Kinderschutz

Misshandlungen an Kindern haben zugenommen

Birgit Köppe-Gaisendrees, Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Bergisch Land (v. l.), Dorothea Schauf (Öffentlichkeitsarbeit) und Dr. Thomas Schliermann als Vorsitzender beklagen die Zunahme von Gewalt an Kindern. Foto: Simone Theyßen-Speich
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Birgit Köppe-Gaisendrees, Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Bergisch Land (v. l.), Dorothea Schauf (Öffentlichkeitsarbeit) und Dr. Thomas Schliermann als Vorsitzender beklagen die Zunahme von Gewalt an Kindern.

Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land besteht seit mehr als 30 Jahren.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Psychische und körperliche Gewalt, sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung – das traurige Spektrum ist groß, wenn es darum geht, was Erwachsene wehrlosen Kindern manchmal antun. Seit mehr als 30 Jahren kümmert sich die Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land um diese betroffenen Kinder. Sie hat ihren Sitz auf dem Gelände des Sana-Klinikums Remscheid, ist aber auch für Solingen zuständig.

Damals, Anfang der 1990er Jahre, sei das Thema Kinderschutz erst so richtig ins Bewusstsein vieler gekommen, erklärt Dr. Thomas Schliermann, Kinderarzt und Vorsitzender des Vereins. Deshalb habe sich die Kinderschutzambulanz als Verein gegründet. „Es ist eine zivilgesellschaftliche Aufgabe in unserer Gesellschaft, für den Schutz der Kinder zu sorgen.“ Ein durchaus sehr kräftezehrendes und besonderes Engagement, für das Einrichtungsleiterin Birgit Köppe-Gaisendrees erst in dieser Woche stellvertretend für ihr Team von NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) mit dem Landesverdienstorden ausgezeichnet worden ist.

Spezialisiert hat sich das hochprofessionelle Team auf besonders schwere Fälle. „Dafür arbeiten wir mit 80 Jugendämtern zusammen“, erklärt Dorothea Schauf, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Der Schwerpunkt liege aber in Remscheid, Solingen und Wuppertal.

Etwa 500 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 17 Jahren betreue die Kinderschutzambulanz pro Jahr. 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehören zum Team. „Pro Woche übergeben wir im Schnitt fünf Kinder auch auf die Kinderstation des Sana-Klinikums“, lobt Dr. Thomas Schliermann den engen Kontakt zum benachbarten Krankenhaus.

Unter dem Begriff „Nesting“ gibt es beispielsweise eine ambulante Hebamme für junge Mütter, die mit der neuen Aufgabe überfordert zu sein scheinen. Auf der Kinder- und Kinderintensivstation gibt es Zimmer für die besonders jungen Patienten, die mit einem Elternteil häufig als Notfall aufgenommen werden. Die Stationsschwestern helfen den Elternteilen beim Wickeln, Baden, Füttern und geben Tipps zum Stillen. Oft seien es Mütter mit einem Drogenproblem, zum Teil mit eigener Gewalterfahrung oder mit einer psychischen Erkrankung, die ihr Kind nicht richtig versorgen können, so Schliermann.

Erziehung: Mehr Eltern brauchen Hilfe

Betroffenen Kindern möglichst früh helfen

Wichtig sei es, betroffenen Kindern und Familien möglichst früh zu helfen. „Wer als Kind in chronischem Stress aufwächst, entwickelt sich schlechter, hat ein höheres Stresslevel, schlechtere schulische Leistungen bis hin zu Angst- oder Borderline-Störungen, Suchterkrankungen oder anderem gesundheitsschädlichem Verhalten“, erklärt der Mediziner. „Die Lebenserwartung kann so bis zu 20 Jahre geringer sein, weil sich die Probleme kumulieren.“

In den meisten Fällen melden die Jugendämter die Fälle. „Unsere Aufgabe sind die schnelle Hilfe und die erste Diagnostik“, erklärt Dorothea Schauf. Nur wenn nicht schnell genug ein Therapieplatz oder Hilfe in einer psychologischen Beratungsstelle gefunden werden kann, steigen auch die Mitarbeiter für eine Übergangszeit in die Therapie des betroffenen Kindes oder des Jugendlichen mit ein. Auch mit dem Institut für Rechtsmedizin gebe es eine enge Kooperation – oftmals seien die Fälle auch strafrechtlich relevant. Zudem gebe es im Sana-Klinikum eine Spezialistin für Kinder-Gynäkologie, um Missbrauchsspuren oder andere zugefügte Verletzungen zweifelsfrei zu erkennen.

Misshandlungen an Kindern nehmen zu – diese Bilanz muss das Team der Kinderschutzambulanz ziehen. In der Corona-Zeit seien „Kinder in Familien verschwunden“, wichtige Strukturen wie Kita, Schule, Sportvereine seien runtergefahren worden. Acht bis zehn Notfallanfragen gebe es pro Woche. Deshalb sei man aktuell bemüht, das Personal um zwei bis drei Stellen zu erweitern.

In Schulen und Kitas werden zudem Fortbildungen für Erzieher, Lehrer und Betreuer angeboten, um Verdachtsfälle früh zu erkennen. „Oftmals sind die Bezugspersonen, zu denen die Kinder in einem Machtverhältnis stehen, die Täter“, so Schliermann.

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Kontakt

Ärztliche Kinderschutzambulanz: Sana Klinikum Remscheid, Burger Straße 211, 42859 Remscheid, Tel. (0 21 91) 13 59 69

info@ksa-rs.de

Finanzierung: 80 Prozent wird mit dem Jugendamt abgerechnet, die restlichen 20 Prozent (200 000 Euro/Jahr) über Spenden.

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