Postkartenaktion gestartet

Missbrauch: Gläubige fordern Aufklärung

Mit einer Postkarte können sich die Gemeindemitglieder von St. Sebastian an das Erzbistum kritisch wenden. Grafik: St. Sebastian
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Mit einer Postkarte können sich die Gemeindemitglieder von St. Sebastian an das Erzbistum kritisch wenden.

Nach dem Suizid eines beschuldigten Pfarrers starten Solinger Gemeinden Postkartenaktion.

Von Kristin Dowe und Philipp Müller

Der Umgang des katholischen Erzbistums Köln mit Missbrauchsfällen durch seine Geistlichen beschäftigt nicht nur aktuell die Deutsche Bischofskonferenz. Auch tief in den Gemeinden in Solingen gibt es schon lange laute Kritik. In St. Sebastian startet am Wochenende eine Aktion mit 600 Postkarten. Die Gemeindemitglieder sollen dabei ihre Meinung und Vorschläge aufschreiben. St. Sebastian will die Postkarten in Köln ans Erzbistum und Kardinal Rainer Maria Woelki übergeben.

Das bekommt eine große Aktualität durch den Suizid eines Mitte der 90er Jahre in Solingen tätigen Geistlichen, der sich das Leben genommen hatte. Vier Tage zuvor war er mit Vorwürfen sexuellen Missbrauchs konfrontiert und seines Amtes enthoben worden.

Solingen: Ausgleichszahlungen belaufen sich auf bis zu 50.000 Euro

Die mutmaßlichen Taten und deren Hintergründe im Solinger Fall – offenbar im familiären Umfeld und nicht innerhalb der Gemeinde ausgeführt – würden im strafrechtlichen Sinne nicht weiter untersucht, sagt Dr. Oliver Schillings, Sprecher des Erzbistums Köln. „Die Aufklärungsarbeit konzentriert sich darauf, mögliche weitere Betroffene ausfindig zu machen und ihnen jede erdenkliche Hilfe anzubieten.“ Ausgleichszahlungen für Geschädigte beliefen sich in Einzelfällen auf bis zu 50 000 Euro. Grundsätzlich würden Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch durch Geistliche neben einer innerkirchlichen Aufarbeitung immer auch an die zuständige Staatsanwaltschaft weitergeleitet – auch dann, wenn die fraglichen Taten verjährt seien.

Als Konsequenz aus den massenhaften Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in der Vergangenheit habe das Erzbistum auf Initiative von Kardinal Woelki 2015 eine Interventionsstelle geschaffen, die Hinweisen nachgehe und, je nach Notwendigkeit, entsprechende Maßnahmen ergreife. Zusätzlich würden die Informationen an die Deutsche Bischofskonferenz sowie an eine unabhängige Aufarbeitungskommission weitergeleitet.

„Unrecht wird durch Zahlungen niemals aufgewogen.“

Manfred Jansen, früherer Dechant

Der frühere katholische Stadtdechant, der Prälat Heinz-Manfred Jansen, wünscht sich eine lückenlose Aufklärung. Zwar sei sexueller Missbrauch ein gesamtgesellschaftliches Problem, doch die katholische Kirche stehe jetzt besonders unter Beobachtung, wie sie die Fälle aufarbeite. Was in den Tätern vorgehe, könne er überhaupt nicht begreifen. Eine finanzielle Entschädigung sei sicher gut, aber moralisch gelte laut Jansen auch dies: „Ein Unrecht kann durch Zahlungen niemals aufgewogen werden.“ Kritik an der gegenwärtigen Praxis übt einer, der selbst als Jugendlicher Opfer sexuellen Missbrauchs durch kirchliche Würdenträger wurde: Matthias Katsch ist Vorsitzender des Vereins „Eckiger Tisch“, der sich für die Interessen von Kindern und Jugendlichen engagiert, die Opfer sexualisierter Gewalt speziell im Zusammenhang mit der katholischen Kirche wurden. „Unser Rechtssystem lässt es leider nicht zu, dass vor der Einstellung einer Ermittlung wegen Todes des Beschuldigten oder Verjährung wenigstens die Fakten aufgeklärt werden. Insbesondere für den Betroffenen, aber auch für das Umfeld, ist das bitter“, nimmt er auf ST-Anfrage zu dem Solinger Fall Stellung.

„Um die Verbrechen, um die es hier geht, aufzuklären und die Hintergründe aufzuarbeiten, ist es wichtig, dass so bald wie möglich eine unabhängige Aufarbeitung im Erzbistum in Gang kommt, die durch Öffentlichkeit und Parlament kritisch begleitet wird. Es handelt sich ja nicht um Einzelfälle.“ Er fordert als Interessenvertreter zudem eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene und zeigt sich skeptisch: „Auf die Aufklärung durch die Kirche selbst vertraue ich in keiner Weise. Dazu hat sie in der Vergangenheit zu oft gezeigt, dass sie es nicht kann, selbst wenn sie sich bemüht.“

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