ST-Leser verstand die Welt nicht mehr

Warum der Museumsbau in verbotenem Licht strahlte

Auch „zwischen den Jahren“ erstrahlt das frühere Gräfrather Rathaus – heute Heimat von Kunstmuseum und Zentrum für verfolgte Künste – in hellem Licht. Unser Foto entstand am Mittwochabend gegen 19.15 Uhr.
+
Auch „zwischen den Jahren“ erstrahlt das frühere Gräfrather Rathaus – heute Heimat von Kunstmuseum und Zentrum für verfolgte Künste – in hellem Licht. Unser Foto entstand am Mittwochabend gegen 19.15 Uhr.

Das Kunstmuseum konnte die Beleuchtung nicht regeln, das Zentrum für verfolgte Künste durfte nicht – jetzt schaltete die Stadt den Strahler aus.

Von Philipp Müller

Solingen. Tageblatt-Leser Thomas Nielebock versteht die Welt nicht mehr – zumindest die Solinger. Er sei am ersten Weihnachtstag gegen 17 Uhr am ehemaligen Gräfrather Rathaus vorbeigefahren. Zu seinem Erstaunen und gleichzeitigen Ärger wurde der Sitz des Kunstmuseums und des Zentrums für verfolgte Künste hell angestrahlt. Nielebock fragt: „Muss man das verstehen?“

Mit seiner Frage spielt er auf der einen Seite auf die Schließung beider Museen bis 3. Januar an. Auf der anderen Seite geht es ihm um die bundesweite Energieeinsparverordnung. Nach dieser dürfen öffentliche Gebäude aktuell – bis auf Ausnahmen – eben nicht in den Abendstunden beleuchtet werden. Seit 1. September regelt die Kurzfristenergieversorgungssicherungsmaßnahmenverordnung (EnSikuMaV) der Bundesregierung für öffentliche Nichtwohngebäude in Paragraf 8 bis zum 28. Februar 2023: „Die Beleuchtung von Gebäuden und Baudenkmälern von außen mit Ausnahme von Sicherheits- und Notbeleuchtung ist untersagt.“

Daran halte sich offenbar das Deutsche Klingenmuseum, hat ST-Leser Thomas Nielebock beobachtet. Der Gräfrather Klosterhof und das ehemalige Kloster – aktuell unbewohnt und außerdem Baudenkmal – lagen an Weihnachten in rechtskonformer, absoluter Dunkelheit.

„Das Kunstmuseum hat keinen Zugriff auf die Beleuchtung.“

Gisela Elbracht-Iglhaut, Direktorin des Kunstmuseums

Einerseits werde die Stadtverwaltung für zwei Wochen geschlossen, um dringend Energie zu sparen, „andererseits wird hier ein geschlossenes Museum beleuchtet und Energie sinnlos verpulvert“, kritisiert Thomas Nielebock. Da könne man nur mit dem Kopf schütteln, betont er und fragt: „Ist das wieder einmal ein Beispiel für das typisch pharisäerhafte Verhalten von Verantwortlichen und Verwaltung?“

Doch was könnten die Gründe für das Licht sein? Wird am Museum eine neue Folge der Hollywood-Reihe „Nachts im Museum“ gedreht? Fand dort – das wäre eine Ausnahme der EnSikuMaV – am ersten Weihnachtsfeiertag ein Volksfest statt? Zunächst recherchierte das ST selbst. Und siehe da, auch vergangenen Mittwoch war am Museum tatsächlich gegen 19.15 Uhr wieder Licht, aber es wurde weder gedreht noch gefeiert. Auch Sicherheitsaspekte – denn dann wäre eine Beleuchtung zulässig und geboten – sind nicht zu erkennen.

Also fragte das ST nach. Zunächst beim Direktor des Zentrums für verfolgte Künste. Doch Jürgen Kaumkötter weist alle Schuld, gar Verantwortung von sich. Im Gegenteil: Er wolle schon lange den Strahler, den er als „Stromfresser“ bezeichnet, abschalten. Die Beleuchtung des Museums sei aber aus Vertrags- und Kompetenzgründen zwischen Kunstmuseum und Zentrum für verfolgte Künste ausschließlich Sache der Betriebsgesellschaft des Kunstmuseums.

Deren Geschäftsführerin, Gisela Elbracht-Iglhaut, in Personalunion Direktorin des Kunstmuseums, antwortet aus ihrem Urlaubsort in Bayern auf ST-Nachfrage: „Das Kunstmuseum hat keinen Einfluss auf die Zeitschaltung. Ich habe vor einiger Zeit mit den Zuständigen der Stadt gesprochen. Die Beleuchtung geht um etwa 20 Uhr an und um 22 Uhr aus. Das Kunstmuseum hat keinen Zugriff darauf.“

Doch wer sind die „Zuständigen“? Das ST hat keinerlei Energie gespart und bei der zuständigen Stadtdirektorin nachgefragt. Dagmar Becker (Grüne) ist zugleich Kulturdezernentin, damit fürs Kunstmuseum und dessen Betriebs-GmbH zuständig. Würde das ST trotz Rathaus-Schließung aus Energiespargründen eine Antwort erhalten, wer Licht ins Dunkel bringt – beziehungsweise umgekehrt? Ja. Dagmar Becker erklärte am Freitag: „Die Außenbeleuchtung am Kunstmuseum wurde jetzt vollständig abgeschaltet.“ Die Forderung aus der verordneten Energiespar-Bibel wird erhört: „Es werde kein Licht.“

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Rund 200 Menschen ziehen durch Solingen
Rund 200 Menschen ziehen durch Solingen
Rund 200 Menschen ziehen durch Solingen
Polizei stoppt angetrunkenen Solinger
Polizei stoppt angetrunkenen Solinger
Polizei stoppt angetrunkenen Solinger
Karnevalisten feiern ausgelassen im Stadtsaal
Karnevalisten feiern ausgelassen im Stadtsaal
Karnevalisten feiern ausgelassen im Stadtsaal
Hotel am Hauptbahnhof: Termin für Baustart bleibt offen
Hotel am Hauptbahnhof: Termin für Baustart bleibt offen
Hotel am Hauptbahnhof: Termin für Baustart bleibt offen

Kommentare