Klimaschutz

Stadt will aus Abfall Wasserstoff machen

Jörg Germer von den TBS steht auf dem Dach des Müllheizkraftwerks. Dort soll bald Wasserstoff produziert werden für städtische Großfahrzeuge. Dabei spielen auch die Verlagerung der Müllwagenflotte zum MHKW und der Betriebshof des Verkehrsbetriebs (im Hintergrund) eine Rolle. Foto: Christian Beier
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Jörg Germer von den TBS steht auf dem Dach des Müllheizkraftwerks. Dort soll bald Wasserstoff produziert werden für städtische Großfahrzeuge. Dabei spielen auch die Verlagerung der Müllwagenflotte zum MHKW und der Betriebshof des Verkehrsbetriebs (im Hintergrund) eine Rolle.

Städtische Fahrzeuge könnten umweltfreundlich betankt werden – Erkundungsphase ist gestartet.

Von Dirk Lotze

Solingen. Die Stadt will mit Strom aus dem Müllheizkraftwerk (MHKW) klimaschonend Wasserstoff erzeugen – als künftigen und nachhaltigen Kraftstoff für die städtischen Nutzfahrzeuge. Eine Absichtserklärung gegenüber dem städteübergreifenden Zusammenschluss „Kompetenzregion Wasserstoff Düssel.Rhein.Wupper“ hat das MHWK bereits abgegeben. Im März soll es ein Abstimmungsgespräch zwischen dem städtischen Zentralen Betriebsausschuss und dem Aufsichtsrat der Stadtwerke per Video geben. Darüber informierte die Stadtwerke-Aufsichtsratsvorsitzende, Stadtratsmitglied Juliane Hilbricht (Bündnis 90/Die Grünen). Zur Perspektive formulierte sie: „Wir wollen sehen, welche Synergiemöglichkeiten wir nutzen können.“

„Aktuell ist der ,Konzern Stadt‘ bezüglich der Wasserstoffproduktion und -nutzung in der Erkundungsphase.“

Sprecher der Stadtverwaltung

Wasserstoff kann durch chemische Reaktion in Brennstoffzellen umgewandelt werden. Das Ergebnis ist elektrische Energie für die Motoren und Wasserdampf. Das Antriebs-prinzip ist leise und erzeugt keine schädlichen Abgase. Im Hinblick auf Betriebskosten gilt es als vergleichbar mit Dieselmotoren. Wasserstoff lässt sich bei Hochdruck schneller tanken als eine Batterie aufgeladen werden kann.

Der Nachteil des Wasserstoffs: Ein Großteil wird aus Erdgas gewonnen. Dabei entsteht viel Kohlendioxid (CO2), das in die Atmosphäre entweicht. Hier kann das Müllheizkraftwerk punkten: Hausmüll enthält nachwachsende Stoffe wie Pflanzenfasern. Mit Strom aus der Anlage der Technischen Betriebe Solingen (TBS) lassen sich große Mengen Wasserstoff klimaschonender erzeugen als mit Erdgas. Das Müllheizkraftwerk kann zusammen mit ähnlichen Betrieben in Wuppertal, Düsseldorf, Krefeld, Kamp-Lintfort und Oberhausen eine wesentliche Säule für die Produktion von klimaschonendem Wasserstoff in der Region werden. Die Investitionen fördert die Landesregierung mit Entwicklungsprogrammen.

Für die Stadt geht es zuerst um die Nutzfahrzeuge in ihrem Fuhrpark. Ein Stadtsprecher erläuterte: „Wasserstofffahrzeuge können eine gute Ergänzung zu batteriebetriebenen Fahrzeugen sein. Sie bieten dem Stadtkonzern die Möglichkeit, sein Ziel der CO2-Reduzierung bis 2030 zu erreichen. Mögliche Chancen liegen in der Nähe des Müllheizkraftwerks zu dem Betriebshof des Verkehrsbetriebs der Stadtwerke Solingen und der zukünftigen Verlagerung der Müllsammelfahrzeugflotte zum Standort des Müllheizkraftwerks.“ Er fügte hinzu: „Aktuell ist der ,Konzern Stadt‘ bezüglich des Themas Wasserstoffproduktion und -nutzung in der Erkundungsphase. Im Auftrag des Verwaltungsvorstandes untersuchen die TBS mögliche Produktionskapazitäten und Standorte sowie mögliche Fahrzeuge und deren Austausch durch Wasserstofffahrzeuge.“

Juliane Hilbricht stellte klar, dass es nicht um die Busse geht: „Die Stadt hat im Busverkehr richtigerweise auf den Batterie-Oberleitungsbus BOB gesetzt. Das ist zukunftsträchtig.“

Bremse für Wasserstoffprojekte sind die Investitionskosten, erläuterte der Stadtsprecher: „Das größte Risiko besteht heute in der Finanzierung von Wasserstoffproduktions- und Betankungsanlagen sowie der Wasserstofffahrzeuge.“ Allein für eine Wasserstofftankstelle mit Höchstdruckvorratstanks und Zapfeinrichtung können die Kosten laut anderer Quellen mehrere Millionen Euro betragen. Ob eine künftige Tankstelle am Müllheizkraftwerk für Firmen und Privatanwender zugänglich gemacht werden kann, ist laut Stadt noch völlig offen.

Hintergrund

Das Müllheizkraftwerk setzt Hausmüll rund um die Uhr überwiegend in Strom um, außerdem in Wärme für das Fernwärmenetz. Für die Wasserstoffproduktion wird Wasser durch Strom zersetzt, in Wasserstoff und Sauerstoff. Am MHKW bietet sich dafür die Nachtzeit an, wegen geringerer Strommarkt-Preise. Der Wasserstoff wird auf 700 bar verdichtet und in Hochdrucktanks gelagert. Das Tanken erfolgt an Spezialzapfsäulen.

Standpunkt: Die richtige Richtung

leon.hohmann@solinger-tageblatt.de

Ein Kommentar von Leon Hohmann

Angesichts der schleppend verlaufenden Mobilitätswende, die sich viel zu sehr an Elektromotoren mit unter anderem einer klimabelastenden Batterieproduktion klammert, ist es ein Schritt in die richtige Richtung, dass möglicherweise am Müllheizkraftwerk (MHKW) Wasserstoff produziert wird. Vor allem, weil es ein Schritt ist, den Solingen selbst steuern kann: von der Produktion über die Lagerung bis zur Benutzung – sprich dem Betanken städtischer Großfahrzeuge wie Müllwagen. Und gerade in Bezug auf die Topographie scheint der Wasserstoff eine gute Alternative zum Elektroantrieb gerade für große Fahrzeuge zu sein: Die Nachbarstadt Wuppertal hat es mir ihrer Anlage schon vorgemacht. Dort werden allerdings Busse mit Wasserstoff versorgt. Und die schlagen sich trotz bergischer Steigungen erstaunlich gut, wie die dortigen Stadtwerke berichten. Ein schnellerer Weg zum klimafreundlichen Solingen scheint mit dieser Idee also möglich.

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