Zukunft ist ungewiss

Museum und LVR fordern besseres Gebäude für Kunstmuseum und Zentrum für verfolgte Künste

Schon nach 25 Jahren ist der Anbau des Kunstmuseums ein Sanierungsfall. Ein Grund für den Aufsichtsrat des Zentrums für verfolgte Künste, die Frage zu stellen, wie es dort für das international anerkannte Museum überhaupt weitergehen kann. Foto: Michael Schütz
+
Schon nach 25 Jahren ist der Anbau des Kunstmuseums ein Sanierungsfall. Ein Grund für den Aufsichtsrat des Zentrums für verfolgte Künste, die Frage zu stellen, wie es dort für das international anerkannte Museum überhaupt weitergehen kann.

Gräfrather Rathaus, Sitz des Kunstmuseums und Zentrums für verfolgte Künste, ist Sanierungsfall.

Von Philipp Müller

Solingen. Mit Hochdruck werden die Politik und das Rathaus in den kommenden Wochen entscheiden müssen, was mit dem städtischen Kunstmuseum und dem Zentrum für verfolgte Künste im ehemaligen Gräfrather Rathaus passiert. Der Impuls geht vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) aus. Er ist zu zwei Dritteln Eigentümer der Gesellschaft des Zentrums und offensichtlich nicht mit der Situation am jetzigen Standort zufrieden. Das andere Drittel der Zentrums-GmbH gehört der Stadt Solingen. Kulturdezernentin Dagmar Becker (Grüne) bestätigte, dass bereits erste Gespräche zwischen Stadt und LVR laufen.

Nicht unrealistisch ist, dass das Zentrum nur dann in Solingen bleiben wird, wenn das Kunstmuseum oder das Zentrum einen anderen Standort bekommt. Ein weiteres Miteinander unter einem Dach hat kaum Zukunft. „Wir arbeiten mit dem LVR Hand in Hand“, betont Becker. Sie geht fest davon aus, dass am Ende eine gute Lösung für alle und in Solingen stehe. Der Prozess sei daher positiv, weil er die Bedeutung der Museen stärke. Das Zentrum für verfolgte Künste kooperiert mit der documenta.

Diese Woche hatte der LVR bekanntgegeben, dass dessen Kulturausschuss 30 000 Euro für eine Machbarkeitsstudie ausgeben wird. Untersucht werden soll „die bauliche Unterbringung des Zentrums für verfolgte Künste in der Stadt Solingen“. Der Beschluss ist auch Ausdruck der Tatsache, dass CDU und SPD dem Zentrum in der Landschaftsversammlung hohe Priorität eingeräumt haben.

Zentrum hat seine internationale Bedeutung erhöht

Verschiedene Gründe machen dieses Vorgehen notwendig. Der erste ist vor allem der Anbau. Die Direktorin des Kunstmuseums, Gisela Elbracht-Iglhaut, verweist auf die oft defekte Klimaanlage. Die ist aber wichtig, um die Kunstwerke durch gleichbleibende Feuchtigkeit und Temperatur zu schützen. Zentrumsdirektor Jürgen Kaumkötter nennt Probleme mit der Alarmanlage, und auch das Dach brauche eine umfassende Reparatur. Kurz, das Gebäude ist in Teilen marode, obwohl es gerade erst 25 Jahre alt ist.

Grundsätzlich ist laut Kaumkötter die Meinung beim LVR diese: Das Zentrum habe in den vergangenen Jahren seine internationale Bedeutung enorm erhöht. Das soll auch in entsprechenden Räumen dargestellt werden können. Das alles behandelte am Donnerstag der Aufsichtsrat des Zentrums. Becker erklärte im Anschluss, für die Verwaltung sei der Standort Solingen für das Zentrum „ganz wichtig“.

„Wir arbeiten mit dem LVR Hand in Hand.“

Dagmar Becker, Dezernentin

Der Aufsichtsrat gab eine Erklärung ab: „Der Aufsichtsrat begrüßt den Beschluss des LVR-Kulturausschusses vom 8. September 2021 zur Förderung einer Machbarkeitsstudie für ein angemessenes Gebäude des Zentrums für verfolgte Künste in Solingen einstimmig, als wichtigen Meilenstein für die nachhaltige Entwicklung der Institution.“

Es gehe darum, ganz ergebnisoffen die Situation neu zu überdenken, sagte Direktor Kaumkötter. Das könne vom Neubau „auf der grünen Wiese“ bis hin zur Ertüchtigung des Standorts Gräfrath reichen. Eine feste Richtung gebe es da noch nicht. Allerdings werde die Machbarkeitsstudie ohne Einbeziehung der Bedürfnisse des Solinger Kunstmuseums durchgeführt. Für die Kulturdezernentin ist dabei wichtig, dass am Ende aus der anlaufenden Standortbewertung nicht die Museen und der Standort als Verlierer vom Platz gehen dürfen.

„Das Kunstmuseum braucht eine Perspektive ohne Insolvenzgefahr.“

Sebastian Haug, Kulturausschuss

Mit der Zukunft des Kunstmuseums beschäftigt sich kommende Woche auch der Solinger Kulturausschuss. Hinter verschlossenen Türen steht dort die „Konzeption 2025“ für die das Kunstmuseum betreibende GmbH auf dem Programm. Der Ausschussvorsitzende Sebastian Haug (CDU) erklärt, er kenne den „Flurfunk“ zum Thema Kunstmuseum schon länger. Aus seiner Sicht sollte die aktuelle Entwicklung dafür genutzt werden, dem Kunstmuseum auch eine sichere finanzielle Perspektive zu bieten, „damit uns die Betriebsgesellschaft nicht wieder alle paar Jahre als Insolvenzfall vor die Füße fällt“.

Sollte die Idee, Kunstmuseum und Zentrum für verfolgte Künste räumlich zu trennen, Bestand haben, so bleibt zu untersuchen, wo das Kunstmuseum einen künftigen Standort finden kann. Dagmar Becker weist für diese Überlegung darauf hin, dass die Stärke des Kunstmuseums in der pädagogischen Arbeit mit Schulen und jungen Menschen liege. Zudem sei seit langer Zeit die Frage offen, wie man mit dem berühmten Solinger Künstler Georg Meistermann sichtbarer umgehen könne. Damit will sie aber noch keine Vorgaben zementieren. Das Kunstmuseum setzt auf Unterstützung durch Art Sponsoring: Ein Steuerberater fördert die Solinger Kunstszene.

Zugleich stellt Dagmar Becker auch vor, dass es das Museum auch in Richtung Innenstadt ziehen könnte. Mehr Kultur ist ein wichtiger Baustein im Konzept „City 2030“, das neben mehr Wohnen auch auf viele andere Elemente setzt, die siechende Innenstadt wieder zu beleben, ihr eine neue, kulturelle Bedeutung zu geben.

Museums-GmbH

Kunstmuseum und Zentrum für verfolgte Künste werden jeweils als GmbH geführt. Zwischen beiden Gesellschaften gibt es einen Kooperationsvertrag. Er regelt, welche Gesellschaft wie lange das Gräfrather Rathaus für Ausstellungen nutzen darf. Zugleich ist die Unterhaltung des Gebäudes aufgeteilt. Finanzkräftiger ist dabei die GmbH des Zentrums.

Standpunkt: Solingen muss liefern

Kommentar von Philipp Müller

philipp.mueller@solinger-tageblatt.de

Wer das Gräfrather Rathaus besucht, weiß auf den ersten Blick gar nicht: „Bin ich jetzt im Kunstmuseum oder doch im Zentrum für verfolgte Künste?“ Die Konstruktion, zwei Museen unter einem Dach unterzubringen, barg von der ersten Sekunde an diese Gefahr. Sie wuchs, weil die Einrichtungen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten laufen. Das Kunstmuseum präsentiert einmal im Jahr, so auch ab übernächster Woche, die Bergische Kunstausstellung. Zugleich dürfte es auch überregional kaum ein Museum geben, welches die Museumspädagogik mit Blick auf junge Menschen so perfekt beherrscht. Das Zentrum ist zugleich ein Hort der kunstwissenschaftlichen Forschung mit Blick auf verfemte Kunst und ihre Protagonisten. Die Zusammenarbeit mit der UNO, Museen in aller Welt, Gedenkstätten in Konzentrationslagern und der im israelischen Yad Vashem haben diesen Ruf zementiert. Kein Wunder, dass der Landschaftsverband sich da mehr Licht für sein Aushängeschild wünscht. Jetzt muss also im Rahmen der Machbarkeitsstudie die Stadt Solingen liefern, sonst ist das Zentrum irgendwann einfach weg, vielleicht auch das Kunstmuseum. Will das jemand?

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Bergische Messer aus 100 Prozent Abfall
Bergische Messer aus 100 Prozent Abfall
Bergische Messer aus 100 Prozent Abfall
Solinger bei Unfall mit Falschfahrer verletzt
Solinger bei Unfall mit Falschfahrer verletzt
Solinger bei Unfall mit Falschfahrer verletzt
Bahnstraße in Ohligs nach schwerem Unfall wieder frei
Bahnstraße in Ohligs nach schwerem Unfall wieder frei
Bahnstraße in Ohligs nach schwerem Unfall wieder frei
Tierärztin: Welche Impfungen Hunde brauchen
Tierärztin: Welche Impfungen Hunde brauchen
Tierärztin: Welche Impfungen Hunde brauchen

Kommentare