Polizei und Feuerwehr klären auf

Möglicher Notfall: Wann dürfen Nachbarn in die Wohnung?

Ein überfüllter Briefkasten kann ein Anzeichen dafür sein, dass ein Nachbar Hilfe benötigt. Foto: Christian Beier
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Ein überfüllter Briefkasten kann ein Anzeichen dafür sein, dass ein Nachbar Hilfe benötigt.

Fast jeden Tag machen sich Solinger Sorgen um Mitmenschen – doch wer helfen will, muss Regeln beachten.

Solingen. Die allein lebende Nachbarin wurde seit Tagen nicht gesehen, ihr Briefkasten quillt über, auch ihr Auto ist seit Tagen nicht bewegt worden. In solchen Fällen machen sich Nachbarn immer wieder Sorgen und fragen sich, unter welchen Voraussetzungen sie nachsehen dürfen, ob die Vermisste vielleicht hilflos in ihrer Wohnung liegt. Dabei sind nach Angaben von Polizei und Feuerwehr Regeln zu beachten. Beide Stellen raten bei berechtigten Sorgen dazu, lieber einmal zu viel als zu wenig die professionellen Einsatzkräfte zu rufen.

Zahl der Fälle: Etwa alle zwei Tage geht bei der Polizei nach Angaben von Sprecher Stefan Weiand ein entsprechender Notruf aus Solingen ein. Viele dieser Fälle überschneiden sich mit denen der Feuerwehr. Dort waren es im vergangenen Jahr 272 solcher Einsätze. In zwei Dritteln der Fälle habe tatsächlich eine hilflose Person in der Wohnung gelegen, berichtet Rathaussprecher Thomas Kraft.

Schnell handeln: Als Beispiele für eine solche Notlage nennt Kraft medizinische Notfälle, bettlägerige Personen, die aus dem Bett gefallen seien und sich nicht selbst helfen können oder – im schlimmsten Fall – Verstorbene, die in der Wohnung liegen. Es sei wichtig, gegebenenfalls möglichst schnell zu handeln, erklärt Weiand.

„Rufen Sie im Zweifel die Polizei – lieber schnell als zu spät.“

Stefan Weiand, Polizeisprecher

Rechte der Nachbarn: In die Wohnung dürfen Nachbarn aber nur, wenn ihnen der Wohnungsinhaber bei früherer Gelegenheit einen Schlüssel übergeben habe. Weiand rät, im Notfall zunächst zu klingeln und einen Moment abzuwarten. Im Zweifel sei es auch ratsam, eine zweite oder dritte Person hinzuzuziehen, bevor man die privaten Räume eines anderen betrete. Wer sich unsicher sei, solle lieber die Polizei rufen, sagt Weiand, und zwar „lieber schnell als zu spät“. Laut Kraft haben die Bürger – wenn sie die Notlage nicht selbst beseitigen können – sogar die Pflicht, in einem Notfall oder beim Anschein eines Notfalls, die Feuerwehr oder die Polizei zu rufen.

Das Betreten einer fremden Wohnung sei für Nachbarn ein „schwieriges Thema“, weiß auch Funda Altun-Osterholt. Die Geschäftsführerin des Mieterbundes Bergisches Land berichtet: „Die Wohnung ist gesetzlich geschützt.“ Bei Gefahr im Verzug sieht sie aber „Grenzfälle“. Diese Grenze sei aber fließend. Wenn Nachbarn ein gutes Verhältnis zueinander hätten, erleichtere dies vieles. Eindeutiger sei die rechtliche Lage, wenn zuvor ein Wohnungsschlüssel übergeben worden sei. Aber auch dies sei keine „Allgemeinzustimmung“, die Wohnung jederzeit betreten zu dürfen.

Anzeichen: Wann eine „Anscheinsgefahr“ vorliege, sei gesetzlich geregelt, berichtet Kraft. Ein solcher Fall sei zum Beispiel gegeben, wenn ein Nachbar, der sonst jeden Tag seinen Briefkasten leere und scheinbar nicht verreist sei, über einen längeren Zeitraum nicht gesehen worden und der Briefkasten in dem Fall voll sei. Es können auch Geräusche aus der Nachbarwohnung sein, zum Beispiel ein immer wieder zu hörendes Klopfen an Heizungsrohren oder Ähnliches.

Missverständnisse: Wenn sich die Nachbarn gut kennen, erkennen sie laut Thomas Kraft auch besser eine Notlage. Die Feuerwehr rät nach seinen Angaben zudem, sich gegenseitig über längere Abwesenheiten zu informieren. So könnten Missverständnisse bereits im Voraus ausgeschlossen werden.

Sonderrechte: Polizei und Feuerwehr haben bei Gefahr im Verzug besondere Rechte, eine Wohnung zu betreten. Dies ist laut Kraft im NRW-Gesetz über den Brandschutz, die Hilfeleistung und den Katastrophenschutz geregelt. Die Polizei zieht laut Weiand meistens die Feuerwehr hinzu, um schnell helfen zu können. Bevor die Beamten aber gewaltsam in Privaträume eindringen, prüfen auch sie, ob ein Schlüssel zu beschaffen sei.

Kosten: Eines betont Kraft: Wer in gutem Glauben die Feuerwehr rufe, müsse nicht befürchten, die Kosten für den Einsatz tragen zu müssen – auch nicht, wenn sich die Sorge im Nachhinein als unberechtigt erweise. Kraft: „Kostenersatz droht hier nur bei böswilliger Alarmierung der Feuerwehr.“

Dies gilt für Kollegen und Chefs

Wenn jemand an der Arbeitsstelle unentschuldigt fehlt, fällt es laut Dr. Wolfgang Kleinebrink, Geschäftsführer des Solinger Arbeitgeberverbandes, den Kollegen zumeist schnell auf. Vorgesetzte, die sich Gedanken machen, sind laut IHK-Geschäftsführer Ludger Benda aber in einem Zwiespalt. Eine Pflicht, dem nachzugehen, gebe es zwar nicht. Es bestehe aber die Möglichkeit, beim Mitarbeiter zu Hause zu klingeln. Es könne allerdings der Eindruck entstehen, man wolle den Kollegen kontrollieren. Hier komme es auf das Verhältnis untereinander an. Als weitere Möglichkeit nennt Kleinebrink, Kontakt zu eventuell bekannten Angehörigen aufzunehmen. Auch Kollegen oder Chefs dürfen nicht ohne weiteres eine fremde Wohnung betreten.

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