Fachhandel hat es schwer

Nach 44 Jahren: Euronics Cäsar schließt im März

Ende März wird sich Gerd Fritsche mit Euronics Cäsar aus Ohligs zurückziehen.
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Ende März wird sich Gerd Fritsche mit Euronics Cäsar aus Ohligs zurückziehen.

Der Inhaber Gerd Fritsche hat keinen Nachfolger für sein TV- und Hi-Fi-Geschäft gefunden.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Gerd Fritsche hat viele Technologiesprünge erlebt: vom Röhrenfernseher mit Schwarz-Weiß-Bild bis zu modernen OLED-Displays. „Da muss man im Hirn fit bleiben“, sagt er. Die nächsten Evolutionsschritte wird er nicht mehr aus der ersten Reihe verfolgen. 1979 hat er in Solingen Cäsar als Fachgeschäft für TV- und Hi-Fi-Geräte gegründet, seit 1984 befindet es sich an der Talstraße. Bald endet die Geschichte des Traditionsunternehmens: Ende März möchte sich Fritsche zurückziehen.

Die Entscheidung ist ihm nicht leicht gefallen. „Ich habe mich immer auf die Arbeit gefreut, Cäsar ist mein Leben“, erzählt er. Doch die Erkenntnis sei gereift, dass es nicht weitergeht. Seine Frau befindet sich bereits in Rente, nun möchte es der 70-Jährige ihr gleichtun. Die Nachfolgersuche endete erfolglos.

Gerd Fritsche sieht die Sache realistisch: „Ich kann verstehen, dass niemand das Geschäft übernehmen will.“ Vielen Fachhändlern fehle heute die Grundlage, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Seine Mitarbeiter – ein Verkäufer und ein Techniker – teilen diese Einschätzung. Sie werden die Branche verlassen.

Die Probleme liegen für den Solinger auf der Hand: Das Internet bestimme die Preise. Kleine Läden wie Cäsar müssen sich gegen deutschlandweit, teilweise global agierende Konzerne behaupten. Selbst Kollegen, die wie Fritsche Mitglieder der Einkaufsgenossenschaft Euronics sind, fachen den Preiskampf an, weil sie Fernseher und Co. in deutlich höheren Stückzahlen abnehmen. Sein Einkaufspreis liege teils über deren Verkaufspreis.

„Wenn man nicht der billigste Anbieter ist, schaut man in die Röhre. Die Verdrängung wird immer aggressiver“, sagt der 70-Jährige. Auf dieser Grundlage sei es kaum noch möglich, kostendeckend zu kalkulieren.

Vor einigen Jahren gab es zu Fritsches Ärger einen Trend zu „Beratungsdiebstahl“: Kunden holten im Geschäft Informationen ein, um dann günstiger im Internet zu bestellen. Das komme inzwischen nur noch selten vor. Dafür ist die Frequenz weiter rückläufig.

„Ich habe die schönste Zeit mitgemacht.“

Gerd Fritsche, Euronics Cäsar

Vor knapp 50 Jahren war die Welt eine andere. Eine Lehre zum Klempner brach Gerd Fritsche mangels handwerklichen Talents ab, absolvierte stattdessen bei Konejung in der Innenstadt eine Ausbildung zu Einzelhandelskaufmann. Dort sammelte er Erfahrungen als Verkaufsleiter, ehe er sich mit dem damaligen Werkstattmeister selbstständig machte. Für den Schritt löste der 27-Jährige seinen Bausparvertrag auf – 25 000 DM.

„Ich hatte Angst, dass wir falsch einkaufen, mein Kompagnon, dass niemand kommt“, blickt Fritsche zurück. Beide Sorgen erwiesen sich als unbegründet. Am Tag der Eröffnung des Geschäfts an der Grünewalder Straße nahm der Rennsportler zum letzten Mal am Solinger Bergrennen teil. Als er zwischendurch im Fahreranzug im Laden vorbeischaute, war der voll. Eine kleine Anzeige im Solinger Tageblatt genügte – obwohl VHS-Kassetten des Typs E 180 noch 59 DM pro Stück kosteten.

Zwischenzeitlich betrieb Gerd Fritsche Niederlassungen in Leichlingen und Opladen, seit Anfang der 90er Jahre fokussiert er sich auf den Standort Ohligs. Auch dieses Kapitel endet nun. Grämen möchte sich der Inhaber darüber nicht. „Ich habe die schönste Zeit mitgemacht“, sagt er. Und doch ist dem 70-Jährigen anzumerken, dass es ihn stört, wie sich das Konsumverhalten gewandelt hat, wie Hersteller den Fachhandel heutzutage behandeln, dass vielen Menschen „den Sinn für den Wert unserer Produkte verloren haben“ – insbesondere im Hi-Fi-Bereich, seinem Steckenpferd. Bedauerlich sei zudem, dass mit Cäsar ein weiterer Werkstattbetrieb vom ohnehin ausgedünnten Markt verschwinde.

Kampflos ergeben hat sich der Solinger seinem Schicksal nicht. 2021 versuchte er sich mit Hilfe eines Euronics-Angebots ein halbes Jahr lang am Internetgeschäft. Doch Aufwand und Risiko waren für den kleinen Laden zu groß – der Ärger überwog den Nutzen.

Nun bleibt Gerd Fritsche, sein berufliches Lebenswerk abzuwickeln. In diesen Tagen beginnt der Ausverkauf, für das in Familienhand befindliche Ladenlokal braucht es eine neue Nutzung. Ein Händler? Wer weiß. Trotz aller Schwierigkeiten, Internetbewertungen und Videoanleitungen hat eine fachkundige Beratung für den Kaufmann weiterhin eine Daseinsberechtigung. Dafür brauche es Vollblutverkäufer.

Namensgebung

Eigentlich wollten Gerd Fritsche und sein Mitstreiter ihr TV- und Hi-Fi-Fachgeschäft „Studio B“ nennen. Doch in Wuppertal existierte ein gleichnamiger Plattenladen. Ein Werbetechniker brachte „Studio C“ als Alternative ins Spiel. Dass Fritsche am Telefon häufig „C wie Cäsar“ buchstabieren musste und Asterix seinerzeit beliebt war, führte zum heutigen Namen. Der verursachte immer wieder kuriose Gespräche: „Ich musste das ein oder andere Mal erklären, dass ich nicht Herr Cäsar bin.“

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