Menschen stehen vor den Trümmern ihrer Existenz

Katastrophe trifft gesamtes Stadtgebiet - Anwohner hadern weiter mit Schäden

Jenny Dinnebier lebt an der Bausmühle in Wald. Die wichtigsten Habseligkeiten konnte die Familie vor dem Wasser retten. Foto: Michael Schütz
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Jenny Dinnebier lebt an der Bausmühle in Wald. Die wichtigsten Habseligkeiten konnte die Familie vor dem Wasser retten.

Auch in der Bausmühle in Wald stand das Wasser hüfthoch im Erdgeschoss.

Von Simone Theyßen-Speich, Kristin Dowe und Philipp Müller

Solingen. Die Anwohner in Unterburg und entlang der Wupper standen in den vergangenen zwei Wochen angesichts der massiven Flutschäden im Mittelpunkt der Hilfsaktionen. Aber auch anderen Stellen im StadtgebietI, wo das Hochwasser große Schäden angerichtet hat, stehen Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz.

Auf dem Grundstück der Bausmühle in Wald kommen gleich drei Bäche zusammen. Holzer Bach, Nümmener Bach und Itterbach vereinigen sich quasi vor der Haustür der Familie Dinnebier. In „normalen“ Zeiten drei kleine Rinnsale, die kaum 20 Zentimeter hoch Wasser führen. In der Flutnacht wurden sie zu reißenden Bächen. Mehr als zwei Meter hoch stand das Wasser im Garten, etwa hüfthoch im Erdgeschoss des historischen Wohnhauses.

Erst im Januar, nach dem Tod des Vaters Johannes Dinnebier, waren Tochter Jenny und deren Sohn Frodo aus dem benachbarten Anbau in das Elternhaus umgezogen. Die historische Mühle von 1780 hatte Johannes Dinnebier in den 60er Jahren gekauft und für die damals siebenköpfige Familie umgebaut.

Solingen: Viele Helfer packten am nächsten Tag mit an

Solch ein Hochwasser hat in mehr als 50 Jahren dort keiner erlebt. „In der Flutnacht war meine Tochter mit sechs Studienfreunden zu Besuch. Die haben alle mit angepackt“, erzählt Jenny Dinnebier. Ab dem frühen Abend und die ganze Nacht habe man versucht, Möbel und Inventar aus dem Erdgeschoss in höhere Etagen zu tragen. Auch das Musikstudio und die Instrumente des Sohnes konnten so gerettet werden. Die Schäden sind trotzdem groß, die Heizung kaputt. „Als das Wasser immer weiter stieg, habe ich nur noch gerufen ,Alle raus hier‘“, erinnert sich Dinnebier.

Dankbar ist sie für die vielen Helfer, die am nächsten Tag mit anpackten. Nachbarn brachten Pumpen. Nicht nur das Erdgeschoss muss jetzt komplett saniert werden. Auch auf dem großen Außengelände sind viele Schäden entstanden, eine Brücke wurde von der Wucht des Wassers mitgerissen.

Naturpädagogin Dinnebier sorgt sich auch um ihre berufliche Existenz. „Die Kinderkurse und Ferienangebote waren nach Corona gerade erst wieder angelaufen.“ Aber sie bleibt positiv. „In den Fluten wurde ein Goldfisch im Garten angespült. Den haben wir gerettet und nach Sturmtief Bernd benannt.“

Solingen: Häuser der Hofschaft Rüden wurden evakuiert

Zahlreiche Rettungseinsätze hatte die Feuerwehr auch in der Hofschaft Rüden zu verzeichnen, wo die Wupper ebenfalls weiträumig über die Ufer getreten war. „Für uns ging es erst mal darum, die Menschen dort rauszuholen und gegebenenfalls in der Sammelunterkunft an der Krahenhöhe unterzubringen“, erinnert sich Torsten Dunkel, Sprecher der Feuerwehr Solingen. „In vielen Fällen ließen sich die Keller nicht ohne weiteres auspumpen, da der Grundwasserpegel zu hoch war und das Wasser auf der Straße auch nicht abfließen konnte.“ Auch sei ein Abpumpen bei bestimmten älteren Gebäuden mit sogenannten Kappendecken gar nicht möglich, da im schlimmsten Fall aufgrund des von außen drückenden Wassers Einsturzgefahr bestehe. An der Wipperauer Straße hatten sich Bäume teils quer über die Fahrbahn gelegt, die von den Einsatzkräften beseitigt wurden.

Auch in Ohligs herrschte Handlungsbedarf – so waren etwa an der Kottendorfer Straße stundenlang Kräfte der Feuerwehr im Einsatz, um eine Tiefgarage leerzupumpen. Hochwasserschäden finden sich auch an vielen Stellen der Infrastruktur. Da ist nicht nur die weggeschwemmte Fußgängerbrücke über die Wupper am Obenrüdener Kotten zu nennen. Auch die Eschbachstraße ist ab der Alten Schlossfabrik in Richtung Wermelskirchen weiter gesperrt.

Wie die Solinger Ortsgruppe des THW berichtet, waren deren Kräfte in der Kläranlage in Unterburg aktiv. Pressesprecher Oliver Mugalla und Zugführer Florian Becker erklären, dass die Technikräume ausgepumpt werden mussten. Dabei kam eine Pumpe des THW zum Einsatz, die 10 000 Liter Wasser pro Minute schafft. Auch die Klärbecken selbst seien verschmutzt gewesen. Ziel sei es gewesen, die Anlage so schnell wie möglich wieder funktionsfähig zu machen, sagt Gruppenführer Tim Ziegenbein. Abgepumpt wurde das Schmutzwasser dahin, „wo es abfließt“. Inzwischen nahm die Anlage nach Angaben des Wupperverbands die Arbeit wieder voll auf. | Standpunkt, S. 18/19

Hintergrund

Sperrung: Die Fußgängerbrücke zwischen Bruchermühle und Schloss Caspersbroich an der Stadtgrenze zwischen Solingen und Haan ist infolge der Hochwasserschäden gesperrt worden. Damit Fußgänger nicht umdrehen müssen, bietet Gero Legner an, seinen privaten Hofraum zu nutzen.

Hinweisschild: Auf Solinger Seite habe die Stadt zwar die Sperrung kenntlich gemacht, aber noch kein aussagekräftiges Hinweisschild angebracht, so dass immer noch Menschen die Brücke passierten. Legner: „Da muss nachgebessert werden, das ist wirklich gefährlich!“

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