Strenges Besuchsverbot

Nähe für Demenzkranke ist in Zeiten von Corona besonders wichtig

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Beatrix Palm pflegt und betreut demente Menschen im Ohligser St. Lukas Pflegeheim. Um Corona-Fälle in dem Heim zu verhindern, gilt ein strenges Besuchsverbot. Dieses Foto wurde durch eine Glasscheibe aufgenommen.

In Zeiten von Corona ist Distanz notwendig – eine ungewohnte Situation. Ein Besuch am Fenster des St. Lukas Pflegeheims.

  • Was in Zeiten von Corona schwierig wird, war früher immer Alltag auf den Stationen in Solingen.
  • Auch die Arbeit der Sozialbetreuer ist in Solingen anders geworden.
  • Kaum einer der Bewohner der Einrichtung in Ohligs kann verstehen, warum auf einmal Nähe zur Gefahr geworden ist.

Von Uli Preuss 

Solingen. Zuneigung, ein wenig Zärtlichkeit und menschliche Nähe sind Pflegeinstrumente im Umgang mit den dementen Senioren im Ohligser St. Lukas Pflegeheim. Was in Zeiten von Corona schwierig wird, war früher immer Alltag auf den Stationen. Es gibt diese Bilder aus vergangenen Jahren, die die Arbeit dokumentieren. Eine Umarmung, ein kleiner Spaziergang, gern untergehakt und im kleinen Garten, ein Lachen, ein Herzen, das alles ist nicht mehr selbstverständlich, weiß Pflegerin Beatrix Palm.

Die Ohligserin hat noch sechs Jahre bis zu ihrer Rente, arbeitet seit 35 Jahren im Haus an der Schwanenstraße. „Nein“, sagt sie entschieden, „nein, so etwas wie jetzt habe ich nicht einmal in Ansätzen erlebt.“ Die Pflegerin weiß: Routine war ihr Job nie. Nicht das Frühstück mit ihren Schützlingen, nicht der Tagesablauf. Aber jetzt? 22 Kranke gilt es zu versorgen im Wohnbereich 3. Manche leiden an altersbedingter Demenz, bei anderen hat die Sucht diese Krankheit gefördert.

Solingen: Alles verschwindet hinter einer unpersönlichen Stoffmaske

Beatrix Palms Schicht beginnt wie immer um 6.15 Uhr. Doch danach ist nichts mehr, wie es früher war. Das Frühstücksbüffet ist ein Zureichen auf Distanz geworden, ein Gespräch darf nicht zu nahe geführt werden und wird stattdessen lauter. Alles verschwindet hinter einer unpersönlichen Stoffmaske. Eine Maske, die manche Bewohner tragen, nicht alle. „Versuchen sie mal, einem dementen Menschen etwas aufzusetzen, gegen das er sich sträubt“, fordert Beatrix Palm auf, etwas Unmögliches zu tun.

Auch die Arbeit der Sozialbetreuer, die immer schon tagsüber den Senioren im Heim Abwechslung brachten, sei anders geworden. Die Spiele, das Singen, alles passiert jetzt in kleinen Gruppen. Das gemeinsame Zubereiten einer Suppe ist längst über das Haus verteilt. Was früher gemeinsam an einem großen Tisch passierte, findet auf den Etagen statt. Oben werden Kartoffeln geschält, ein Stockwerk tiefer das Gemüse geputzt, weiter unten kommt alles in den Topf.

Solingen: Bewohner wissen oft nicht, warum das so ist

Und das Schlimmste sei, dass ihre Bewohner oft nicht wüssten, warum das so ist. Sie alle, Bewohner wie Pfleger, seien herausgerissen aus einem ehemals eingespielten, bewährten und sehr persönlichen Alltag.

„Man zuckt bereits zusammen, wenn eine Kollegin wie jeden Frühling ihren Heuschnupfen bekommt.“
Beatrix Palm, Pflegerin

Kaum einer der 22 Bewohner der Ohligser Einrichtung kann verstehen, warum auf einmal Nähe zur Gefahr geworden ist. Und warum sie jetzt nur noch in absoluten Ausnahmefällen gedrückt und umarmt werden. Statt gewohnter Gesten jetzt Entbehrungen, die nicht wenige verzweifeln und weinen lassen. Nur eine Bewohnerin habe sie dann doch in Erstaunen versetzt, erinnert sich Beatrix Palm. „Das ist wegen Corona, das ist ein Virus“ habe sie ihr erklärt und Verständnis gehabt für die neue, ungewohnte Andersartigkeit des Umgangs.

Solingen: Ein Tablet-Computer wurde von der Heimleitung angeschafft

Gottlob gebe es da immer noch Ideen, wie man alles ein bisschen erträglicher machen könnte. Wie etwa dieses Videotelefon. Ein Tablet-Computer wurde von der Heimleitung angeschafft. Beatrix Palm: „Das wird jetzt sehr gut angenommen, endlich können die Bewohner mit ihren Angehörigen sprechen und sie gleichzeitig sehen, denn viele verstehen nicht, warum der Bruder, der Vater oder die Ehefrau nicht zu ihnen ins Zimmer kommen.“ Die Verwandten kämen genauso wenig klar mit dieser Situation, berichtet die 57-Jährige. Tägliche, immer besorgte Anrufe von außen sprächen eine deutliche Sprache, und mitten im Satz stehe immer wieder die unausgesprochene Frage, ob man die Mutter, den Vater jemals wiedersehen werde.

Besonders bedrückend sei es für die Angehörigen, die bis Anfang Februar ihre Eltern täglich besucht hätten. Beatrix Palm weiß von den fünf Schwestern, die abwechselnd kamen und ihre über 90 Jahre alte Mutter jetzt nur noch am Fenster sehen können. „Sie hat dann ein desinfiziertes Telefon in der Hand und spricht mit den Kindern, die unten auf der Straße stehen und oft weinen“, sagt Beatrix Palm bekümmert.

Andererseits seien es genau die Angehörigen, die sie bei ihrer Arbeit bestärken würden. Da kämen Anrufe, ein Lob, Mitgefühl, kleine Geschenke. Oder Dankesbriefe, wie der der Familie W., deren Vater ausgerechnet Ende März ins Ohligser Haus kam und trotz aller Widrigkeiten liebevoll aufgenommen wurde.

Selbst private Einkäufe werden ängstlich geplant

Soweit die eine Seite. Doch was macht das alles mit den Mitarbeitern selbst? Was mit den Pflegerinnen? Peinlichst sind alle darauf bedacht, sich außerhalb des Heims nicht selber anzustecken, Fahrgemeinschaften werden gebildet, um den Bus zu meiden. Ein privater Einkauf werde ängstlich geplant: „Nur nicht mit vielen Menschen zusammenkommen“, sagt Beatrix Palm.

Sie selbst könne sich nach Feierabend nicht mehr auf ihre wertvolle Freizeit konzentrieren. „Manchmal putze ich wie eine Blöde, um einfach abschalten und nicht nachdenken zu müssen“, sagt sie. Denn unweigerlich ginge es dann in eine andere, eine furchtbare Richtung. „Was wäre, wenn man im Alltag selbst das Virus bekommt und es zu den Bewohnern trägt.“ Denn nichts ist noch, wie es war, weiß Beatrix Palm. „Man zuckt bereits zusammen, wenn eine Kollegin wie jeden Frühling ihren Heuschnupfen bekommt.“

DER AUTOR

ZUR PERSON Uli Preuss war bis zu seiner Pensionierung im Frühjahr 2019 Reporter und Fotograf für das Solinger Tageblatt. Auch im Ruhestand engagiert er sich weiterhin, unter anderem im Verein „Solingen hilft“ und für das „Friedensdorf international“. Diesen Text hat er ursprünglich für die Kplus Gruppe verfasst, zu der das Ohligser St. Lukas Pflegeheim gehört.

In unserem Live-Blog finden Sie alle Informationen rund um das Coronavirus in Solingen. Der Blog wird laufend aktualisiert. Auch im Seniorenzentrum Bethanien gilt seit Mitte März ein Betretungsverbot. Weil das neuartige Coronavirus für ältere Menschen besonders gefährlich ist, sollen sie durch die Maßnahme vor einer Infektion geschützt werden.

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