Natürlich nachhaltig

Mitte, Ohligs und Wald sind Hitzeinseln

Die Solinger Innenstadt ist einer der Orte, wo es im Sommer mit am wärmsten ist. Stadtgrün kann für Abkühlung sorgen. Foto: Christian Beier
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Die Solinger Innenstadt ist einer der Orte, wo es im Sommer mit am wärmsten ist. Stadtgrün kann für Abkühlung sorgen.

Pflanzen sind nicht nur schön anzusehen. Sie kühlen auch die Umgebung und fördern die Artenvielfalt - egal ob an der Straße, an Fassaden oder auf Dächern. Damit Solingen in Zeiten des Klimawandels lebenswert bleibt, möchte die Stadt für mehr Grün sorgen. Doch das ist gar nicht mal so einfach.

Von Valeria Schulte-Niermann

Solingen. Im Corona-Jahr 2020 wurde bei einer Umfrage des Bundesamts für Naturschutz ermittelt, was Natur in der Stadt für die Menschen bedeutet. 82 Prozent der Befragten antworteten darauf mit Parks und öffentlichen Grünräumen. Diese Gebiete sind ihnen also wichtig.

„Grünräume haben eine genauso hohe Bedeutung für die Qualität des Lebens wie andere wichtige Infrastrukturen,“ sagte Stephan Lenzen beim „Langen Tag der Stadtnatur 2021“. Er ist Landschaftsarchitekt und Büroinhaber der RMP Stephan Lenzen. In Solingen nehmen Grün- und Parkanlagen nur 2,7 Prozent der gesamten Stadtfläche ein, berechnete er. Diese gelte es, auszubauen und zu schützen. Neun Prozent sind Stadtbiotop und 50 Prozent Wald und landwirtschaftliche Flächen. Nahezu der komplette Rest ist bebaute Fläche. Am Rand des Stadtgebiets ist Solingen eine grüne Stadt. In Mitte, Ohligs und Wald gibt es zu viele weiße Flecken.

An diesen Orten mit viel Versiegelung wird es im Sommer besonders heiß. Und es wird immer wärmer: Beim Klimaanpassungskonzept im Jahr 2016 kam heraus, dass die Anzahl an Sommer- und Hitzetagen auch in Solingen deutlich zunimmt. Jeder weiß: Hitze kann unerträglich werden.

Wir haben mit dem Wupperverband über die Auswirkungen des Klimawandels im Bergischen gesprochen.

Natürlich nachhaltig

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Solingen: Das sind die Vorteile von Stadtgrün

Dagegen können Grünflächen helfen – am Boden, an Fassaden oder auf Dächern. Durch eine begrünte Hausfassade kann die direkte Umgebungsluft um bis zu drei Grad gekühlt werden. „Das ist ein durchaus spürbarer und großer Effekt“, weiß Ariane Bischoff, Nachhaltigkeitsbeauftragte der Stadt Solingen. Außerdem reduziere die Begrünung im Winter den Wärmeverbrauch des Gebäudes. Und auch Claudia Wackerl von der Unteren Naturschutzbehörde sagt: „Je mehr Blattmasse, desto mehr Kühlungseffekt.“ Stadtgrün reguliert also das städtische Mikroklima. Außerdem werte es die Stadt auf und verbessere das Wohlbefinden: „Man setzt sich lieber auf eine Bank mit einem Baum daneben als auf eine Betonfläche“, sagt Ariane Bischoff.

Begrünte Dächer und Wände schützen das Haus auch vor extremen Wettereinflüssen, schreibt die Verbraucherzentrale NRW auf ihrer Infoseite mehrgruenamhaus.de. Im Sommer können sich Garadendächer bis zu 80 Grad aufheizen, während Regen sie innerhalb von kurzer Zeit auf bis zu 10 Grad herunterkühlt. Ein Gründach ist hingegen maximal 40 Grad warm und kühlt langsam herunter.

Gründächer können auch die Leistung einer Solaranlage erhöhen. Außerdem wird Feinstaub gefiltert und Regenwasser gespeichert, was die Abwasseranlagen entlastet. Zu guter Letzt fördert Stadtgrün die Artenvielfalt.

Laut Ariane Bischoff werde auf städtischen Gebäuden momentan geprüft, inwiefern die Statik eine Dachbegrünung zulässt. Auf Neubauten wird das schon überlegt, wie beim Schulzentrum Vogelsang. Die Stadt fördert die Kosten einer Dachbegrünung bis zu 50 Prozent. Welche Dächer für Begrünung von der Lage her geeignet sind, zeigt das Gründachkataster NRW.

Das Humboldtgymnasium hat seinen betonierten Schulhof umgestaltet.

Stadtgrün stellt eine wichtige Infrastruktur dar

Allerdings ist es auch wichtig, Bäume zu pflanzen. „Man muss Boden öffnen, damit Wasser versickert und nicht durch die Kanalisation weggeführt wird“, sagt Christian Robbin von der Bürgerinitiative „Rettet das Ittertal“. Er fordert, dass an jeder neuen Straße auch Bäume gepflanzt werden. Außerdem sollten Ersatzpflanzungen in örtlicher Nähe des gefällten Baumes getätigt werden. „Der Baum hatte eine ökologische Funktion genau an dieser Stelle“, sagt er.

Auch Landschaftsarchitekt Stefan Lenzen fordert, Versiegelung zu reduzieren und graue Infrastruktur zu kompensieren, indem zum Beispiel Brachflächen zu grüner Infrastruktur werden. Er vergleicht Stadtgrün mit Schulen: „Man würde auch nie Schulen abreißen, um da ein Wohn- oder Gewerbegebiet hinzustellen. Weil diese Infrastruktur für die Stadt wichtig ist.“

In Ohligs sollen Bäume gepflanzt werden, um mehr Grün zu schaffen.

Klimatolerant und robust - so müssen Stadtbäume sein

Um mehr Grünvolumen zu schaffen, hat die Stadt Solingen baumlose Straßen gesucht und in Ohligs, Mitte und Gräfrath gefunden. Unter anderem dort sollen 245 Bäume neu und nachgepflanzt werden.

Die Auswahl der passenden Art ist dabei nicht ganz einfach. Denn Straßenbaume müssen ziemlich robust sein. Sie haben mit Hitze, Bodenverdichtung und Schädlingen zu kämpfen. Der Baum muss spezifisch an den Standort angepasst sein. Dabei helfen kann die Straßenbaumliste der Deutschen Gartenamtsleiterkonferenz (Galk). Sie gibt neben Aussehen und Größe an, wie klimatolerant und straßenbaumtauglich eine Art ist. Exoten aus Südeuropa kommen besser mit den immer wärmer und trockener werdenden Verhältnissen zurecht als einheimische Arten. Da in Städten keine freie Natur ist, sind hier laut dem Bundesnaturschutzgesetz auch diese exotischen Arten erlaubt.

Solingen setzt unter anderem auf die Blumenesche. Sie ist stadtklimafest und verträgt vorübergehende Bodentrockenheit sehr gut. Außerdem ist sie ein Bienengehölz und somit für Insekten ein wichtiger Lebensraum. In der Kärntener Straße in Ohligs wurde schon eine Hopfenbuche gepflanzt. Auch sie verträgt Trockenheit ganz gut.

Baumschutzsatzung besteht seit 50 Jahren

Die städtische Baumschutzsatzung, die in Solingen seit Ende der 1970er Jahre gilt, kontrolliert, dass nicht jeder Baum einfach gefällt wird. „Bäume werden nur gefällt, wenn es die Verkehrssicherheit erfordert“, beteuert Claudia Wackerl. „Man sieht es der Stadt an, dass hier gute, alte Bäume stehen.“ Von den rund 800 Fällanträgen jährlich, werden rund 25 Prozent abgelehnt, und 30 Prozent mit Auflagen wie Pflegeschnitt oder Ersatzpflanzungen versehen. „Die Solinger Baumschutzsatzung schützt alle Baumarten und wird den Ansprüchen, einen gesunden Baumbestand zu erhalten, gerecht“, so Wackerl.

Das können Bürger tun

Förderung vom Land NRW

Das Umweltministerium NRW fördert mit dem Projekt „Grüne Infrastruktur“ Kommunen dabei Grün- und Erholungsflächen zu schaffen und aufzuwerten. Auch das Sonderprogramm „Klimaresilienz in Kommunen“ fördert Klimaanpassungsmaßnahmen, wie Dach- und Fassadenbegrünung. Die Bundesregierung fördert Stadtgrün mit der Initiative „Grün in der Stadt“ und bietet einen „Masterplan Stadtnatur“.

www.gruen-in-die-stadt.de

Serie

Alle Folgen zur Serie „Natürlich nachhaltig“ finden Sie hier.

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