Landgericht in Wuppertal

Mordprozess Hasseldelle: Gutachter stufen Angeklagte als voll schuldfähig ein

Die Kriminologin Professor Dr. Sabine Nowara erstattete gestern ihr Gutachten. Foto: Tim Oelbermann
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Die Kriminologin Professor Dr. Sabine Nowara erstattete am Freitag ihr Gutachten.

Kindstötungen Hasseldelle: Sachverständige sehen keine Einschränkung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit.

Von Kristin Dowe

Solingen. Es ist ein recht eindeutiges Ergebnis, zu dem die beiden psychiatrischen Sachverständigen Professor Dr. Pedro Faustmann und Professor Dr. Sabine Nowara kamen, die am Freitag im Prozess um die fünf in der Hasseldelle getöteten Kinder vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Wuppertal jeweils ihre Gutachten erstatteten. Beide sehen keine Einschränkung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit bei der 28-jährigen Angeklagten, der die Staatsanwaltschaft vorwirft, ihre drei Töchter und zwei Söhne zwischen einem und acht Jahren heimtückisch ermordet zu haben. Der zwölfjährige Sohn der Familie überlebte die Tat als einziger.

Dies sind im juristischen Sinne die wesentlichen Kriterien für die Beurteilung der Schuldfähigkeit eines Angeklagten. Sie beinhalten – vereinfacht ausgedrückt – die Fragen, ob jemand in der Lage war, das Unrecht seines Handelns zu erkennen und ob er dann auch nach dieser Einsicht handeln konnte. Die jungen Opfer wurden im September 2020 in einer Wohnung in der Hasseldelle erstickt oder in der Badewanne ertränkt.

Mordprozess Hasseldelle: Angeklagte besitzt laut Gutachter bemerkenswerte „intellektuelle Ressourcen“

Damit stehen beide Gutachter mit ihren Einschätzungen in einem drastischen Widerspruch zu dem zuletzt von der Verteidigung benannten Gutachter Dr. Thomas Schwarz aus München. Dieser hatte der Angeklagten in einer für die Kammer schwer nachvollziehbaren Argumentation eine kombinierte Persönlichkeitsstörung attestiert, aus der er eine eingeschränkte Schuldfähigkeit ableitete.

Ganz anders fällt hingegen die Beurteilung des Psychiaters Faustmann aus: Drei Mal hatte er die Angeklagte untersucht und verschiedene Tests mit ihr durchgeführt, die unter anderem Aufschluss über ihr Vermögen zur Selbstreflexion, ihre Strategien zur Problembewältigung, ihre Intelligenz und ihre intellektuellen Fähigkeiten gaben. Sämtliche Aufgaben habe sie dabei „mit hohen Leistungswerten erreicht“. So sei die Angeklagte durchaus in der Lage gewesen, ihr Leben sachlich zu reflektieren. Obwohl die 28-Jährige die Hauptschule nach der neunten Klasse verlassen und sich danach ausschließlich auf ihre Aufgaben als Mutter konzentriert hatte, besitze sie laut Faustmann bemerkenswerte „intellektuelle Ressourcen“.

Sich selbst beschrieb die junge Mutter als sparsam und strukturiert. Obwohl die Familie von den Zuwendungen des Jobcenters lebte, habe es finanziell immer gereicht, so dass man sich sogar einmal im Jahr einen Urlaub leisten konnte. Sie habe Haushaltslisten geführt und den Alltag mit sechs Kindern straff durchorganisiert. Ihren inzwischen geschiedenen Ex-Mann bezeichnete sie wahlweise als „siebtes Kind“ oder als „Samenspender“, um ihren Wunsch nach einer großen Familie zu realisieren. Der Lebensgefährte der Mutter hatte ihren Schilderungen nach mit einem Alkoholproblem zu kämpfen und sie über lange Zeiträume immer wieder mit den Kindern allein gelassen.

Mordprozess Hasseldelle: Gutachterin sieht fehlende Empathie bei der Angeklagten

Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangte auch Faustmanns Gutachter-Kollegin Sabine Nowara, die weder in Bezug auf den bisherigen Werdegang der Angeklagten noch auf die Tat selbst irgendwelche Anhaltspunkte für eine Persönlichkeitsstörung zu erkennen vermochte. Auch sei nicht von einer Tat im Affekt auszugehen – dagegen spreche das planvolle mutmaßliche Vorgehen der Angeklagten, als sie morgens die Kinder wegen angeblicher Krankheit von der Schule abgemeldet hatte und später mit ihrer Mutter und ihrem Ex-Mann per Whatsapp kommunizierte. Die Behauptung der Angeklagten, ein maskierter Mann sei in die Wohnung eingedrungen und habe sie zu der Tat gezwungen, müsse nicht zwangsläufig einen pathologischen Hintergrund haben. „Man müsste sagen, es ist eine Erfindung.“

Kurz vor der Tat hatte die 28-Jährige ein Profilbild ihres Partners mit dessen neuer Freundin entdeckt. „Das war für sie auf jeden Fall eine narzisstische Kränkung“, so Nowara, die bei der Angeklagten psychopathische und narzisstische Persönlichkeitszüge sowie fehlende Empathie feststellte. Für eine therapeutische Unterbringung sehe sie keine Notwendigkeit, sondern „volle strafrechtliche Verantwortlichkeit.“

Antrag

Die Kammer muss noch über einen Antrag der Verteidigung für eine Untersuchung einer männlichen DNA-Spur entscheiden. Es soll geklärt werden, ob diese vom ältesten Sohn der Familie stammt.

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