Asservatenkammer

Nach 27 Jahren kennt Robert Klammer jedes Beweismittel

Auch die auffallenden Lederkutten bekannter Rockergruppen sind Beweisstücke.
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Auch die auffallenden Lederkutten bekannter Rockergruppen sind Beweisstücke.

Robert Klammer arbeitete in der Asservatenkammer der Staatsanwaltschaft Wuppertal.

Von Jonas Meister

In diesem Teil der Asservatenkammer werden die Beweisstücke aus Mordsachen in Umzugskisten gelagert.

Die Flure an der Hofaue kennt Robert Klammer aus dem Eff–eff. 27 Jahre lang war er als Aufbewahrungsbeamter bei der Staatsanwaltschaft Wuppertal der Herr der Beweismittel. Doch damit ist in wenigen Wochen Schluss. Ende Februar geht Klammer in Rente, in dem Wissen, „dass ich alle Asservate gesehen habe, die man sich nur vorstellen kann“. Kein Wunder, wenn Dinge von einem einfachen Rucksack über scharfe Pistolen bis hin zu funktionstüchtigen Klimaanlagen registriert, katalogisiert und in den meisten Fällen anschließend vernichtet werden müssen.

In den Katakomben huscht Robert Klammer von Tür zu Tür. Im ersten Raum sitzen zwei junge Justizbeamte vor einem Computer und kümmern sich um die Verwaltung der neu eingetroffenen Gegenstände, während sich ihr erfahrener Kollege hinter ihnen vorbei schiebt und zwischen den raumhohen Regalen stehen bleibt: „Hier lagern wir unsere Kleinasservate, also Dinge wie Baseballschläger oder Nummernschilder“, erklärt Robert Klammer, bevor er sich fix umdreht und verschmitzt auf eine Wand voller brauner Papierumschläge deutet, die jeweils mit einem eigenen Barcode versehen sind: „Ja, das sind alles Handys. Und daran sieht man auch, dass es uns hier auf jeden Fall an einer Sache fehlt: Platz.“

Maschinengewehre als Fundstück aus dem Kleiderschrank

Allein 2021 kamen bei der Staatsanwaltschaft knapp 8800 neue Beweismittel zusammen. Dazu lagert noch einmal die gleiche Menge aus den vergangenen Jahren in den Räumlichkeiten, also kommen insgesamt fast 18 000 Gegenstände zusammen. „Wir müssen die Asservate so lange aufbewahren, bis das jeweilige Verfahren nach einem Urteil abgeschlossen ist und damit dann endgültige Rechtssicherheit besteht“, weiß Oberstaatsanwalt Wolf-Tilman Baumert. „So bleiben einige Dinge nur sechs Monate, während Beweismittel aus Mordsachen jahrelang aufbewahrt werden, denn Mord verjährt nie.“ Teilweise werden die ehemaligen Beweismittel auch an ihre Besitzer zurückgegeben, während andere im Anschluss direkt vernichtet werden.

Robert Klammer hat bei der Staatsanwaltschaft Wuppertal zahlreiche Beweismittel wie diesen entschärften Raketenwerfer gesehen.

Die stammen fast immer aus einem der Hochsicherheitsräume, zu denen außer dem Aufbewahrungsbeamten nur wenige andere Mitarbeiter Zugang haben. Einer der von außen unscheinbaren, aber elektronisch massiv gesicherten Räume bezeichnet Klammer nur als die „Waffenkammer“. Und damit übertreibt er nicht. Hinter der Tür befinden sich kistenweise Kurzwaffen wie Schreckschusspistolen oder Revolver. Strikt getrennt von der Munition, die in mehreren Tresoren verschlossen ist.

Darin befinden sich auch die ganz großen Kaliber, die etwa mit einem entschärften Raketenwerfer oder einem Maschinengewehr vom Typ MG 42, die Klammer beide in einem Schrank abgestellt hat, abgeschossen werden können. „Diese Art Waffen findet man bei Hausdurchsuchungen bei Privatpersonen, oft einfach abgestellt im Kleiderschrank“, berichtet er stirnrunzelnd. „Es ist schon ein Trend, dass wir es im Moment mit sehr vielen Waffendelikten zu tun haben. Teilweise werden von der Polizei ganze Arsenale gefunden, etwa bei Reichsbürgern.“ Neben den Waffen befinden sich noch zwei weitere Arten von Asservaten in der „besonders gesicherten Aufbewahrung“: Drogen und Computer aus Ermittlungen zu Kindesmissbrauch.

Bei all dem Spaß, den Robert Klammer auch nach fast drei Jahrzehnten an seinem Job hat, ist die Stimmung bei der Arbeit gerade in diesen Bereichen merklich gedämpft, gesteht er, während er mit traumwandlerischer Sicherheit den nächsten Schlüssel aus seinem dicken, klimpernden Schlüsselbund zieht, und vor der nächsten massiven Tür ankündigt: „Passen Sie auf, hier sortieren wir mit dem Gabelstapler!“ Zwei Etagen ist die dahinter liegende Halle hoch.

Eine Treppe führt in den zweiten Stock. Auf der letzten Stufe macht Klammer plötzlich Halt und blickt traurig auf hunderte, fein säuberlich gestapelte Umzugskisten: „Hinter jedem dieser Kartons steckt ein Schicksal.“ Was er damit meint, zeigen die Zettel, die an der Seite kleben. Auf jedem sind zwei Buchstaben deutlich zu erkennen: MK. Mordkommission. „Dies sind persönliche Gegenstände von Opfern, deshalb arbeitet man hier schon sehr leise, fast in sich gekehrt und man kommt ins Nachdenken darüber, was diesen Menschen widerfahren ist“, gibt Robert Klammer zu. Umso größer ist dann die Erleichterung, wenn Fälle gelöst werden können.

Täter können auch Jahre später noch überführt werden

Und hier lohnt es sich von Zeit zu Zeit auch, dass die Beweise so lange aufgehoben werden müssen. „Wir bewahren hier Asservate aus Kapitaldelikten auf, die in den den 1980er- oder 1990er-Jahren passiert sind. Und es besteht durchaus die Möglichkeit, dass diese Fälle auch heute noch gelöst werden“, unterstreicht Baumert. Eines der jüngeren Beispiele: Ein Mountainbike, das im Zusammenhang mit einem Fall aus den frühen 2000er-Jahren aufbewahrt wurde. „Durch neue Hinweise haben die Kollegen von der Polizei das Fahrrad abgeholt und dank neuer Technologien am Rahmen DNA sicherstellen können, mit der der Täter schließlich überführt und verurteilt wurde“, freut sich der Oberstaatsanwalt.

Schusswaffen und Munition werden nach dem Abschluss des jeweiligen Verfahrens kistenweise zur Vernichtung bei der Polizei überstellt.

Dass das entscheidende Beweisstück aber nicht nur mikroskopisch klein, sondern auch meterhoch sein kann, lässt schon ein einfacher Blick durch die Halle erahnen. So müssen Klammer und die drei Asservatenverwalter der Staatsanwaltschaft auch ganze Heizungssysteme oder Klimaanlagen einlagern, wenn die Polizei wieder einmal eine illegale Cannabis-Plantage ausgehoben hat: „Da musste ich an manchen Stellen schon einmal amüsiert innehalten, denn einige Sachen, die wir finden, sind teilweise totaler Irrsinn“, lacht er, während er einen mannshohen Glücksspielautomaten begutachtet.

Daneben: Ein 100 Kilogramm schwerer Hydraulikspreizer, mit dem die Feuerwehr eigentlich eingeklemmte Personen aus Autowracks befreit. „Nur, dass der hier wahrscheinlich zum Aufbrechen eines Tresors benutzt wurde.“ Zu Fuß müsste bei der Wuppertaler Staatsanwaltschaft übrigens niemand gehen, wenn es nach dem Asservatenbestand geht. Sichergestellte Autos befinden sich zwar nicht in Elberfeld, dafür aber Zweiräder ohne Ende. „In letzter Zeit haben wir vermehrt E-Scooter aus China bekommen und dazu natürlich Fahrräder ohne Ende. Da ist auch alles dabei, vom hochwertigen Rennrad bis hin zum E-Bike Marke Eigenbau, mit dem die Leute durch Wuppertal brettern“, weiß Robert Klammer.

Wem ein Großteil der Räder gehört, lässt sich fast nie ermitteln, „weil die Besitzer sich einfach nicht die Rahmennummer notieren“. So freuen sich am Ende oft verschiedene Sozialwerksstätten und Klammer selbst: „Damit die Fahrräder nicht auf dem Schrott landen, verschenken wir sie oft, damit andere davon profitieren. Einer der vielen Aspekte, die ich an meinem Job so mag.“ Und die er in wenigen Wochen auch vermissen wird: „Hier ist auf jeden Fall auch Wehmut dabei. Erstens, weil ich die Asservatenverwaltung in Wuppertal, so wie sie heute ist, aufgebaut habe und dann natürlich wegen der sozialen Kontakte. All die Jahre habe ich bei der Staatsanwaltschaft Freunde gefunden, die ich vermissen werde.“

Hintergrund

Mit knapp 180 Mitarbeitern gehört die Staatsanwaltschaft Wuppertal zu einer der größten der insgesamt sechs Staatsanwaltschaften im Bezirk der Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf. Für die Strafverfolgung sind 46 Staatsanwälte und 20 Amtsanwälte zuständig, die unter anderem durch 18 Rechtspfleger unterstützt werden. Dazu sind mehr als 90 Mitarbeiter in Service, Technik, Verwaltung und Wachdienst eingesetzt.

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