entwickelt.

Aber auch ein Durchsetzen der Buche soll vermieden werden. Sie würde andere, vielleicht seltenere und ökologisch wertvollere Baumarten verdrängen. „Dann wird es im Wald sehr dunkel, weil die Buche ein Schattenbaum ist. Auf dem Boden ist dann auch keine Krautschicht mehr, dann findet dauerhaft eine völlige Verarmung der Natur statt. Denn sonnenliebende Arten wie Insekten, die auch an die Krautschicht gebunden sind, fallen dann aus“, erklärt Markus Schlösser. „Wenn wir garnichts mehr tun, geht das alles nur noch in eine Richtung, die auch unter Ökologen so nicht gewollt ist.“

Dennoch möchte zum Beispiel die Stiftung zum Schutz von Tier und Natur auf ihren zwei Hektar Wald im Weinsberger Bachtal einen Naturwald ohne menschliche Eingriffe schaffen. Denn: „Abgestorbenes Holz ist wertvolles Totholz und Nahrungs- sowie Lebensgrundlage für viele Käfer, Insekten, Spinnen, Pilze. Aber auch für Spechte, Baumläufer, Kleiber“, sagt Gerhard Bahmer, Vorsitzender der Stiftung.

Holzwirtschaft ist für die Stadt nicht immer ertragsreich

Totholz bleibt aber auch in den Wäldern der Stadt Solingen liegen. Denn der Holzwert beträgt nur ein bis zwei Prozent der Wertschöpfung des Waldes. Somit lohne es sich nicht, Firmen zu beauftragen, die mit bodenschonenden Rückepferden die Stämme aus dem Wald herausholen. Große Maschinen fahren nur auf festen Rückegassen, um möglichst viel Boden zu verschonen. „Wenn man eine Stelle nur ein einziges Mal mit einer großen Maschine befährt, ist er dauerhaft geschädigt“, sagt der Revierförster. Was private Waldbesitzer machen, könne die Stadt aber wenig kontrollieren. Jedoch gebe es Zertifizierungen, Selbstverpflichtungserklärungen und vorgeschriebene Mindestabstände für Rückegassen.

Das Holz, das die Stadt herausholt, soll nach dem städtischen Prinzip „#Umdenken“ in der Region bleiben, um die Transportwege zu verringern und neue Geschäftsmodelle sowie Arbeitsplätze zu schaffen. „Wir nutzen das Holz, das natürlich nachwächst, und machen gute Sachen damit. Vielleicht bleibt wieder ein Euro übrig, um das wieder in den Wald zu investieren.“ So werde das Holz im Solinger Sägewerk der Familie Stricker zu Kanthölzern gesägt und die Sägespäne zur Vermulchung oder Pelletherstellung verwendet. Denn wenn Holz verwertet wird, wird das CO2 gespeichert. Und als Brennstoff ersetzt es zumindest fossile Stoffe. „Darum macht es total Sinn, einen Wald zu bewirtschaften“, sagt Markus Schlösser.

Abgestorbene Waldflächen werden komplett gerodet

Ein wichtiges Projekt zur Aufforstung in Solingen ist momentan der „Blaue Wald“. Auf rund 100 Hektar stand ein reiner Fichtenwald, der abgestorben ist. Auf der einen Hälfte verjüngt sich die Natur schon selbst.

Die anderen 50 Hektar hat die Stadt Solingen komplett gefällt, weil es irgendwann zu gefährlich wäre, dort zu arbeiten. Mit Hilfe des Projekts sollen dort circa 100.000 Setzlinge gepflanzt werden. In 30 Jahren sollen dann 10.000 große Bäume da stehen. Die Pflanzungen haben schon begonnen und sollen in zwei bis drei Jahren abgeschlossen sein, sagt Georg Meyer. Er sammelt Spenden für die Aktion.

„Wir pflanzen Bäume, die mit diesem Standort gut zurechtkommen“, sagt Markus Schlösser. Auf Hängen wachsen eher Bäume, die mit Trockenheit klar kommen, wie die Traubeneiche, Sommerlinde, Elsbeere oder Speierling. Weiter unten am Hang können Buche, Ahorn, Wildkirsche, Winterlinde und Hainbuche wachsen. Auf einer Fläche von rund einem Hektar sollen dabei mindestens vier verschiedene einheimische Baumarten vorkommen.

Auch Rotbuchen werden gepflanzt, obwohl momentan vor allem jene älter als 120 Jahre mit Trockenheit zu kämpfen haben und sterben. Förster Markus Schlösser hofft dabei auf die Regenerationsfähigkeit des Waldes. Außerdem möchte er der Baumart Zeit geben, um sich den trockeneren Standortbedingungen anzupassen.

Stadt pflanzt bald mehr als 60.000 Bäume

Das Ziel der Solinger Forstwirtschaft

Die Stadt Solingen möchte einen sich selbst verjüngenden Mischwald schaffen, der dem Klimawandel trotzt. Wirtschaftliche Interessen stehen nicht im Vordergrund. „Was viel wichtiger ist, sind ökologische Aspekte und Wald als Lebensqualität für die Bevölkerung, also der Erholungswald“, sagt Markus Schlösser und fragt: „Warum wohnen die Leute hier? Weil es hier so schön ist wegen der Landschaft und den Wäldern.“

So tragen Wälder auch zur physischen und psychischen Gesundheit bei. Der Wald liefert aber auch Sauerstoff, filtert Staub aus der Luft und Wasser im Boden, schützt vor Erosion, Hochwasser sowie Lärm und schützt Arten und das Klima. So hat der Solinger Wald einen Wert von 31 Millionen Euro pro Jahr. Das besagt die Studie „Inwertsetzung der Ökosystemleistungen von Wäldern am Beispiel der Stadt Solingen“. Viel wichtiger, als Geld durch den Holzverkauf zu verdienen, ist für die Stadt Solingen also, dass der Wald für sauberes Wasser und saubere Luft sorgt. „Waldpflege kostet Geld, ist aber ein Beitrag zum aktiven Klimaschutz“, sagt Markus Schlösser.

Mitte, Ohligs und Wald sind Hitzeinseln - Stadtgrün hilft

Unterschiedliche Strategien der Waldpflege

Im Gegensatz zur Stadt Solingen möchte die Stadt Remscheid Kahlflächen vermeiden, da sich hier der Boden auf bis zu 50 Grad aufheizen könne, sagt Stadtförster Markus Wolff. Er lässt einige tote Bäume stehen, die noch Feuchtigkeit abgeben, Schatten spenden und das Mikroklima verbessern können. Zwischen ihnen setzt Markus Wolff Initialpflanzungen, die im Schutz der Dürrständer wachsen. Markus Schlösser findet es nicht sinnvoll, neue Bäume unter den toten Fichten zu pflanzen, da sie unkontrolliert umfallen und Schaden anrichten könnten. Ein Kompromiss der beiden Strategien ist, Hochstümpfe stehenzulassen, also den Baum in bis zu acht Meter Höhe abzusägen.

Ökologischer Waldumbau in Remscheid.

Setzlinge vor Verbiss schützen

Die Setzlinge müssen auch vor Verbiss geschützt werden. „Durch Wild gibt es Entmischungsprozesse, da sie nur ausgewählte Pflänzchen fressen, und die Fichte stehen bleibt“, sagt Christian Langfeldt, Forstamtsleiter von Wald und Holz NRW. Ohne Wild, in einem eingezäunten Bereich, werden mehr Bäume groß. Darum regulieren das Land und auch die Stadt Solingen den Wildbestand in ihren Wäldern. Die Setzlinge können auch Kunststoffhüllen bekommen. Allerdings sehen diese nicht schön aus, kosten Geld und müssen wieder entsorgt werden.

Weitere Infos

Ergebnisse des zweiten nationalen Waldgipfels 2021: www.waldgipfel.de/ergebnisse-2021

Waldinformationen für NRW: www.waldinfo.nrw.de

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