Mein Blick auf die Woche in Solingen

Nachricht aus Ohligs wirkt wie eiskalte Dusche

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Bei aller Trauer über die geplante Schließung der St. Lukas Klinik gibt es womöglich Aspekte, die sogar positiv sind, besonders für die Situation des Städtischen Klinikums. Welche, das verrät Chefredakteur Stefan M. Kob im Wochenkommentar. 

Im Reigen der vielen positiven Nachrichten aus Ohligs wirkt die geplante Schließung der St. Lukas Klinik wie eine eiskalte Dusche. Die Verantwortlichen des Kplus-Verbands, zu der auch die Klinik gehört, bemühen sich zwar redlich, den Exodus so darzustellen, dass nur ein Gebäude, ein marodes dazu, aufgegeben wird – die medizinische Kompetenz aber fünf Kilometer Luftlinie entfernt erhalten bleibt. Das mag stimmen. Doch für die Ohligser Seele ist es nicht nur ein Krankenhaus. Sondern eine im Ort verwurzelte Institution, die eigentlich nicht wegzudenken ist. Viele Ohligser (und sogar Solinger!) sind dort zur Welt gekommen. Der 2026 geplante Abschied wird mindestens ebenso schmerzen wie der Abbruch des Ohligser Stadions.

Und klar: Eine gute Klinik wie St. Lukas ist ein Stück Renommee für eine Stadt und nicht zuletzt ein Anbieter von attraktiven Arbeitsplätzen.

Legt man den sachlichen Kern unter der emotionalen Schale frei, erkennt man schnell, dass die Entscheidung keineswegs aus heiterem Himmel kommt. Die Schließung der Geburtshilfe vor fast sechs Jahren war ein erstes Warnzeichen, dass die Einrichtung stärker unter wirtschaftlichem Druck stand als bis dato bekannt. Auch die zeitweise Abmeldung der Klinik von der Notfallversorgung während des Höhepunkts der Coronakrise im vergangenen Dezember war kein sehr ermutigendes Zeichen.

Spätestens als im vergangenen Jahr bekannt wurde, dass die Kplus-Gruppe unter das Dach der Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe (GFO) schlupfen möchte, war offensichtlich, dass auch an der Schwanenstraße nichts mehr auf Dauer sicher ist.

Dass eine enttäuschte Solinger CDU nun aber dem kirchlichen Krankenhausträger vorwirft, dass er nach wirtschaftlichen Aspekten handelt, hätte man eher von der Linkspartei erwartet. Rückfrage: Nach welchen Kriterien denn sonst? Kein Unternehmen der Welt, weder ein kommunales noch ein kirchliches, kann sich auf Dauer erlauben, Jahr für Jahr Millionenverluste einzufahren. Wenn es einen Adressaten für die Kritik gibt, dann müsste sich diese höchstens an die Landesregierung richten, die die Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Kliniklandschaft steckt.

Bei aller Trauer gibt es womöglich Aspekte, die sogar positiv sind, besonders für die Situation des Städtischen Klinikums. Zwar will es das Rathaus nicht so aussehen lassen, als ob das Klinikum darauf angewiesen sei, dass wegfallende Leistungen dann an der Gotenstraße erbracht werden können. Doch festigt die Schließung des Standorts Ohligs die Position des Klinikums, die – gerade in der Vergangenheit – nicht die stabilste war. Wir erinnern uns an existenzbedrohende rote Zahlen, an Aussagen des Gesundheitsministeriums, Solingen sein ohnehin mit Krankenhausbetten überversorgt und das Ziel der Politik, das Krankenhaussystem zu reformieren, indem Leistungen und Kompetenzen gebündelt werden und die Vielzahl von Wald- und Wiesen-Krankenhäusern reduziert wird.

Bevor der Kaufmännische Geschäftsführer Dr. Martin Eversmeyer 2020 das wirtschaftliche Ruder herumgerissen und das Solinger Haus wieder auf den Pfad der wirtschaftlichen Tugend zurückgeführt hat, mussten die Solinger Politiker hilflos mit ansehen, wie die finanziellen Rücklagen des Klinikums durch hohe Verluste Jahr für Jahr schmolzen wie der Schnee in der Sonne. Eine Übernahme durch einen kommerziellen Träger oder sogar das totale Aus waren die Schreckensvisionen. Stattdessen wird ab nächstem Jahr das Haus mittels Masterplan und einer gigantischen 90-Millionen-Investition wieder auf einen modernen Stand gebracht.

Da passt es doch gut, dass die Neurologie durch eine Dependance der Lukas-Klinik gestärkt wird und überhaupt der Patientenzustrom ohne die Konkurrenz im Westen noch einmal zunehmen könnte. Lesen Sie dazu auch das ausführliche Interview mit Andreas Degelmann, Sprecher des Kplus-Verbands.

In Bezug auf das Solinger Selbstwertgefühl gibt es noch einen anderen Trost. "Vor Corona" gab es in der Wahrnehmung der meisten Bürger ohnehin nur zwei Krankenhäuser: St. Lukas und das Klinikum. Bethanien war zwar auch schon immer da, trat als Lungenfachklinik aber erst in der Pandemie in Solinger Rampenlicht. Und wie! Die Klinik in Aufderhöhe wirkte bei den vier bisherigen Corona-Wellen wie der Fels in der Brandung und hielt den beiden anderen Krankenhäusern den Rücken frei. Brenzlige Situationen auf den Stationen wie andernorts blieben in Solingen gottlob daher aus. Auch die im Oktober eröffnete Long-Covid-Ambulanz bedeutet eine wichtige, für Solinger ganz nahe Anlaufstelle.

Überhaupt befindet sich die Kooperation mit der Stadt dank eines rührigen und engagierten Chefarztes Winfried Randerath auf einem völlig neuen Niveau – und wird es sicher "nach Corona" weiter bleiben.

Was es sonst noch in dieser Woche gab:

Im Hofgarten hat Edeka Pauli großes vor und investiert sechsstellig: Worauf sich die Kunden ab 2022 freuen dürfen, erfahren Sie hier.

• S-Bahn 7: Das Ende des Bahnunternehmens Abellio im Bergischen ist besiegelt – die Erwartungen an den Nachfolger Vias sind hoch: Wird es jetzt endlich besser mit dem Dauerärger über Ausfälle und Verspätungen?

• Keine Steuererhöhungen, keine teureren Parkgebühren - mit großer Mehrheit wurde am Donnerstag der Haushalt im Stadtrat verabschiedet. Doch im nächsten Jahr droht das wackelige Kartenhaus einzustürzen, wenn Bund und Land nicht endlich handeln.

Die Tageblatt-Serie “Natürlich nachhaltig” von unseren Nachwuchs-Journalistinnen fand überregionales Interesse.

Unermüdlich im Kampf gegen Rechtsextremismus: Silberner Schuh geht an Inge Krämer.

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