Engagement

Menschen mit Behinderung eine Lobby geben

Edith Samson (l.) und Heidi Schmachtenberg (r.) vom Verein zur Förderung der Behindertenhilfe in Georgien unterstützten Ana Chutkerashvili bei ihrem Praktikum in Deutschland. Die junge Georgierin möchte in der Frühförderung arbeiten.
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Edith Samson (l.) und Heidi Schmachtenberg (r.) vom Verein zur Förderung der Behindertenhilfe in Georgien unterstützten Ana Chutkerashvili bei ihrem Praktikum in Deutschland. Die junge Georgierin möchte in der Frühförderung arbeiten.

Solinger Verein engagiert sich für die Behindertenhilfe in Georgien und hat dort erfolgreich eine Werkstatt aufgebaut.

Von Kristin Dowe

Solingen. Sichtlich stolz zeigt Ana Chutkerashvili ein kleines Büchlein, das wie ein Kinderspielzeug anmutet. Die einzelnen Seiten bestehen aus Filz, innen sind farbenfrohe Bilder von Früchten eingenäht, deren Elemente sich herausnehmen und per Klettverschluss wieder ankleben lassen. „Wir stellen auch Taschen aus Leder und Filz her“, erzählt die junge Georgierin, die für ein Praktikum in der Frühförderung nach Deutschland gekommen ist. Denn entstanden ist das Filzbuch in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Georgien, an deren Aufbau der Solinger Verein zur Förderung der Behindertenhilfe in Georgien maßgeblich mitgewirkt hat.

Der Kontakt sei über Anas Mutter bei einem Besuch in Georgien zustande gekommen, berichtet die Vorsitzende des Vereins, Heidi Schmachtenberg. Die beiden hätten sich bei einem Basar im georgischen Tiflis kennengelernt, bei dem von Menschen mit Behinderung hergestellte Produkte verkauft wurden. „Ich war sehr beeindruckt von dem außerordentlichen Engagement der Familie, die ausgehend von der Behinderung des eigenen Sohnes noch anderen Menschen tagsüber ein Angebot für diverse Aktivitäten macht“, berichtet Schmachtenberg. So gründete Anas Familie ein Tageszentrum für Erwachsene mit Behinderung, obwohl der Umgang mit behinderten Menschen in Georgien noch immer alles andere als selbstverständlich ist.

„In Georgien gibt es noch viele Vorurteile gegenüber behinderten Menschen, und die Leute möchten nicht so gerne ihre Sachen kaufen“, schildert Ana, die fließend Deutsch spricht. Ihre Familie sei diesbezüglich anders gewesen und sei bewusst in die Offensive gegangen. „Meine Mutter ist immer ganz normal mit meinem Bruder ins Kino oder Theater gegangen. Und auch ich verstecke meinen Bruder nicht.“

„Ich verstecke meinen Bruder nicht.“

Ana Chutkerashvili

Für das Projekt der Familie war Heidi Schmachtenberg gleich Feuer und Flamme. Die 84-Jährige war bis zu ihrem Ruhestand bei der Lebenshilfe Solingen tätig und baute bis zu ihrem Ruhestand im Jahr 2000 mehrere Frühförder- und Beratungsstellen im Ausland auf. „Ich habe mich schnell entschlossen, auch in Georgien eine solche Frühförderung aufzubauen, wo die Arbeit mit behinderten Kindern quasi unbekannt war“, blickt die 84-Jährige auf die Ursprünge des Vereins zurück. Mittlerweile gibt es dank der Hilfe des Vereins neben der nun entstandenen ersten Werkstatt zwei weitere Einrichtungen der Behindertenhilfe in Georgien, unter anderem in einer Schule. Für die Werkstatt habe sie sogar Unterstützung von der Deutschen Botschaft erhalten, die das Vorhaben mit rund 16 000 Euro unterstützte.

Von Land und Leuten sei sie bei ihren regelmäßigen Besuchen in dem Land, das mit vielen strukturellen Problemen wie Korruption kämpft, immer wieder fasziniert. „Die Menschen sind unglaublich freundlich. Obwohl sie nichts besitzen, tischen sie das Letzte auf, was sie haben.“

Für Ana Chutkerashvili hat sich ihr Besuch in Deutschland auf ganzer Linie gelohnt − sie weiß nun genau, was sie beruflich machen möchte. „Ich habe gemerkt, dass ich zu Kindern mit Behinderung eine besondere Verbindung habe. Deshalb möchte ich in der Frühförderung arbeiten.“ Während ihres Aufenthalts in Solingen hospitierte sie in verschiedenen integrativen Kindertagesstätten und war beeindruckt, wie eigenständig und frei die Kinder in Deutschland erzogen werden. „In Georgien ist die Erziehung sehr streng und autoritär. Als ich im Kindergarten war, durfte ich zum Beispiel nur zu einer bestimmten Zeit zur Toilette gehen.“ Da sie in Georgien auch journalistisch gearbeitet hat, möchte sie die Menschen in ihrer Heimat stärker für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung sensibilisieren und Impulse aus der pädagogischen Arbeit in Deutschland mit nach Georgien bringen.

Ukraine-Krieg sorgt in Georgien für große Angst

Große Sorgen bereitet der jungen Frau der anhaltende russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Als eine der ersten Sowjetrepubliken hatte sich Georgien 1991 von der damaligen Sowjetunion losgesagt − mit Schrecken erinnert sich die Bevölkerung bis heute daran, wie eine friedliche Demonstration vor dem Parlamentsgebäude in der Hauptstadt Tiflis von Sondereinheiten der sowjetischen Armee im April 1989 blutig niedergeschlagen wurde und zahlreiche Tote forderte.

Die Angst vor Russland sei ein ständiger Begleiter, sagt Ana. „Die Menschen haben Angst, dass sie in Georgien einschlafen und in Russland aufwachen.“ Für die Werkstatt und den Gedanken der Frühförderung wolle sie sich in dieser schwierigen Situation gerade deshalb unbeirrt einsetzen. „Die Gesellschaft hat sich immer noch nicht auf Menschen mit Behinderung eingestellt.“

Hintergrund

Die Solingerin Heidi Schmachtenberg gründete 2002 den „Verein zur Förderung der Behindertenhilfe in Georgien“. Mit seiner Hilfe wurden Einrichtungen der Behindertenhilfe und Frühförderung in den georgischen Städten Rustawi, Kwemo Kartli und Tiflis aufgebaut. Wer den Verein mit Spenden unterstützen möchte, kann sich telefonisch an Heidi Schmachtenberg wenden unter Tel. (02 12) 72 43 7.

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