Natürlich nachhaltig

Fleisch ist keine Wegwerfware

Metzgermeister Berthold Nass denkt, dass Metzger weiter ganz gut von ihrem Beruf leben können. Foto: Christian Beier
+
Metzgermeister Berthold Nass denkt, dass Metzger weiter ganz gut von ihrem Beruf leben können.

Metzgermeister Berthold Nass, Mitinhaber der Metzgerei Steimel, über Nachhaltigkeit und die Zukunft seiner Branche.

Das Gespräch führte Alexandra Dulinski

Solingen. Beim Thema Ernährung scheiden sich die Geister. Wir haben einen Metzger dazu befragt, wie er den Fleischkonsum beurteilt.

Experten raten dazu, nur wenige Male pro Woche Fleisch zu essen. Das sei gesünder für den Menschen, aber auch für die Erde. Hand aufs Herz: Wie häufig greifen Sie selbst zum Fleisch?
Berthold Nass: Ich esse täglich Fleisch. Ich brauche nicht jeden Tag ein Steak, es tut auch mal eine Scheibe Schweinebauch oder eine frische Bratwurst. Da kommt es auf die Beilage an. Es geht auch darum, in welchen Mengen man Fleisch isst. Wenn ich zwei Scheiben Bauch oder ein Schnitzel oder ein Kotelett gegessen habe, dann hab ich auch genug.
Fleischkonsum ist grundlegend ein Streitthema. Vegetarismus und Veganismus liegen im Trend. Woran merken Sie das?
Nass: Viele fragen bei Buffetanfragen auch nach veganen Optionen. Davon bin ich kein Freund. Der Mensch hat nicht umsonst solche Eckzähne, sonst würde er kein Fleisch essen. (lacht)
Merken Sie denn, dass weniger Menschen zum Metzger kommen?
Nass: Nein, im Gegenteil. Wir haben einen sehr hohen Zulauf, vor allem seit Corona, seitdem die Leute selbst kochen müssen und nicht mehr in Restaurants gehen konnten.
In Discountern ist das Fleisch oft billig. Inwiefern hat deren Sortiment einen Einfluss auf die Essgewohnheit und das Umweltbewusstsein der Menschen?
Nass: Ich denke, dass es keinen Einfluss auf das Umweltbewusstsein der Menschen hat. Man kann es auch keinem verdenken, wenn der Geldbeutel nicht so hoch gestrickt ist und man deshalb zum Discounter geht. Man kann ihnen nicht sagen: Nur weil ihr weniger Geld verdient, dürft ihr kein Fleisch essen. Die Frage ist: Mit welchem Gewissen geht man an diese Sache ran? Fleisch oder allgemein Lebensmittel gelten in unserer Branche als Wegwerfware. Wenn ich sehe, was ein Bäcker an Brötchen backt, die am nächsten Tag entsorgt werden müssen, dann frage ich mich allen Ernstes: Müssen wir so viel Getreide anbauen, so viel Energie verbrennen, damit wir abends um 20.30 Uhr noch 23 verschiedene Sorten Brot im Regal haben? Zu meiner Jugend gab es vier Sorten.
Was können Sie denn tun, um das bei Ihnen selbst in der Metzgerei zu vermeiden?
Nass: Auf das Bewusstsein der Leute eingehen. Eben nicht sagen zu können, man hat immer alles reichlich vorrätig in wahnsinnigen Mengen da liegen. Für jedes Stückchen Wurst ist ja schließlich auch ein Tier gestorben. Man sollte auch nur so viel schlachten und verarbeiten, wie man auch wirklich braucht. Und nicht darauf hoffen, dass ich es am Ende noch verkaufen kann, oder wie der Bäcker entsorgen muss.
Das Fleisch vom Metzger gilt als nachhaltiger als das Fleisch vom Discounter. Was kann die Branche tun, damit der Konsum bewusster wird?
Nass: Für ihr Produkt vernünftig werben. Wir bekommen unser Fleisch aus Schwäbisch-Hall von der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft. Das ist artgerechte Tierhaltung, in der nicht mit Antibiotika hantiert wird. Die Tiere werden ganz normal ernährt und haben Freilauf. Sie werden auch älter und werden nicht nach sechs Monaten geschlachtet – so wie das normale Industrieschwein. Und mit der Ware wird auch ganz anders umgegangen. Das wirkt sich im Nachhinein auf die Qualität des Fleisches aus. Das muss bewusst gemacht werden. Natürlich liegen wir dann in einer anderen Preisklasse. Wobei ich auch sagen muss, dass diese Preisklassen beim Metzger und im Discounter sich im Großteil lediglich zwischen ein und zwei Euro Unterschied bewegen – also nicht so gravierend. Und ein weiterer Vorteil: Bei uns kann man auch nur drei oder vier Scheiben bekommen und muss nicht direkt die 250-Gramm-Packung nehmen.
Was tut Ihre Metzgerei selbst für eine nachhaltigere Zukunft?
Nass: Wir haben uns für das Schwäbisch-Hällische Landschwein entschieden. Wir sind von der Industrie weggegangen. Wir hatten nicht direkt Industrieschweine, aber sie kamen aus dem großen Pool, aus dem wir das Beste rausbekommen haben. Wir schlachten bewusst, also nur das, was wir brauchen. Wir gehen mit einer ganz anderen Wertigkeiten damit um – wir schätzen das Fleisch mehr wert.
Was schätzen Sie: Wie wird sich der Konsum in zehn Jahren verändert haben?
Nass: Ich denke, dass wir verbleibenden Metzger ganz gut davon leben können und der Konsum bewusster wird. Man weiß nie, was mit Weltwirtschaftskrisen und Geldeinbrüchen passiert. Wenn die Leute das Geld nicht haben, wird unser Umsatz runtergehen. Aber ich denke nicht, dass es so weit kommt. Gegessen wird immer und Lebensmittel werden auch immer gebraucht. Wenn man da mit den Füßen auf dem Teppich bleibt, ist die Zukunft gesichert.
Was meinen Sie damit?
Nass: Ich muss nicht Kobe-Rind von irgendwo einfliegen lassen, sondern kann bei meinem deutschen Rind aus dem Münsterland bleiben. Ich muss nichts verkaufen, was sich nur die Haute Cuisine leisten kann. Ich möchte der Metzger für die Leute mit Geld genauso wie für den kleinen Handwerker sein.
Wie groß sind die Chancen, dass der Veggie-Burger eines Tages bei Ihnen neben der Fleischwurst liegen wird?
Nass: Keine Chance. Ich stehe zu Fleisch und dafür bin ich eine Metzgerei. Ich muss nicht jeden Trend mitmachen. Die Frage ist: Wie lange ist das denn in? Das hat für mich nichts mit Fleisch zu tun. Es ist eigentlich unverschämt, zu sagen, es gibt eine vegane Wurst. Sowas gibt es nicht. Eine Wurst ist eine Wurst und vegan ist vegan.
Vor diesem Hintergrund: Welche Zukunft hat der Beruf des Metzgers?
Nass: Ich denke, dass die Leute, die sich ausbilden lassen, sich auch vernünftig ausbilden lassen, ob zum Metzger oder zum Fleischereifachverkäufer. Sie werden große Chancen haben, das weiterzumachen. Das Handwerk im Allgemeinen hat sich verändert. Es ist nicht mehr nur Wurstmachen oder Fleischzerlegen, es sind auch andere Sachen, die dazukommen. Wir kochen auch Gemüse, natürlich mit Fleischeinlage. Der typische Metzgerberuf, wie man ihn früher hatte, existiert so nicht mehr. Teilweise ist man schon ein halber Koch. Die Essgewohnheiten der Menschen haben sich geändert. Die Menschen müssen alle arbeiten gehen, da bleibt weniger Zeit, viel Fleisch zu kochen.
Was ist für Sie Nachhaltigkeit?
Nachhaltige Verpackungen müssen auch praktikabel sein. Wenn die Papiertüte durchgeweicht ist, ist das nicht nachhaltig.
natürlich nachhaltig

Zur Person

Mit 16 Jahren hat der heute 51-jährige Berthold Nass seine Lehre zum Metzger begonnen. Von 1991 bis 1993 hat er als Geselle bei der Metzgerei Steimel gearbeitet. Bis 2011 war er als Busfahrer bei den Stadtwerken. Im Jahr 2011 hat er seine Meisterschule abgeschlossen und ist seitdem Mitgeschäftsinhaber und Mitgeschäftsführer der Metzgerei Steimel – zusammen mit Peter Steimel, dem stellvertretenden Innungsobermeister der Fleischerinnung Düsseldorf-Mettmann-Solingen.

Weitere Infos

Ett Höfken in Solingen achtet auf Nachhaltigkeit.

Hier geht es zu Hofläden in der Region.

Fußabdruckrechner zeigen, dass der Konsum von Fleisch einen großen Einfluss auf den persönlichen CO2-Fußabdruck hat.

Fleischkonsum schadet der Umwelt. Weitere Infos gibt es unter anderem beim Umweltbundesamt: www.umweltbundesamt.de/themen/warum-fleisch-zu-billig-ist

Im Roman „Zwischen Licht und Dunkelheit“ geht es um Schweine in Massentierhaltung, die eine Religion entwickelt haben, um ihrem Leben einen Sinn zu geben.

Serie: Natürlich nachhaltig

In der ST-Serie „Natürlich nachhaltig“ beschäftigen wir uns mit dem Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz in den Bereichen Ernährung, Mobilität und Konsum. Alle Folgen dieser Serie finden Sie hier.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Hofgarten: Edeka Pauli wird größer
Hofgarten: Edeka Pauli wird größer
Hofgarten: Edeka Pauli wird größer
Sexueller Missbrauch: Arzt aus Solingen steht vor Gericht
Sexueller Missbrauch: Arzt aus Solingen steht vor Gericht
Sexueller Missbrauch: Arzt aus Solingen steht vor Gericht
Die ganze Familie ist von Krankheiten betroffen
Die ganze Familie ist von Krankheiten betroffen
Die ganze Familie ist von Krankheiten betroffen
S-Bahn 7: Abellio gibt auf
S-Bahn 7: Abellio gibt auf
S-Bahn 7: Abellio gibt auf

Kommentare