Trauern

Muslimische Notfallbegleiter suchen Verstärkung

Emine Kaya ist Gründungsmitglied der muslimischen Notfallbegleiter in Solingen. In den vergangenen Jahren hat sie schon vielen Familien in einer seelischen Ausnahmesituation tröstend zur Seite gestanden. Foto: Christian Beier
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Emine Kaya ist Gründungsmitglied der muslimischen Notfallbegleiter in Solingen. In den vergangenen Jahren hat sie schon vielen Familien in einer seelischen Ausnahmesituation tröstend zur Seite gestanden.

Seit 2009 stehen die ehrenamtlichen Mitarbeiter anderen in ihren schwersten Stunden bei – nun möchten sie ihr Team aufstocken.

Von Kristin Dowe

Solingen. Wenn ein geliebter Mensch überraschend stirbt, ist der Schmerz für die Hinterbliebenen wohl in allen Kulturkreisen gleich. Und doch trauern Menschen muslimischen Glaubens auf andere Art und haben andere Gebete und Rituale, um die Trauer zu bewältigen, als es beispielsweise bei Christen der Fall ist. Dies zumindest ist die Erfahrung von Emine Kaya, die in Solingen bereits seit 2009 als muslimische Notfallbegleiterin im Einsatz ist. „Jede Kulturform trauert anders. Für die Angehörigen kann es außerdem tröstend sein, wenn sie jemand in einer solchen Situation in ihrer Muttersprache aufnehmen kann“, berichtet sie. Selbst wenn die Betroffenen gute Deutschkenntnisse hätten, empfänden sie es häufig als tröstend, ihre Gefühle in der eigenen Sprache ausdrücken zu können, wenn sie plötzlich mit einem Trauerfall konfrontiert werden.

Ursprünglich wurde das Konzept landesweit von der Christlich-Islamischen Gesellschaft in Köln ins Leben gerufen, wo auch heute noch die Seminare für die angehenden Notfallbegleiter stattfinden. Inzwischen sind fünf muslimische Ehrenamtliche in Solingen im Einsatz, die – ähnlich wie die christlichen Notfallseelsorger – in Notlagen von der Feuerwehr oder Polizei verständigt werden, um die Angehörigen über einen Todesfall zu informieren. Aktuell sucht das Team für diese anspruchsvolle und seelisch fordernde Aufgabe noch Verstärkung.

Vor allem müssen die Anwärter auf das Ehrenamt ein hohes Maß an nervlicher Stabilität mitbringen, betont Emine Kaya. Weil jeder Trauerfall ganz individuell sei, benötigten Interessierte zudem die Fähigkeit, sich immer wieder neu auf die Bedürfnisse der Angehörigen einzustellen – gerade dann, wenn es um die Religion geht. „Ich hatte mal einen Einsatz bei einer türkischen Familie, die mit Religion eigentlich gar nichts zu tun hatte. Dann aber fragte mich der Sohn, ob ich einen Vers aus dem Koran für seinen verstorbenen Vater beten könnte. Das habe ich natürlich gerne getan – und dann wurde es in dem Haus ganz ruhig“, erinnert sie sich an einen Fall. Bei Muslimen sei bei Trauerfällen generell das Für-Gebet sehr wichtig.

Geschichten berühren Notfallbegleiter und begleiten sie ein Leben lang

Mit Türkisch, Arabisch und Aserbaidschanisch decken die muslimischen Notfallbegleiter sprachlich bereits ein breites Spektrum ab. Doch abgesehen von der Sprache seien es kleine Dinge in der Mimik und Gestik, auf die es bei der Überbringung einer traurigen Nachricht ankomme, sagt Emine Kaya, die außerdem ausgebildete Diplom-Seelsorgerin ist. Bei den Angehörigen habe die Arbeit der Notfallbegleiter oft noch einen langen Nachhall. „Vor Jahren gab es in Solingen ja den Fall eines syrischen Paares, dessen Kind durch einen Unfall aus dem Fenster gestürzt ist und verstarb. Wenn ich die beiden wiedertreffe, umarmen sie mich noch heute sofort“, schildert sie den tragischen Fall. „Wir sind so etwas wie die Brücke zwischen Polizei und Feuerwehr auf der einen und der Familie auf der anderen Seite.“

Polizei und Feuerwehr nähmen die Unterstützung der muslimischen Notfallbegleiter dankbar an, ergänzt Doris Schulz, Vorsitzende des Christlich-Islamischen Gesprächskreises, die das Projekt in Solingen mitinitiiert hatte. Für Polizei und Feuerwehr sei die Arbeit der Ehrenamtlichen eine große Entlastung, damit sie sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können. Den Notfallbegleitern sei letztendlich gleichgültig, welcher Religion ein Hinterbliebener angehört, den sie in einer schweren Stunde aufzufangen versuchen. „Sie helfen allen. Es geht vor allem darum, Zeit zu spenden.“

Muslime Notfallbegleiter

Voraussetzungen: Interessierte Muslime müssen mindestens 25 Jahre alt, ohne Vorstrafen und zeitlich verfügbar sein. Die Ehrenamtlichen sind auch nachts nach Absprache in einem Schichtsystem im Einsatz. Ein hohes Maß an Empathie und seelischer Belastbarkeit sind erforderlich.

Kontakt: Anfragen nehmen Doris Schulz (doris-schulz2018@t-online.de) und Emine Kaya (Tel. 01 78 44 10 71 10) entgegen. An 14 Samstagen stehen Seminare in Köln auf dem Programm. Am 23. Februar findet ein Info-Abend im Islamischen Zentrum an der Florastraße 14 B statt. Uhrzeit folgt.

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